Tag: 8. März 2006

  • Plagegeister die mich riefen

    Obschon das Leben von Tag zu Tag, ja gar von Minute zu Minute moderner wird, nuzt die Menschheit nicht die Zeit, darüber nachzudenken, wie man es sich gemütlicher machen kann. Im Gegenteil setzen Ingenieure sogar alles daran, immer neue Wege zu finden, wie wir uns nerven lassen können. Mit Telephonen zum Beispiel, die man ständig mit sich herumtragen soll, um jederzeit und an jedem Ort sofort wie der Pawlowsche Hund sabbernd auf ein mißtönendes Alarmsignal zu reagieren.

    Diese Vorstellung hat sich anruferseits bereits so stark etabliert, daß es auch bei Anrufen auf dem heimischen Apparat offenbar erforderlich ist, innerhalb von 5,7 Sekunden den Anruf entgegenzunehmen. Nun bin ich ja noch einigermaßen sportlich, aber soll ich auf ein Telephongetriller hin Besteck, wie Teller fallen lassen und einem zu Tode erschreckten Orang Utan gleich durch die Wohnung rennen?

    Das soll ich wohl, werde es aber nicht. Niemals!

    Ein Protokoll der verpassten Gelegenheiten:

    Aus dem Schlaf gerissen, durch unaufgefordert eingehenden Anruf eines Unbekannten.

    „Fellow Passenger, guten Morgen.“

    „Tut … tut … tut …“

    Duschen. Nach der Rückkehr aus dem Badezimmer, eine Nachricht von einem unbekanntem Anrufer auf dem Anrufbeantworter. Die hochinteressante Information: „Tut … tut … tut …“

    Frühstück. Nach der Rückkehr aus der Küche, ein Anruf ohne hinterlassene Nachricht. Rufnummer unbekannt.

    Einkaufen. Danach eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Nummer keine, Nachricht: „Tut … tut … tut …“

    Im Ergebnis konnte hier offenbar viel operative Hektik ausgelebt und verbreitet werden. Ein Austausch von Informationen oder Kommunikation fand nicht statt. Ist wahrscheinlich auch nicht so wichtig.

    Es würde mich allerdings schon interessieren, was das für Leute sind, die da anrufen. Ich stelle mir vor, daß sie in Zellen sitzen, die so klein sind, daß das Telefon nie weiter als eine Armlänge entfernt ist. Diese Zellen können die Anrufer nicht verlassen, weshalb der Raum anstelle eines Sessels mit einer Toilette möbliert ist. Weil Essen viel zu lange dauern würde, führt ihnen eine Magensonde durch die Nase ständig einen künstlichen Nährbrei zu, der telephonisch nachbestellt wird. Vielleicht haben sie das Telephon auch bereits längst implantiert.

  • Es ist alles unterhöhlt

    Die Kunden des Englischen Internet-Dienstleisters Plusnet Technologies Ltd in Sheffield können dessen Mitarbeitern gleich live im Internet zuschauen, wie sie ihre Arbeit verrichten, in der Nase bohren, oder private Telefongespräche führen.

    Das können nicht nur die Kunden von Plusnet, sondern jeder der einen Internetzugang hat. Um das Videoüberwachungssystem dieses Unternehmens anzuzapfen braucht man nichts weiter als eine Suchmaschine wie Gooogle.

    Sucht man nach inurl:“axis-cgi“ site:plus.net, spuckt der Suchdienst die Internet-Adressen von acht Überwachungskameras aus, die in den Büroräumen des Unternehmens angebracht sind: Kamera 1, Kamera 2, Kamera 3, Kamera 4, Kamera 5, Kamera 6, Kamera 7, Kamera 8

    Zugegeben: Das dort gebotene Programm ist kaum spannender als eine beliebige Folge von Big Brother. Dort wissen die Teilnehmer aber immerhin, daß sie gefilmt werden. Ob die Mitarbeiter des Internet-Anbieters ahnen, daß ihnen die ganze Welt bei der Arbeit zusehen kann, ist dagegen eher fraglich.

    Die Gooogle-Suche ist natürlich nur ein Beispiel. Wenn Sie „site:plus.net“ weglassen, finden Sie noch 24.000 weitere lustige Überwachungskameras rund um den Planeten. Manche lassen sich über die eingebaute Weboberfläche sogar neigen, drehen und zoomen.

    Wer sich gerne nach einzelnen Ländern durch das Überwachungsfernsehprogramm im Internet zappt, ist bei opentopia.com gut beraten. Interessant ist dort ein Vergleich der Anzahl der angebotenen Kanäle pro Nation. So führt die Schweiz mit 8,43 Kameras pro 1 Million Personen deutlich vor Österreich mit einer Rate von 3,00, denen die USA knapp mit 2,31 folgt. In China kommt sogar nur eine Kamera auf 1306 Millionen Personen. Deutschland bringt es auf 0,61.

    Die Videoüberwachungssysteme, die von staatswegen betrieben werden, sind natürlich bestens geschützt. Schließlich geht es um unsere Privatsphäre.