{"id":132,"date":"2005-09-23T19:19:44","date_gmt":"2005-09-23T17:19:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fellowpassenger.de\/archives\/132"},"modified":"2005-09-23T19:19:44","modified_gmt":"2005-09-23T17:19:44","slug":"from-the-bleeding-edge-of-wiesn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fellowpassenger.de\/?p=132","title":{"rendered":"From the bleeding Edge &#8211; Wiesn 2005"},"content":{"rendered":"<p>Der Lawinenpiepser und das Satelitennavigationsger\u00e4t sind verstaut. Die Schutzausr\u00fcstung ist verzurrt. Ich trinke mir in der Redaktion noch ein wenig Mut an. Dann geht es los.<\/p>\n<p>Schon bei <strike>niedriger Blutalkoholkonzentration<\/strike> der Anfahrt habe ich Schwierigkeiten mit einfachen Aufgaben, wie zum Beispiel den Text eines Werbeplakats zu lesen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pix.visualartlab.de\/wiesn00.jpg\" alt=\"Werbeplakat mit nicht identifizierbarer Schrift\" \/><\/p>\n<p>Wie die Volunt\u00e4re bereits in sp\u00f6ttischer Weise vermuteten, war Gegenstand der ersten Untersuchung in der Tat die Hendlbraterei Ammer. Auf meine wohlmeindende Frage an das im h\u00fcbsch herausgeputzten Biergarten befindliche Personal, &#8222;Hobt&#8217;s es scho&#8216; wos zum Ess&#8217;n?&#8220;, kam sogleich ein freundliches, &#8222;Nee, erst in &#8217;na halben Stunde&#8220; zur\u00fcck. Merke: Berlinerinnen erkennt man gleich am zu weiten Dirndel.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pix.visualartlab.de\/wiesn01.jpg\" alt=\"Hendelbraterei Ammer\" \/><\/p>\n<p>Weil die lebensbedrohliche Fahrt in der Krinoline zum Abschlu\u00df erfolgen mu\u00df, um sicherzustellen, da\u00df zumindest das zuvor entstandene Bildmaterial \u00fcberlebt, nutze ich die Zeit, um ein wenig spazieren zu gehen und zu dokumentieren, da\u00df auf dem gr\u00f6\u00dften Volksfest der Erde der Einsatz von Waffengewalt an der Tagesordnung ist.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pix.visualartlab.de\/wiesn02.jpg\" alt=\"Bogenschie\u00dfender Knabe auf dem T\u00f6pfchen\" \/><\/p>\n<p>Diese Veranstaltung ist nichts f\u00fcr Menschen mit schwachen Nerven. Zum Gl\u00fcck trage ich eine kugelsichere Weste und einen kevlarverst\u00e4rkten Carbonfaserhelm mit Panzerglasvisier und komme mit ein paar blauen Flecken davon. Diesmal.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pix.visualartlab.de\/wiesn03.jpg\" alt=\"Besucher am Schie\u00dfstand\" \/><\/p>\n<p>Das Oktoberfest ist im \u00dcbrigen ein einziger S\u00fcndenpfuhl und sollte von gottesf\u00fcrchtigen Menschen gemieden werden, wie dieses Beispiel derben bayerischen Humors eindrucksvoll beweist.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pix.visualartlab.de\/wiesn04.jpg\" alt=\"Der Kahn der Fischer Vroni\" \/><\/p>\n<p>Dennoch werden f\u00fcr die Besucher keine Kosten und M\u00fchen gescheut, selbst Spezialit\u00e4ten aus \u00dcbersee anzubieten. Hier vorwiegend aus dem Hause Phillip Morris, aber auch Seita aus Frankreich ist vertreten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pix.visualartlab.de\/wiesn05.jpg\" alt=\"Sackkarre mit Zigaretten\" \/><\/p>\n<p>Es ist \u00fcbrigens ein Vorurteil, da\u00df die Bayern angeberisch veranlagt w\u00e4ren. Wie hier zu erkennen ist bezeichnet der M\u00fcnchner befestigte Prachtbauten bescheiden als &#8222;Zelt&#8220;.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pix.visualartlab.de\/wiesn06.jpg\" alt=\"H\u00f6fbr\u00e4u Festzelt\" \/><\/p>\n<p>Die verkehrt herum aufgeh\u00e4ngte Fahne einer weltweit f\u00fcr ihr abgestandenes Bier ber\u00fchmten Brauerei l\u00e4sst micht stutzen.  Solch geschmacklose Scherze gelten in diesen Breiten als Sakrileg. Ein schlechtes Omen f\u00fcr den bevorstehenden H\u00f6llenritt? Ich beruhige mich nur geringf\u00fcgig, als mir einf\u00e4llt da\u00df K\u00f6nig Edmund I Staatstrauer angeordnet hat, weil er die Wahl verloren hat.<\/p>\n<p>Mit etwas zittriger Hand gelingt es mir dennoch, ein erstes H\u00f6llengef\u00e4hrt bildhaft zu dokumentieren, das gerade neben mir entlangrast. Die extrem hohe Geschwindigkeit erzeugt zum Teil so starke Luftverwirbelungen, da\u00df einzelne Steine aus dem Gleisbett herausgerissen werden und umherfliegen. Deshalb ist das Areal abgez\u00e4unt und wird von speziell ausgebildeten Sicherheitsfachgartenzwergen streng bewacht. Im hinteren Zugteil ist ein hartgesottener Testpilot der amerikanischen Raumfahrtbeh\u00f6rde NASA zu erkennen. Auf gerader Strecke kann dieses Gescho\u00df auf Schienen Geschwindigkeiten von bis zu 6 Stundenkilometer erreichen. Nichts f\u00fcr mich. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pix.visualartlab.de\/wiesn07.jpg\" alt=\"Kindereisenbahn\" \/><\/p>\n<p>Aber zum Gl\u00fcck hat der Ammer jetzt auf und die kulinarische Untersuchung kann beginnen. Ich setze mich auf den sch\u00f6nsten Platz des gem\u00fctlichen kleinen Biergartens und lasse mich vom goldenen Licht der Herbstsonne bescheinen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pix.visualartlab.de\/wiesn08.jpg\" alt=\"Biergarten vom Ammer\" \/><\/p>\n<p>&#8222;A hoibats Hend&#8217;l bringst ma bid&#8217;sch\u00f6n und a Wei\u00dfbia dazua&#8220;, bestelle ich kennerhaft, bin aber nicht sicher, ob ich verstanden werde. Zumindest die Bedinung am Nebentisch scheint Australierin zu sein.<\/p>\n<p>&#8222;Mogst an Kartoffe&#8217;salat a dazua? Kost&#8216; as Gleiche&#8220;, bekome ich zu h\u00f6ren und entgegne ermunternd, &#8222;Nimm i&#8220;. In den 43 Sekunden die ich auf das Wei\u00dfbier warten mu\u00df, kommen die beiden Brezenverk\u00e4uferinnen jeweils dreimal vorbei und bieten mir viermal ihr Laugengeb\u00e4ck an. Schon wenige Minuten sp\u00e4ter haben sie sich aber an meinen stattlichen Anblick gew\u00f6hnt und patoullieren nun auch andere G\u00e4nge. Die eine von Ihnen vermag die Breze mit solcher Anmut neben ihren Kopf zu halten und dabei sanft l\u00e4chelnd einen derart sehnsuchtsvollen Blick aufzusetzten, da\u00df ich mich wirklich schwer bem\u00fchen mu\u00df, keinen Hei\u00dfhunger auf Brezen zu entwickeln. Die Ankunft der dampfenden, duftenden, mit reichlich Petersilie gef\u00fcllten Vogelh\u00e4lfte rettet mich. Das Tier ist sorgf\u00e4ltig zubereitet, die Haut ist knusprig, das Fleisch saftig, schmeckt sehr gut aber dennoch nicht optimal. Ich vermute eine Fehlern\u00e4hrung w\u00e4rend der Aufzucht. Warum der Kartoffelsalat aktiv als Dreingabe offeriert wird mir schnell klar. Er besteht zu je einem Drittel aus Salatgurken, Kartoffeln und Mayonaise. Die Kartoffeln sind nicht ganz gar, auf Gew\u00fcrze hat man anscheinend ganz verzichtet. Der war nicht mehr zu retten. Die 5 Kubikmeter die vermutlich davon in der K\u00fcche stehen m\u00fcssen weg. Dringend.  Die Mahlzeit und das Wei\u00dfbier kosten \u00fcbrigens einschlie\u00dflich etwa 10 Prozent Trinkgeld 20 Euro. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich den Biergarten verlasse beschlie\u00dfe ich, die etwas eigenartige Plastikverpackung der Freundin des bayerischen Hendelgrillers zur sp\u00e4teren Analyse abzulichten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pix.visualartlab.de\/wiesn09.jpg\" alt=\"Koch und Freundin mit brauner Kunststoffhose\" \/><\/p>\n<p>Ich atme tief durch und sauge den Duft von gebrannten Mandeln und Steckerlfisch ein, blicke \u00fcber das Gel\u00e4nde und gehe festen Schrittes zur <a href=\"http:\/\/www.krinoline.de\/\">Krinoline<\/a>. Dort werden bereits erste Vorbereitungen f\u00fcr den Start getroffen. Was nur scheinbar wie ein gew\u00f6hnliches Karussell aussieht, ist in Wahrheit eine hochempfindliches Apparatur, die normalerweise dem Belastungstrainung von Milit\u00e4rpiloten dient. Neben der Rotation um die Senkrechte f\u00fchrt die Plattform auf der die Sitze angebracht sind Pendelbewegungen aus. So ist auch der Name zu erkl\u00e4ren. Krinoline nennt man den Reifrock, den die Damen fr\u00fcher unter ihrem Tanzkleid trugen. Der Bewegungsablauf entspricht dem des Reifrockes beim Walzertanz. Hier zu erkennen auf einem Archivbild des Betreibers.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pix.visualartlab.de\/krinoline.jpg\" alt=\"Die Krinoline\" \/><\/p>\n<p>Das Bodenpersonal erwartet bereits meine Ankunft und hat sich spontan auf der Treppe zu einem Begr\u00fc\u00dfungskomittee formiert.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pix.visualartlab.de\/wiesn10.jpg\" alt=\"Wartende Kinder auf der Treppe der Krinoline\" \/><\/p>\n<p>Mit etwas wackeligen Beinen betrete ich die Plattform, gurte mich straff am Sitz fest und \u00fcberpf\u00fcfe den Zustand meiner Schutzkleidung. Vor Bewustlosigkeit durch die enormen Kr\u00e4fte soll mich Druckmanschetten an den Beinen sch\u00fctzen, die verhindern, da\u00df das Blut aus dem Kopf in die Beine gepresst wird. Ich bin bereit. Doch pl\u00f6tzlich gibt es Probleme. Die Gewichtsverteilung stimmt nicht. Das <em>Mission Controll Team<\/em> hat einen Plan zur Umverteilung der <em>Crew<\/em> ausgearbeitet. Ich mu\u00df auf die gegen\u00fcberliegende Seite und werde allm\u00e4hlich nerv\u00f6s. Die erfahrenen Piloten im Sitz neben mir strecken ihre Daumen nach oben und l\u00e4cheln mir zu. Ich werde etwas ruhiger.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pix.visualartlab.de\/wiesn11.jpg\" alt=\"Mutter mit Kind in der Nachbargondel\" \/><\/p>\n<p>Dann geht es los und mir wird kurz schwarz vor Augen. Dennoch gelingt mir aus n\u00e4chster N\u00e4he eine Aufnahme des teuflischen R\u00e4derwerkes (Hochgeschwindigkeitsturbine) w\u00e4hrend des laufenden Betriebes. Ich versuche mich von dem bl\u00fcmeranten Gef\u00fchl in der Magengegend abzulenken in dem ich an den Pulitzerpreis denke, der mir f\u00fcr diese einzigartige Aufnahme zustehen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pix.visualartlab.de\/wiesn12.jpg\" alt=\"Antrieb der Krinoline\" \/><\/p>\n<p>Ich schaffe es trotz der hohen Rotationsgeschwindigkeit und der damit verbundenen Vibrationen noch ein weiteres Bild zu schie\u00dfen, da\u00df den Blick nach au\u00dfen zeigt. Dann verliere ich das Bewu\u00dftsein und erlange es erst wieder, nachdem die Bergungsmannschaft mich aus den rauchenden Tr\u00fcmmern befreit hat. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Lawinenpiepser und das Satelitennavigationsger\u00e4t sind verstaut. Die Schutzausr\u00fcstung ist verzurrt. Ich trinke mir in der Redaktion noch ein wenig Mut an. Dann geht es los. 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