Anhaltender Niederschlag

von Fellow Passenger

Regen in der Küche

Regen in der Küche

Seit Freitag regnet es vor der Balkontür  in der Konferenzküche der Redaktion. Innen, wohlgemerkt. Der Dachdecker sagt, solange der Schnee auf dem Dach noch nicht geschmolzen ist, kann er das Dach nicht reparieren.

Der Vermieter sagt, man soll die Heizung runterdrehen, damit der Schnee nicht so schnell schmilzt. Schön, wenn man von Experten umgeben ist.

Würde die Redaktion nicht sorgfältig und regelmäßig wischen und die ausgebreiteten Handtücher wechseln oder auswringen, wäre sie dafür verantwortlich, wenn in den Räumen unter der Redaktion ebenfalls Wasserschäden entstünden, findet der Vermieter außerdem. Etwas womit man Wasser auffängt, das in der Wand nach unten läuft, findet der Vermieter hingegen nicht.

Der Vermieter ist auch Händler. Händler für Kunststoffprodukte nämlich. Der Laden wäre voll von rechteckigen Plastikschüsseln, die wesentlich mehr des von der Decke herabtropfenden Wassers auffangen könnten, als unsere runden Eimer, Kochtöpfe, Tassen, Gläser und Suppenteller . Seine Behältnisse, mochte der Vermieter uns aber lieber nicht anvertrauen. Sollen wir eben mehr wischen.

Endlich eine zweite Dusche. Leider nur kalt.

Endlich eine zweite Dusche. Leider nur kalt.

Die vielen Tropfen an der feuchten Decke glitzern und blinken, daß es eine einzige Freunde ist, bis sie schließlich mit einem kecken “Plitschplatsch” in einen der  Eimer fallen. Das “Plitsch” entsteht, sobald der Tropfen in den Eimer fällt und wird sofort von einem “Platsch” beantwortet, der Einschlag in die Wasseroberfläche des Eimers aus ihr einen weiteren Topfen herauslöst und dieser schließlich in den Eimer zurück fällt.

Sie haben eine frische gelbliche Farbe und duften nach morschem Holz und tragen eine leichte Note von Lindan.

Wir dürfen uns zunächst auf die Schneeschmelze freuen, der ein weiterer Besuch des Dachdeckers folgen soll. Nach Vollendung seines Flickwerks soll ein Maler die Schäden beseitigen, stellt der Vermieter sich vor.

Wir rechnen eher damit, daß davor noch ein Trockenbauer die Decke öffnen wird müssen und wir ein bis zwei Monate das Gebrumme und den Stromverbrauch eines Bautrockners weden dulden müssen.

Der Vermieter ist davon überzeugt, all diese Kosten würden durch die Gebäudeversicherung getragen.

Wir wissen vom Dachdecker, das marode Dach hätte schon vor über zehn Jahren neu gedeckt werden müssen. Die Versicherung weiß das hoffentlich nicht. Sonst wird die Frage zu klären sein, ob die Immobilie auch gegen Vergammeln wegen unterlassener Instandhaltung versichert ist.

Um einstweilen weniger wischen und wringen zu müssen, entstand eine gelungene Konstruktion aus Kunststoffplanen (Müllsäcke), um den großflächigen Niederschlag an zwei Punkte zu kanalisieren, auf das alles Wasser gezielt in zwei Eimer fließe und auf diese Weise nichts mehr daneben geht.

Das Wasser tropft nun durch ein Loch in der tiefsten Stelle der Plane

Das Wasser tropft nun durch ein Loch in der tiefsten Stelle der Plane

In den Fensterscheiben spiegeln sich übrigens hilfsbereite Touristen aus Leipzig, die mit ihren Digitalkameras die schönsten Erlebnisse ihrer Münchenreise festhalten.

Sie werden daheim von den patenten Münchnern zu erzählen wissen, die aus der Not eine Tugend machen zu verstehen und in wenigen Minuten eine Gästedusche in ihrer Küche bauen können.

Die Geräuschentwicklung hat sich dadurch deutlich verändert. Statt “Plitschplatsch” hören wir nun wie sich alle paar Minuten ein dünner Strahl in den Eimer ergießt. Sehr praktisch. Dummerweise muß man wegen der Geräuschkulisse nun dauernd auf die Toilette, auf der sich die Wasservorkommen aber immerhin nur in den dafür vorgesehenen Bahnen bewegen.

7 Kommentare zu “Anhaltender Niederschlag”

  1. Jörg Reinhardt

    Ich will Euch ja keine Angs machen…
    Aber als Zimmermann muß ich das wohl…
    Wenn das Dach seit Jahren undicht ist, und das austretende Wasser nach fauligem Holz riecht, wird es mit Trockenbauer und Baulüfter nicht getan sein. Das klingt mehr so nach austauch von Sparren und vor allem der Schwelle, auf der Diese Aufliegen, also offenes Dach, Gerüst im Innenraum usw…
    Alles gut Dokumentieren und einen Anwalt einschalten, sonst bleiben die Kosten noch an Euch hängen!

  2. kubelick

    ich kann mich, bester herr weniger jolly, von einem expertenkommentar nicht zurückhalten und muss unverzögerlich verkünden, dass dieses ereignis bereits lange überfällig war und dies, werter jolly good, wusste der eigentümer des anwesens, denn….
    er hat vorsorglich und arglistig die konferenzküche mit raufasertapette verunstaltet in der hoffnung, die heruntereilende feuchte bzw. nässe könnte von den fädchen unmerklich aufgesaugt werden. der von solch habsucht durchtriebener eigentümer verdient kein mitgefühl und soll augenblicklich auf seelischen schaden verklagt werden. tagein tagaus einer raufaserigen optischen monstrosität ausgesetzt zu werden, zudem auch schon zur delikaten frühstückszeit, verlangt eine wiedergutmachung! fordern sie die höchste straffe für visuelle tortur! beantragen sie einstweilen asyl für visuell misshandelten.

  3. Fellow Passenger

    Nicht nur gut, sondern sogar öffentlich ist es ja jetzt dokumentiert, werter Herr Reinhardt. Mit Mietminderung und anwaltlichen Schriftsätzen werden wir den Vermieter aber einstweilen nicht traktieren.

    Sie haben freilich Recht, geschätzter Herr Kubelick. Allerdings hat das Wasser die entsetzliche Tapete glücklicherweise hinfortgespült.

  4. kubelick

    ich fordere sie auf, die mahnung des vermieters zu ignorieren und revolutionär alle heizungen auf “full throttle” aufzudrehen, damit der geschmolzene schnee in kathartischen strömen herunter kommt und auch die restiliche tapete wegspült. dabei können sie natürlich mit erleuchtendem lächeln die glocke zwei mal schlagen bis ihre knöchel von seifigem kleister umspült sind und das wahre gesicht der konferenzküchen ihnen entgegenstrahlt.

  5. Anonymous

    Der Schmalspurbuddist aus der Vorstellung von Roland und Ute Emmerich hat es Ihnen offenbar angetan, mein allerbester Herr Kubelix.

    Derweil wühlen wir mit bloßen Händen im tapetenverkleisterten Morast, in dem sich Recht und Diplomatie vermischen.

  6. kubelick

    Derweil wühlen wir mit bloßen Händen im tapetenverkleisterten Morast, in dem sich Recht und Diplomatie vermischen.

    sind sie sicher, dass sie sich nicht in der bundestagskantine befinden?

  7. Fellow Passenger

    Aber gewiß! Dort sind weder Recht noch Diplomatie bekannt, wie Ihnen nicht nur die Reden analliberaler Parteihäuptlinge tagein, tagaus vor Augen führen.

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