Das also ist des Poodles Kern

Ralf (43), der Kopf hinter poodlepop.net, über deutsche Gegenwartsliteratur, alberne Haustiere, den Geiz der Schwaben und Zensur in Weblogs.

Porträit von Ralf aka PoodleHast Du Deine Kunstfigur, den überheblichen Gourmand Herrn Poodle an ein literarisches Vorbild angelehnt, oder wie ist er entstanden?
Es gibt kein konkretes Vorbild, jedenfalls keines was mir bekannt ware. Es ist zwar durchaus möglich, daß Züge literarischer Lieblingsfiguren mit eingeflossen sind, ich würde aber sagen, es bleibt diffus. So genau benennen kann ich es zumindest nicht. Es ist auch gar kein richtiges Konzept, was der Figur zugrunde liegt. Sie plätschert so vor sich hin und entwickelt sich glaube ich erst. Da gibt es keinen wirklichen Plan, durch den die Figur klar umrissen wäre.

Wie kam es zu dem Namen „Poodle“?
Da könnte ich mich jetzt aufblähen und auf den Faust verweisen, auf Schopenhauer und solche Dinge, der Pudel als literarisches Motiv. Es ist aber sehr viel einfacher. Es ist irgendein Zeug, was einem eben mal so einfällt. Die Kombination aus vielen O’s und vielen P’s in „poodlepop“ fand ich witzig. Es sieht albern aus, wenn es so dasteht. Dann ist auch der Pudel ein ziemlich albernes Tier.

Warum ist der Pudel besonders albern im Gegensatz zu anderen Tieren?
Ich glaube er ist ja gar nicht wirklich albern, er wird zu einer albernen Figur gemacht. Durch die Haarschnitte und das Geföhne. Er gilt in gewisser Weise auch als arrogant, ist aber in Wirklichkeit gar kein so blöder Hund, er gehört meines Wissens eher zu den intelligenteren Hunden.

Dein Schreibstil findet bei Deinen Lesern großen Anklang. Woher hast Du diese Fähigkeit zur Formulierung?
Wenn es sie denn gibt, kann ich nur vermuten: viel Lesen! Ich habe jedenfalls keine Schule oder Kurse für Creative-Writing oder sowas besucht.

Wer ist Dein Lieblingsautor?
In der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gibt es eine ganze Reihe, die ich gerne mag. Ganz sicher Henscheid, ganz sicher Genazino. Wiglaf Droste lese ich gerne. Jörg Fauser finde ich auch ziemlich gut. Frank Schulz natürlich. Ganz groß, ein Gott. „Morbus Fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien“ kann ich nur empfehlen. Ich möchte mich nicht mit denen vergleichen, das wäre vermessen. Aber von den schrägen Figuren, die in den Geschichten herumlaufen, stecken sicher auch einige Züge in Herrn Poodle.

Das soziale Umfeld des Herrn Poodle bilden ja im wesentlichen zwei Zwergteufel. Was hat es damit auf sich?
Das ist eine literarische Anspielung. Es gibt eine Geschichte von Franz Hohler, in der geht es darum, daß sich mal einer einen Teufel als Haustier zugelegt hat, der hat dann ganz furchtbare Dinge getan. Wenn man das mit dem üblichen Haustiergedöns verbindet, wie Zwergkaninchen und Zwergpudel – das gibt es ja, daß man irgendwelche Tiere einfach verzwergt und dann eignen sie sich plötzlich als Haustiere – finde ich es einfach besonders absurd.

Auch im wahren Leben ißt Du gerne Kekse. Wer bäckt die eigentlich?
Die kommen unter dem Jahr aus dem besseren, gutsortierten Supermarkt. Gegen Weihnachten hin gibt es dann diverse Verwandte, Schwestern und so weiter, die das ganz exzellent machen und mich immer großzügig ausstatten. Wenn es gut läuft und ich gerade flüssig bin, kommen sie auch mal aus der Konditorei.

Wie wichtig ist Essen und Trinken für Dich?
Abgesehen davon, daß es eine notwendige Versorgung darstellt, ist Essen über alle Maßen wichtig, im Sinne von Genuß. Ich würde mich zwar nicht als Gourmet bezeichnen, aber ich lege Wert auf gutes Essen und gutes Trinken.

Porträit von Ralf aka PoodleWas ist Dein liebstes Gericht?
Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Da gibt es wohl eine ganze Palette.

Stuttgart gilt vielen als die langweiligste Stadt in Deutschland. Wie lebt es sich dort?
Da lebt es sich eigentlich ziemlich gut, für meine Begriffe. Stuttgart hat einen diskreten Charme, den man sich erst erschließen muß. Es ist keine Stadt, wo man als Fremder hinkommt und sofort begeistert ist, wie meinetwegen New York oder vielleicht ansatzweise auch München, wo sofort klar ist, hier steppt der Bär. Es ist eher etwas in sich gekehrt. Es gibt diese Redewendung, „man trägt den Pelz nach innen“. Wenn man sich mal eingefunden hat, ist es eine sehr angenehme, unaufgeregte, tolerante, freundliche Stadt. Aber unspektakulär.

Man sagt, Schwaben wären geizig. Was ist dran an diesem Vorurteil?
Ich glaube das hat einen wahren Kern. Der hat weniger mit krankhaftem Geiz zu tun, den gibt es überall. Es hat eher etwas damit zu tun, daß man guckt, wofür man sein Geld ausgibt. Es scheint mir hier sehr verbreitet zu sein, daß man nicht unbesehen jeden Scheiß kauft, sondern sich relativ lange schlau macht und sehr gezielt versucht, gute Qualität und Beständiges zu bekommen. Dazu kommt der erwähnte Hang, den Pelz nach innen zu tragen. Wenn man das mit München vergleicht, was einen sehr extrovertierten Eindruck macht, wo man, um im Bild zu bleiben, den Pelz nach außen kehrt, könnte man Understatement als Geiz mißverstehen.

Warum findest Du die Inder unsympathisch?
Ich finde die überhaupt nicht unsympathisch. Ich kenne relativ wenige Inder (lacht). Das ganze ist im Original ein Aufkleber von „Ein Herz für Kinder“ von der Bildzeitung. Auch diese 25 Jahre sind vom Original. Da mußte man nur das K austauschen, um das ganze ins Absurde zu verkehren. Der Witz ist auch, daß ich das vor mehr als 2o Jahren schon einmal gemacht habe. Ich war Zivildienstleistender bei der Arbeiterwohlfahrt, habe mir – damals noch mit der Schere – Aufkleber gebastelt und die dann auf den Dienstwagen gepappt. Darauf gab es sofort lauter empörte Anrufe. So ist auch der ziemlich schale Witz schon fast 25 Jahre alt, was den Jubiläumsausruf noch absurder macht. In seiner ganzen Tiefe versteht ein Außenstehender das natürlich nicht, aber das ist auch völlig wurscht.

An welche Leserschaft richtet sich poodlepop?
Die darf sich frei formieren. (Lacht) Ich kann es mir ja nicht aussuchen. Da bin ich offen.

Stichwort „Politblog versus Befindlichkeitsjournal“ – Was liest Du in Blogs am liebsten?
Politblogs geben mir meistens nicht so viel. Es ist manchmal ganz nett zu lesen, aber eine große Bereicherung ist es nicht, was da drinsteht weiß ich meistens selber. Es ist selten etwas wirklich ganz neues, letztendlich wird da Zeitgeschehen kommentiert. Wenn es gut gemacht ist, kommt vielleicht auch der ein oder andere prickelnde Aspekt. Aber generell sind mir im weitesten Sinne künstlerische Blogs lieber, wo eher irgendwas verdichtet wird, wo pointiert über irgendwas geschrieben wird. Das muß sich nicht unbedingt am Tagesgeschehen entlanghangeln. Wenn es um die reine Befindlichkeit geht, im Sinne von, ich schaue mir hier die ganze Zeit auf den Nabel und grüble vor mich hin, finde ich das meistens ziemlich fade. Das reine Tagebuch von irgendjemand, ob gerade alles ganz Scheiße ist und morgen ist wieder alles nicht mehr ganz Scheiße, finde ich nicht spannend. Es muß schon etwas dazukommen, was das ganze für einen Außenstehenden interessant macht. Ich bin kein Voyeur, der sich am Privatleben irgendwelcher Leute ergötzen will. Sonst könnte ich mir auch Big Brother anschauen.

Welcher Deiner Artikel gefallt Dir selbst am besten?
Ohne Koketterie, es gibt keinen an dem ich nichts auszusetzen hätte. Um das auch mal klar zu machen. Ich fühle mich eher als Stocherer oder Suchender, wenn man es pathetisch ausdrücken will, der irgendeine Art von eigener Form sucht. Passagenweise geht das schon in eine Richtung die mir ganz gut gefällt, andere Passagen finde ich nicht so berauschend. Da könnte ich mir vorstellen, wenn ich in einem halben Jahr nochmal drüberginge, könnte man das besser machen. Am gelungensten ist vermutlich der Herr Pütz. Das ist aber sehr mit Vorsicht zu genießen, vielleicht finde ich morgen einen anderen besser. Und auch an dem gibt es Dinge, die nicht so richtig sitzen.

Wer ist Dein größtes Vorbild in der Blogosphäre?
Definitiv niemand. Ich will mich jetzt nicht als Ausnahmeerscheinung darstellen, aber die meisten Sachen gehen doch in eine andere Richtung. Jedenfalls kenne ich keinen, der sowas macht, wovon ich sagen würde, das ist ungefähr dasselbe.

Porträit von Ralf aka PoodleWenn Du andere Blogs kommentierst, schreibt da Ralf oder Herr Poodle?
Normalerweise Herr Poodle. Es gab zwar schon vereinzelte Kommentare, an an denen auch Poodle dranstand, aber inkonsequenterweise die Figur dahinter erschien. Als Herr Poodle tue ich mich logischerweise schwer, wenn ich über ernsthafte Dinge, zum Beispiel in Befindlichkeitsblogs, wie Du es nennen würdest, schreiben will. Die penetrante Art, die Herr Poodle an sich hat, wäre da extrem unpassend, ich würde den Leuten damit ungewollt auf den Schlips treten. Das heißt, ich müsste mich in solchen Fällen auf die ernsthafte Befindlichkeitsebene einschwingen, was Herrn Poodle nicht möglich ist, es paßt nicht zu ihm, er ist ein Schwadronierer, ein Schwätzer.

Kürzlich hat ein Blogger Deine Kommentare gelöscht. Wie denkst Du über Zensur in Blogs?
Ich finde es sagt mehr über den aus, der zensiert, als über den, der zensiert wird. Es sieht etwas blöd aus, wenn dreimal „Poodle: gelöscht“ dransteht und die Leute beziehen sich darauf. Dann könnte ich sagen, meine Position wird nicht mehr gehört, das ist nicht ganz fair. Ich bin der Meinung, ein Mensch der Widerspruch löscht, weil er ihm nicht paßt, ist uncool und unsouverän, das habe ich ja schon dokumentiert. Aber es soll bitte jeder machen was er will. Ich kann deswegen trotzdem gut schlafen, es ist nicht so, daß mich das fertig machen würde.

Hast Du schon mal einen Kommentar gelöscht?
Nein. Was ich aber auch nicht ausschließen will. Wenn es mir mal ganz zu blöd wird und wirklich nur noch dummes Zeug abgesondert wird oder wenn jemand glaubt er muß Werbung für seine Web-Site machen, behalte ich mir das vor. Aber ich würde es keine Zensur nennen. Wenn man mich ein Arschloch nennt, das halte ich aus, da sterbe ich nicht dran. Und wenn man Herrn Poodle ein Arschloch nennt, kann es mir ohnehin wurscht sein.

Die neueste Reform der Rechtschreibreform soll einige Neuerungen wieder abschaffen. Welche Folgen erwartest Du?
Die erwarte ich nicht, die lebe ich schon. Ich bin hochgradig verwirrt. Ich habe mal angefangen mich mit der neuen Fassung zu beschäftigen, welche Revisionsnummer das war weiß ich nicht, es war ein Zustand der mal irgendwann galt. Ich habe mir mehrere Duden beschafft und versucht mir das alles reinzutun. Vorher konnte ich ziemlich fehlerfrei schreiben, dann habe ich mit diesem neuen Zeug angefangen und den Überblick verloren, was alt und was neu ist. Speziell diese Auseinanderschreibung und Großschreibung kapiere ich überhaupt nicht. Ich glaube da gibt es auch keine Logik. Ich finde nur dieses Doppel-S, statt des scharfen ß gut, wenn der Vokal davor verkürzt ist, das ist das einzige was mir schlüssig erscheint. Ich habe noch nie verstanden, warum zum Beispiel Schluß und Fraß, beide mit scharfem ß geschrieben wurden. Da ist Schluß mit Doppel-s und Fraß mit scharfem ß einfach schlüssiger. Ansonsten ist diese Rechtschreibreform einfach sinnlos, wie halt alles, was man hierzulande tut, in gewisser Weise. Immer so ein bißchen überdreht, was am Ende rauskommt. Es wird wirtschaftliche Folgen haben. Man wird Schulbücher zum hundertsten mal einstampfen. Man wird noch mehr Verwirrung stiften. Die armen Schüler werden noch mehr geplagt als bislang.

Ralf, ich danke Dir für dieses Gespräch.

Fotos: Diwa

„Es geht niemanden etwas an, wie mein Spülmittel heißt“

Kathleen am Computer Kathleen (41), Autorin des Weblogs „beyond the void“ über das Bloggen, ihre Begeisterung für Südafrika, den Spülsaum auf dem Schreibtisch und ihre Abneigung gegen Datensammler

TFP: Das Titelbild Deines Blogs zeigt sich immer wieder in neuen Variationen. Hast Du Dir das von Google abgeschaut, oder die von Dir?

Kathleen: Ich denke, weder noch. Gesehen habe ich es zum ersten mal bei Ulf, auf de-scriptiv und fand das so unheimlich charmant. Ich war oft nachts auf der Seite und da gibt es so eine nette Zeichnung von Ulf im Bademantel mit dem Satz „Du hier, um die Zeit?“ Das fand ich so süß, daß ich mir ein Script rausgesucht habe, und dann meinen Lebensgefährten, er ist Cartoonist, gebeten habe, er möge mir ein paar Cartoons zeichnen, die mir ähnlich sehen, denn Zeichnen kann ich überhaupt nicht. Da brauchte ich Hilfe.

TFP: Das Maskottchen Deines Blogs erinnert an eine Peanuts-Figur. Wie kommt das?

Kathleen: Das ist Zufall. Die Basisfigur, die er normalerweise zeichnet, die ist eigentlich die Figur an die das angelehnt ist. Im Wesentlichen denke ich, er hat sich einfach nur mich sehr genau angeschaut. Die Freunde, die mich auch in der direkten Begegnung kennen, also face-to-face, sagen, ich bin ohne weiteres zu erkennen, obwohl die Brille wegfällt.

TFP: Du bist schon seit einiger Zeit verheiratet. Gehört Dein Gatte zu den regelmäßigen Lesern Deines Weblogs?

Kathleen: Ja, das tut er.

TFP: Wer hat bei euch „die Hosen an“?

Kathleen: (lacht) Ich würde sagen, das wechselt ständig. Da gibt es keine klare Linie. Die richtige Antwort ist sicher: Beide.

FTP: In Deinen Kommentaren in anderen Blogs benutzt Du meistens die Höflichkeitsform. Welche Bedeutung hat das „Sie“ für Dich?

Kathleen: Für mich ist das eine Respektsache. Es hat etwas damit zu tun, daß ich dem anderen anbiete, die Distanz zu nehmen, die er nehmen möchte. Wenn ich in der Reaktion geduzt werde, dann gehe ich auf Du.

TFP: Wenn Du es Dir aussuchen könntest, in welchem Land würdest Du gerne leben?

Kathleen: Südafrika. Ich war einige Male dort, über mehrere Monate, und ich hatte jedes mal das Gefühl, ich komme nach Hause. Dazu kommt, daß das Land, vor allem an der Garden Coast, wo ich mich überwiegend aufgehalten habe, unfassbar grün ist. Das misst sich gar nicht mit dem mitteleuropäischen Bild von Afrika. Und ich liebe dieses Klima. Mir kann es gar nicht heiß genug sein.

TFP: Auf einem Foto in Deinem Blog ist nebst der Katze eine Flasche Wein aus Südafrika zu sehen. Ist das Deine bevorzugte Weingegend?

Kathleen: Ja, unbedingt. Die afrikanischen Weinstöcke wurzeln in Roterde, die stark eisenhaltig ist, und die Sonnenscheindauer tut ihr übriges. Das sind unheimlich aromatische Weine, selbst wenn sie jung sind. Deshalb mag ich sie sehr gern.

TFP: Inwiefern orientierst Du Dich beim Schreiben an Deinen Lesern?

Kathleen: Gar nicht.

TFP: Wie muß ein Weblog beschaffen sein, damit es Dich interessiert?

Kathleen: Es muß die Persönlichkeit, die dahintersteht, erahnen lassen. Coole Weblogs interessieren mich nicht. Das, worüber geschrieben wird, muß in irgendeiner Form etwas transportieren, das auch andere interessieren kann. So, daß ein Tagebucheintrag nicht einfach reiner Tagebucheintrag ist. Es muß eine Erfahrung sein, die viele schon mal gemacht haben, die einen Bezug herstellt zu anderen.

TFP: Warum blogst Du?

Kathleen: Ich bin ein Sozialjäger. Ich will davon: Kontakt, Resonanz, Korrektiv, Netzwerkaufbau. Ich mag Menschen. Ich renne durch die sogenannte virtuelle Welt in dem gleichen Zustand und mit den gleichen Fragen ans Gegenüber wie durch die reale: Was treibt dich um? Warum bist du wie du bist? Können wir etwas miteinander tun oder zu tun haben, was uns beiden gut ist? Kann ich etwas von dir lernen? Kann ich dir etwas geben? Außerdem bin ich unglaublich neugierig. Neugierig. Nicht indiskret.

TFP: Wieviel Zeit verbringst Du täglich mit dem Lesen, Kommentieren und Schreiben von Blogs?

Kathleen: Zuviel. Eindeutig zuviel. Meine Arbeit, Kommunikationsdesign, spielt sich im Web ab, und wann immer mich ein Auftrag gerade nervt, geistere ich in der Blogossphäre herum. Ablenkung, Impulsjagd? Oft genug weiß ich es selber nicht. Noch ein Punkt, der da eine Rolle spielt: Meine Lebensgeschichte ist eine leidlich harte Geschichte, ich bin relativ stark deformiert. Im direkten, unmittelbaren Umgang mit anderen bin ich oft viel gehemmter – und dann überkompensierend und völlig anders, als es mir im Schriftlichen oder am Telefon möglich ist. Man mag sagen: Ich bin im Web authentischer als im wirklichen Leben. Der Zeitaufwand ist im Spätherbst und Winter höher als im Frühjahr und im Sommer. Der crucial point ist aber nicht der Zeitaufwand, sondern die Richtung: Im Herbst und im Winter hole ich mir viele Impulse aus dem Web, aus den Gedanken anderer und dem, was sie in mir anstoßen. Im Frühling und im Sommer schicke ich viele eigene Impulse in das Web, und schaue mir dann an, was damit geschieht.

TFP: Was ist eigentlich ein Spülsaum?

Kathleen: Ein Spülsaum ist das, was passiert, wenn man sechs bis acht Stunden am Schreibtisch sitzt: Links ein Cola-Glas, da liegt noch der Korken der Weinflasche, das dritte Feuerzeug, was man an den Schreibtisch geschleppt hat, weil man das erste mal wieder nicht sah in dem ganzen Chaos und wenn es ganz wild kommt dann liegt auch noch die Katze unter der Schreibtischleuchte, weil es da so angenehm warm ist. Mit anderen Worten: Da auch nur ein DIN A4 Blatt abzulegen erweist sich binnen weniger Stunden als völlig ausgeschlossen. Den Ausdruck hat mal typ.o geprägt der hat mal ein Foto von seinem Spülsaum gemacht und ich fand den Ausdruck so schön, daß ich den übernommen habe. Eigentlich ist ein Spülsaum ja das, was Du am Meer siehst, wenn Treibholz und Tang und was nicht noch alles, angetragen wird. Da kommt der Ausdruck her.

TFP: Warum drehst Du Deine Zigaretten selbst?

Kathleen: Weil es aus dem Tabak, den ich als einzigen gerne rauche, keine fertig hergestellten gibt.

TFP: Was verstehst Du unter Martini?

Kathleen: Den klassischen Cocktail.

TFP: Welche Teesorten trinkst Du am liebsten?

Kathleen: Das ist einfach. Einen guten Darjeeling, am liebstem einen First Flush. Das sind die Spitzen der Teeblätter, ganz feine aromatische Tees, die nicht sehr laut sind.

TFP: Bist Du ein Computer-Freak?

Kathleen: Ich glaube schon daß ich ein Nerd bin. Aber nicht so sehr auf der technischen Seite. Ich sitze nicht den halben Tag vor der Maschine und baue Karten ein und aus. Im Gegenteil: Die Beschäftigung mit der Hardware ist eher nervig.

TFP: Hattest Du schon mal einen Autounfall?

Kathleen: Mehrere. Allerdings nie selbst fahrend, mangels Führerschein.

TFP: Was machst Du, wenn Dir langweilig ist?

Kathleen: Mir ist niemals langweilig. Ich kenne das nicht.

TFP: Was wäre das Schlimmste, was Dir passieren könnte?

Kathleen: Meinen Lieblingsmenschen zu verlieren.

TFP: Wo siehst Du Dich in 10 Jahren?

Kathleen: Ich möchte in Bewegung bleiben. Das war vor zehn Jahren so und das werde ich in zehn Jahren wahrscheinlich genauso sehen. Geistig beweglich bleiben und auch örtlich beweglich, wenn es nötig ist, oder man gerade Lust darauf hat. Wir sind ja im Moment im Begriff nach Berlin zu wechseln aus eben diesem Grund. Von Köln haben wir die Nase voll.

TFP: Hast Du eine Lieblingsfernsehserie?

Kathleen: Ich bin nicht besonders fernseh-affin — eher ein großer Leser.

TFP: Du bist ja überzeugter Gegner der Payback-Karte. Woran liegt das?

Kathleen: Weil ich finde, daß wir weit genug überwacht werden, daß es genug Zugriffe auf die Datenströme gibt, die jeder von uns hinter sich herzieht, daß das nicht auch noch dazu kommen muß. Es geht überhaupt niemanden etwas an, wie mein bevorzugtes Spülmittel heißt, oder was ich gern esse.

TFP: Springer, Spiegel und SZ haben der Rechtschreibreform schon abgeschworen, Burda, taz und die Frankfurter Rundschau halten weiter die Fahne hoch. Wie stehst Du dazu?

Kathleen: Ich verabscheue die Rechtschreibreform wie kaum etwas anderes auf dem Gebiet und sehe zu, daß ich möglichst nach der alten schreibe. Ich ärgere mich jedesmal grün mit blauen Punkten, wenn ich merke, daß mir auch schon so kleine Ausrutscher unterlaufen, weil man halt die neue überall liest. Ich fand es schon immer eine saublöde Idee.

TFP: Kathleen, ich danke Dir für dieses Gespräch.