Sherlock Holmes

von Fellow Passenger

Guy Ritchie hat einen Action-Reißer im Stil von Guy Richie in die Kinos gebracht. Während Sherlock Holmes und sein treuer Begleiter, Dr. Watson munter Backpfeifen austeilen und dabei lockere Sprüche absondern, bedient sich der Regisseur einer Verfremdungstechnik, wie sie spätestens seit Brechts Theaterstücken bekannt ist. Ob der Zuschauer die, zumindest bei Brecht gewollte, kritische Distanz einzunehmen vermag, wenn eine Abfolge von Tritten und Hieben zunächst in Zeitlupe per Voice-Over kommentiert wird und anschließend die selbe Einstellung nochmal in normaler Geschwindigkeit abläuft, mag von jeweiligen Zuschauer abhängen.

Die mehr oder weniger britische Aussprache der Akteure würde man sich im London der Jahre 1886 bis 1894 vielleicht antiquierter, zumindest aber etwas weniger amerikanisch vorstellen. Als in einer Szene eine US-Botschafter auftritt, ist dieser kaum am Dialekt zu unterscheiden, wobei sich das damalige Amerikanisch vielleicht tatsächlich noch etwas britischer angehört haben mag.

Was den Film interessant machen hätte können, wäre der sorgsam von Arthur Conan Doyle ausgearbeitete Charkater des bisweilen melancholischen, von professioneller Neugierde besessenen Sherlock Holmes. Mehr als die auffälligsten Merkmale abzuhaken war Darsteller Robert Downey jr. jedoch nicht vergönnt.

So sperrt sich Holmes einige Tage in sein abgedunkeltes Zimmer, ohne sich der Körperpflege zu widmen. Er beschäftigt sich stattdessen Tag und Nacht mit der Erfindung eines offensichtlich nicht wirksamen Schalldämpfers für Handfeuerwaffen. Depressive Phasen: abgehakt.

Sherlock Holmes schließt aus dem hellen ringförmigen Abdruck auf dem Ringfinger von Watsons Verlobter, daß sie zuvor schon einmal verheiratet gewesen sein musste. Aus reichem Schmuck, aber dunklerem Teint als der Ringabdruck, leitet er ab, sie entstamme einer Gesellschaftsschicht, die unterhalb jener ihres Ex-Gatten lag. Meisterhafte Beobachtungsgabe: abgehakt.

Der noble Meister der Kriminalkunst wird von seiner ehemaligen Gattin aufgesucht, was ihm sichtlich mißfällt. Deswegen will er die hochprofessionelle Diebin alsbald an Schottland Yard ausliefern. Oder etwas später. Oder doch auch gar nicht. Homosexualität: abgehakt.

Ein Homosexueller Held in einem Hollwood-Steifen mit Kassenschlagerausrichtung? Selbstverständlich nicht! Auf keinen Fall! Er muß die Ex küssen. Unbedingt! Beim ersten Mal zur Not betäubt.

Als Watson einem Experiment Holmes mit Stubenfliegen in einem Glas beiwohnt, weist er ihn darauf hin, das was er gerade trinke, sei eigentlich zur Anwendung in der Augenchirurgie bestimmt. Drogenproblem: Abgehakt.

Augenchirurgie. Trinken. Aha. Die Figur von Arthur Conan Doyle spritzt sich regelmäßig Kokain und verschwindet auch schon mal einige Tage spurlos, um sich in einer Opiumhöhle, wie sie im London des 19. Jahrhunderts verbreitet waren, häuslich einzurichten. Während des Afghanistaneinsatzes opiumabhängige Helden in einem amerikanischen Film? Freilich nicht! Politoxikomanie: Lieber weggelassen.

War da nicht was mit Boxen? Ja, Holmes war unter anderem auch geschickt im Boxkampf, wenngleich diese Eigenschaft in den Orignalgeschichten so gut wie nie vorkam. Auf keinen Fall dabei, wie Holmes sich in einem verdreckten Ring bei Straßenboxkämpfen ein Zubrot zu verdienen sucht. Apropos Boxen. Von Watson ist bekannt, daß seine Gesundheit bereits unwiederbringlich ruiniert war, als er, nach seiner Rückkehr aus Afghanistan, Holmes zum ersten Mal traf. Mit einem zertrümmerten Schulterblatt und von Typhus gezeichnet, konnte er nur bei mildem Wetter überhaupt das Haus verlassen. Ganz sicher konnte er sich nicht an Prügeleien seines Freundes beteiligen. Boxen: Unwichtig, aber abgehakt

Das blasierte Gerede, mit dem Sherlock Holmes aller Welt auf die Nerven zu fallen pflegte, wollte Herr Ritchie im Kino wohl lieber nicht zeigen. Nicht daß am Ende noch der Zuschauer genervt wird. Könnte er nicht stattdessen lieber ein paar Mal wegen irgendwelcher Bagatellen verhaftet werden? Oh, ja, er kann. Sogar zusammen mit Watson. Blasierter Dozierton: lieber weggelassen.

Für eine Ermittlung hüpft der Held aus dem ersten Stock in eine Aschentonne, setzt im Vorbeigehen den Hut eines Gauklers und eine zufällig herrenlos herumliegende Augenklappe auf, um unauffällig seine Ex-Gemahlin zu beschatten. Meister der Verkleidung: abgehakt.

Ebenfalls ein von Arthur Conan Doyle sorgfältig ausgefeilter Charakter ist Professor Moriarty, das kriminelle Genie , das Holmes intellektuell ebenbürtig ist. Wohl deswegen darf er im Film erst gar nicht mitspielen. Es wäre auch fraglich welche sinisteren Pläne er sich noch würde aushecken können, wenn schon der vorhandene Bösewicht nicht geringeres plant, als den fünf schon begangenen Ritualmorden noch drei weitere folgen zu lassen, anschließend das Britische Parlament zu vergiften und dann endlich die Weltherrschaft an sich zu reißen. Das, so behauptet er, würde ihm schon deswegen leichtfallen, weil die “verlorene Kolonie” jenseits des Atlanik, gerade durch einen Bürgerkrieg vollkommen abgelenkt wäre. Der übrigens gestapolederbemäntelte Ölfrisurenträger hatte wohl einfach übersehen, daß der amerikanische Sezessionskrieg zum Zeitpunkt der Grundsteinlegung der Towerbridge im Juni 1886 bereits seit 31 Jahren vorbei war. Die Konföderierten kapitulierten bekanntlich bereits am 23. Juni 1865 in Texas. Aber auch ohne seine Ahnungslosigkeit um die jüngeren Geschicke der Welt, wirkt dieser Filmbösewicht insgesamt ähnlich furchterregend wie ein Goldhamster, der auf die Gelegenheit wartet,  aus seinem Käfig auszubüchsen.

Nach zwei Stunden beginnt man der Explosionen, ganz zersägte Schweinen und fast zersägten Hauptfiguren, Prügeleien und Sprüngen aus den Fenster allmählich überdrüssig zu werden und freut sich über den Showdown in Form eines Fechtkampfs auf der noch im Bau befindlichen Tower Bridge. Daran knüpft noch eine hastige Erklärung Holmes an Watson und seine Zukünftige, mit welchen faulen Tricks der Goldhamster alle außer Holmes zum Narren gehalten hatte.

Ein immerhin kurzweiliger Action-Klamauk, in der Gladstone als Bulldogge der beiden Hauptfiguren, durchaus überzeugen kann (wenn man darüber hinwegsieht, daß ein solches Tier bei Arthur Conan Doyle nur anfangs einmal von Watson, vermutlich im Scherz, erwähnt wird. Im weiteren Werk kommt es nicht mehr vor).

4 Kommentare zu “Sherlock Holmes”

  1. flattersatz

    Ich merke, hier hat einer die Latte hoch angelegt, sich die Freiheit genommen, den Filminhalt an der literarischen Vorlage zu messen. So habe ich jetzt wenigstens mal etwas über den Doyle´schen Holmes erfahren…

    Adaptionen mit Anpassungen an den Zeitgeist verkommen leider meist nur zum Verkaufsargument, weil sie neugierig machen. Wenn man das Opus als Eigenes nimmt und den kleinen “Etikettenschwindel” mal aussen vor läßt, ist es aber immerhin – wie richtig festgehalten – kurzweiliges Popcorn-Kino.

    Wuff!!

  2. Fellow Passenger

    Im Grunde haben sich die Filmproduzenten die Messlatte ja durch die Wahl des Namens selbst so hoch gehängt. Die Taktik, sie zu unterfliegen, um nicht darüber zu stolpern, scheint aber aufzugehen.

  3. kubelick

    es schien mir, als wäre der film von broccoli produziert, denn… schon das einleitende erscheinen von holmes erinnerte stark an das anderer englischer superhelden, die es pflegen mit bombastomanischem entreé die filme zu eröffnen. doch wo bei den anderen superhelden das budget für gimmicks und stets sich potenzierenden verfolgungsjagden erheblich elastischer ist, war bei holmes in den ersten 10 minuten das potential erschöpft: der rest war nur eine vorhersehbare wiederholung.

    im grunde erfährt man garnicht, wer dieser holmes eigentlich ist. grosse mühe wäre es nicht gewesen zu berichten, dass watson ein zertrümmertes schulterblatt hat. jedoch ein solches detail verliehe der figur ein wenig tiefe, eine geschichte, eine humane seite. so ist es nur jude law mit ulkigem schurbart.

    holmes’ kuturelle oder geographische herkunft liess sich weder aus der aussprache noch irgendeiner charaktereigenschaft herleiten. was ihn zwar international ambivalent macht und unsere stereotypischen erwartungen enttäuscht, doch die undefinierbare kulturelle herkunft bügelt den charakter noch flacher, dünner, entfernt ihn in die fremde , sodass es unmöglich ist, eine noch so spurenhafte sympathie aufzubauen. demnach bleibt holmes dem zuschauer völlig wurscht.

    was die terminierung angeht, war wohl dem verleih nicht klar, dass nach avatar gutes drehbuch und hervorragende schauspielkunst erfolgsversprechender gewesen wäre, als ein vergleichbar bescheiden-budgetierdes cgi-tower bridge.

  4. Fellow Passenger

    Ja, an James Bond mußte wohl jeder Zuschauer unweigerlich denken, lieber Herr Kubelick.

    Wenn man allerdings die eröffnende Verfolgungsszene von Casino Royale mit der einleitenden Keilerei von Sherlock Holmes vergleicht, merkt man bereits, wie zweitklassig die viktorianische Ausgabe ist.

Kommentieren Sie

Quicktags: