{"id":106,"date":"2005-06-21T00:34:25","date_gmt":"2005-06-20T22:34:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fellowpassenger.de\/archives\/106"},"modified":"2005-06-21T00:34:25","modified_gmt":"2005-06-20T22:34:25","slug":"freude-am-fahren-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fellowpassenger.de\/?p=106","title":{"rendered":"Freude am Fahren I"},"content":{"rendered":"<p>Weil ich zur Zeit ohnehin nichts besserers zu tun hatte, habe ich f\u00fcr drei Wochen eine Stelle als Fahrer angenommen. Meine Fahrg\u00e4ste sind sehr zur\u00fcckhaltend, denn es handelt sich vorwiegend um Kinofilme f\u00fcr das M\u00fcnchner Filmfest. Sie reisen an aus aller Welt und versammeln sich erst mal in einem Lager, wo sie untersucht und auf ihre Aufgaben vorbereitet werden. Von dort bringe ich sie in die Kinos und wenn sie sich dem staunenden Publikum gezeigt haben, wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Diese Fahrg\u00e4ste aus aller Herren L\u00e4nder sollen es gut haben. Deswegen werden sie nicht in einem klapprigen Lieferwagen durch die Stadt gegondelt, sondern in einem funkelnagelneuen BMW 525 Touring mit allem erdenklichen Luxus chauffiert. Die lederbezogenen Sitze haben Motoren eingebaut, mit denen ich sie in eine bequeme Position bringen kann. Eine Heizung haben sie auch, aber das wird es dieser Tage wohl nicht brauchen. Viel eher sch\u00e4tze ich die Klimaanlage, die mir hilft im hitzigen Stadtverkehr immer einen k\u00fchlen Kopf zu bewahren. Heute habe ich dem Navigationssystem schon mal ein paar Adressen der Kinos beigebracht. Die freundliche Frauenstimme, die mir sagt, wo ich langfahren soll, habe ich aber wieder abgestellt, weil sie immer dazwischenredet, wenn gerade etwas interessantes auf M94,5 im Radio l\u00e4uft. Die Anzeige auf dem Bildschirm ist gut genug, mit einem fl\u00fcchtigen Blick zu erkennen, wo es langgehen soll. Au\u00dferdem lebe ich ja seit 35 Jahren in M\u00fcnchen und wei\u00df, welche Spur ich nehmen mu\u00df wenn ich aus der Rosenheimer Stra\u00dfe im Uhrzeigersinn auf den Altstadtring m\u00f6chte. Das Autodach ist fast ganz aus Glas, durch da\u00df ich den Himmel sehen kann, wenn ich nicht gerade auf den Verkehr achten mu\u00df. Wenn das Wetter morgen auch so sch\u00f6n ist, versuche ich mal ob die Klimaanlage auch geht, wenn das Dach offen ist. Eigentlich m\u00fcsste die k\u00fchle Luft ja unten bleiben.<\/p>\n<p>Mein Kollege Max, der andere Fahrer ist heute als Beifahrer mitgefahren, um mir alles zu zeigen. Anders als ich, f\u00e4hrt er auch sonst beruflich Auto. Er ist n\u00e4mlich Chauffeur. Deswegen war es mir besonders peinlich, als ich beim Abbiegen mit dem linken Hinterrad \u00fcber einen Bordstein gefahren bin. Als ich ihn fragte, ob er bei meiner Fahrerei Angst bekommt, hat er nur gelacht und gesagt, so h\u00e4tte er auch angefangen. Bei so gro\u00dfen Autos m\u00fcsste man eben etwas mehr ausholen. Nachdem er sonst auf der Fahrt ganz entspannt an seiner Butterbreze nagte, war es wohl insgesamt ganz in Ordnung.<\/p>\n<p>Lustig fand ich die ersten Gespr\u00e4che mit der netten Dame von der Disposition. Sie fragte, ob ich flexibel sei. Was soll man darauf antworten? Offenbar hielt sie es f\u00fcr m\u00f6glich, da\u00df ich ins Schleudern komme, wenn die Einsatzpl\u00e4ne nicht bereits eine Woche vorher feststehen, oder ich mich weigern w\u00fcrde, eine Fuhre zu \u00fcbernehmen, weil ich gerade Mittagspause oder Feierabend habe. Anscheinend haben die sowas tats\u00e4chlich schon erlebt.<\/p>\n<p>Der ersten Pannen sind auch schon aufgetreten. Ein Film kommt auf mehreren, meistens sechs Rollen. Die einzelne Rolle wird als Akt bezeichnet. Der erste Akt eines Filmes, den Max und ich aus dem Kopierwerk holten stellte sich im Lager als fehlerhaft heraus. Ich dachte mir so, dann mu\u00df ich die Rolle wohl zur\u00fcck ins Kopierwerk bringen, damit die ansehen und eine neue Kopie anfertigen k\u00f6nnen. Bei einer anderen, auch sehr netten Dame, der Disposition brach Hektik aus. Nach einigen Telefonaten mit dem Kopierwerk (&#8222;Kann gar nicht sein&#8220;) und der Produktionsfirma (&#8222;Wir k\u00fcmmern uns drum&#8220;), beschied sie Max und mir, den fehlerhaften Akt zur\u00fcck ins Kopierwerk zu fahren.  Das war meine erste Fahrt allein, denn Max wartete im Lager, ob ein anderer Film noch eintrifft, oder das Programm ge\u00e4ndert werden w\u00fcrde. Als ich gerade im Kopierwerk war, habe ich gleich noch eine Kopie von einem anderen Film eingepackt, die gerade fertig war. Ich traf gerade rechtzeitig im Filmlager ein, um Max noch zu treffen, als er sich auf den Weg zum selben Kopierwerk machte, um den Film zu holen, den ich schon im Kofferraum hatte. Das n\u00fctzte nichts, denn es galt noch einen anderen zu holen. So fuhr ich den Wagen schlie\u00dflich in die Tiefgarage meines Auftraggebers und mich selbst anschlie\u00dfend mit der Trambahn nach hause.<\/p>\n<p>Jetzt mu\u00df ich mir noch \u00fcberlegen, welche Filme, die sp\u00e4t abends (nach Dienstschlu\u00df) gezeigt werden, die ich gerne sehen m\u00f6chte. Daf\u00fcr bekomme ich n\u00e4mlich Freikarten. Leider nur f\u00fcr mich selbst, was ich sehr schade finde, denn wer geht schon gerne allein ins Kino? Zum Gl\u00fcck geht es morgen erst um 11:00 Uhr weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weil ich zur Zeit ohnehin nichts besserers zu tun hatte, habe ich f\u00fcr drei Wochen eine Stelle als Fahrer angenommen. Meine Fahrg\u00e4ste sind sehr zur\u00fcckhaltend, denn es handelt sich vorwiegend um Kinofilme f\u00fcr das M\u00fcnchner Filmfest. 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