{"id":14,"date":"2005-02-24T22:44:03","date_gmt":"2005-02-24T20:44:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fellowpassenger.de\/archives\/14"},"modified":"2005-02-24T22:44:03","modified_gmt":"2005-02-24T20:44:03","slug":"14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fellowpassenger.de\/?p=14","title":{"rendered":"Ein fast echtes Interview"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-style: italic;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/pix.visualartlab.de\/klemmpp200.jpg\" align=\"left\" alt=\"GrabIt Chairman mit langen Eckz\u00e4hnen und komischer Brille\" style=\"border: 0;\" \/>Warum wird eigentlich \u00f6ffentlich geglaubt, man k\u00f6nne der Praxis der Unternehmen, sich ins Ausland zu verlegen Einhalt gebieten, indem man die Steuern senkt? Die gro\u00dfen Unternehmen zahlen doch in Deutschland gar keine Steuern. <br \/>Der Vorstandsvorsitzende der GrabIt AG, J\u00fcrgen Klemmpp erkl\u00e4rt warum.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Herr Klemmp, die letzte Bilanz der GrabIt AG weist ja wieder Rekordgewinne &#8230;<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> &#8230; in Milliardenh\u00f6he aus, ja. Ich bin sehr stolz auf mei.. \u00e4h unseren Erfolg!<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Auch Ihr Jahressal\u00e4r wird ja auf einen zweistelligen Millonenbetrag gesch\u00e4tzt.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klempp<\/span>: Die Vorstandsgeh\u00e4lter orientieren sich nat\u00fcrlich immer am von den Aktion\u00e4ren gew\u00fcnschten wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens und der Gewinnversprechen der Top-Manager beim Einstellungsgespr\u00e4ch. Man mu\u00df eben richtig verhandeln. Aber die Eink\u00fcnfte sind in Wirklichkeit oft gar nicht so gro\u00df, weil man den Aufsichtsr\u00e4ten meistens was abgeben mu\u00df, damit die da \u00fcberhaupt mitmachen.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Oh! \u00c4h, ah-ja. Also, wie kommt es, da\u00df die GrabIt AG einerseits den B\u00f6rsenkurs verdoppeln konnte, andererseits aber kaum Steuern zahlt?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmp:<\/span> Das kann man so nicht sagen. Die GrabIt hat \u00fcberhaupt keine Steuern bezahlt, sondern vielmehr ein paar Millionen Euro K\u00f6rperschaftssteuer erstattet bekommen.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Bedurfte es da nicht ein wenig &#8222;politischer Landschaftspflege&#8220;?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> Nein, das war fr\u00fcher. Heute sind die Gesetze l\u00e4ngst, wie wir sie brauchen. Das mit der K\u00f6rperschaftssteuer war einfach nur, weil wir uns damals nicht f\u00fcr die hellsten K\u00f6pfe in der Politik entschieden haben. Die machen \u00f6fter mal Fehler. Das ist ja auch kein Wunder, so komliziert, wie die Regelungen heute sind. Da blickt, au\u00dfer unseren eigenen Steuerexperten, doch kein Mensch mehr durch. Die R\u00fcckerstattung war, ganz unter uns gesagt, einfach nur Gl\u00fcck.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Um nochmal auf das Steuervermeidende Gesch\u00e4ftsmodell zur\u00fcckzukommen &#8230;<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmp:<\/span> Das ist eigentlich ganz einfach. Wir produzieren zum Beispiel in Irland. Das geht da viel billiger als in Deutschland. Auch wegen der niedrigen Lohnkosten. Aber das Beste ist eigentlich das deutsch-irische Doppelbesteuerungsabkommen. Die Gewinne einer irischen Tochtergesellschaft eines deutschen Unternehmens sind n\u00e4hmlich von der deutschen Besteuerung befreit.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP: <\/span>Aber die Verkaufserl\u00f6se fallen doch in Deutschland an.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> Denken Sie! F\u00fcr das, was wir f\u00fcr 1 Euro Herstellungskosten in Irland produzieren und f\u00fcr 17,23 Euro in Deutschland den Konsumenten verkaufen, zahlt unsere deutsche Vertriebsstelle doch schon 16 Euro an unsere irische Produktionsst\u00e4tte. Wo soll denn da nach Abzug der Kosten f\u00fcr Verkauf und Logistik noch ein Gewinn entstehen?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Auch bei sehr kleinen Margen kann beachtlicher Gewinn erwirtschaftet werden. Zumindest wenn die St\u00fcckzahlen hoch sind.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp: <\/span>Genau das haben wir dem deutschen Steuerpr\u00fcfer auch erz\u00e4hlt. Aber sie haben recht. Selbst nach Abzug des Verlustvortrages vom Vorjahr ist noch etwas \u00fcbrig geblieben. Das war eine sehr mi\u00dfliche Lage f\u00fcr uns. Wir h\u00e4tten pro St\u00fcck tats\u00e4chlich 4 Cent Gewinn versteuern m\u00fcssen. Stellen Sie sich das einmal vor!<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Das klingt nach einer ausweglosen Situation.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmp:<\/span> Die Lage war verzweifelt. 4 Cent auf 16 Euro! Das sind 0,025 Prozent!<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span>  Na, 0,025 Prozent Steuer ist doch aber gar &#8230;<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> &#8230; zu viel! Ganz genau. Sowas gef\u00e4hrdet nat\u00fcrlich den Wirtschaftsstandort Deutschland. Zuerst wollte ich ja auf den R\u00fccktritt von Herrn Weichel dr\u00e4ngen, aber daf\u00fcr war es ja schon zu sp\u00e4t.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Was machen Sie da mit der Rasierklinge und dem Spiegel?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> Ach, entschuldigung, wie unh\u00f6flich von mir! Wollen Sie auch eine Nase?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> \u00c4hm, also was haben sie wegen der Steuer gemacht?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> Golf!<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Golf? Sie haben also die Marke ihres Mitbewerbers &#8230;<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> Was hat denn diese Proletarierkutsche damit zu tun? Nein, Golf! Daf\u00fcr werde ich ja schlie\u00dflich bezahlt. Ich bin also mit dem Erhard zum Golfen gefahren.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Sie meinen Erhard K\u00f6der, den Bundeska&#8230;<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> Sag ich doch. &#8222;Also, Erhard&#8220;, hab ich gesagt, &#8222;das mit der Steuer das k\u00f6nnte zwar ich mir leisten, aber die GrabIt nicht. Da mu\u00df ich deswegen jetzt 3000 Leute rauswerfen.&#8220; Da war der nat\u00fcrlich erstmal baff. Er hat dann gesagt, ich solle die behalten, weil er nicht genug H\u00e4ngematten h\u00e4tte. Auch wegen dieser Statistik da. Er meinte, 3000 z\u00e4hlen jetzt wie 300 und nicht mehr nur f\u00fcr 150 wie vorher.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP: <\/span>Eine Anspielung auf die von ihm kritiserte &#8222;soziale H\u00e4ngematte&#8220;?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> Was wei\u00df ich? So eine H\u00e4ngematte besteht doch eh nur aus L\u00f6chern. Hat zumindest der Erhard gesagt. Egal! &#8222;Erhard&#8220;, sag ich, &#8222;entweder Du machst was gegen die Steuer, oder die fliegen raus. Ob auf &#8217;nem Teppich oder &#8217;ner Matte ist mir wurscht.&#8220;<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Das haben Sie gesagt?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> Naja, so \u00e4hnlich. Jedenfalls ist der Erhard ein z\u00e4her Hund. Er hat nur die H\u00e4lfte nachgelassen und uns den Rest als Subventionen versprochen.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Das klingt doch aber wie ein Erfolg auf ganzer Linie.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> Klingt gut, ist es aber nicht. Null ist eben kein Gewinn. Sowas ist doch kein Gesch\u00e4ft!<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Aber es ging doch nur darum die Steurerlast zu &#8230;<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> Paperlapapp! Ich sehe keinen Grund, warum deutsche Unternehmen nicht auch an der Steuer profitieren sollten &#8230; Wollen Sie wirklich keine Nase?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> \u00c4h, vielen Dank! Wenn aber die GrabIt AG in Deutschland gar keinen Gewinn macht, warum ist die Billanz dann so gut?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> Weil die Bilanz doch von der GrabIt Holding AG ist &#8230;<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP<\/span>: &#8230; die dann die Gewinne schlie\u00dflich versteuert?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmp:<\/span> Ja, nat\u00fcrlich. Sie zahlt selbstverst\u00e4ndlich den vollen Steuersatz, der an ihrem Firmensitz gilt.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Der aber nicht in Deutschland &#8230;<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> &#8230; sondern in Liechtenstein liegt. Was denken Sie denn?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP: <\/span>Ist denn diese Unternehmenspolitik mit der sozialen Verantwortung ihrer Position \u00fcberhaupt vereinbar?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmp:<\/span> Sozialistische Vergangenheit? Was unterstellen Sie mir da?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Ich meinte doch ihre sozial &#8230; \u00e4h, Ich wollte fragen, ob sie vielleicht manchmal ein schlechtes Gewissen haben, weil sie denken, da\u00df sie vielleicht nicht das richtige &#8230; also vielleicht manchmal sogar etwas unfaires &#8230;<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> &#8230; f\u00fcr solche \u00dcberlegungen werde ich nicht bezahlt. Au\u00dferdem machen das alle Global Player so.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP: <\/span> Das hei\u00dft die gesamte Steuerlast in Deutschland, tr\u00e4gt der Mittelstand und die Lohnempf\u00e4nger?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> Welcher Mittelstand? Wer tats\u00e4chlich bis heute so dumm war, sich nicht rechtzeitig aufkaufen zu lassen, ist doch l\u00e4ngst pleite.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Dann bleiben aber doch nur noch die Arbeitnehmer \u00fcbrig, um den Staat zu finanzieren. Die Steuern, die Renten, das Gesundheitswesen, die Arbeitslosen. Alles im Grunde. Die werden dabei aber immer weniger und haben immer weniger Geld. Kann das denn gehen?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> Langfristig nat\u00fcrlich nicht, aber noch haben die ja Geld und das holen wir uns erst mal. Au\u00dferdem ist der Markt ja schlie\u00dflich nicht auf Deutschland begrenzt. Tats\u00e4chlich gibt es weltweit \u00fcber sechs Milliarden interessierte K\u00e4ufer &#8230;<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> &#8230; die arm sind, also praktisch keine Kaufkraft besitzen.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> Aber eben nur fast. Die Differenz zwischen fast nichts und nichts mal sechs Milliarden ist gewaltig. Dabei w\u00e4chst der Markt sogar noch. Das werden wir uns nat\u00fcrlich unter den Nagel &#8230; Diesen Markt werden wir uns erschlie\u00dfen, meine ich. Da ist f\u00fcr ein paar Jahre schon noch was zu holen.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Und danach?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp: <\/span>Bin ich in Rente.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP:<\/span> Finden sie es nicht ungerecht, wenn jemand der im Jahr mehr verdient, als er in seinem ganzen Leben ausgeben kann, Geld von denen nimmt, die weniger bekommen als sie ausgeben m\u00fcssen?<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">Klemmpp:<\/span> Aber nein. Wer als Wurm geboren ist, kann eben nicht mit den Adlern fliegen.<br \/>\n<span style=\"font-weight: bold;\">TFP: <\/span>Herr Klemmp, wir danken Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum wird eigentlich \u00f6ffentlich geglaubt, man k\u00f6nne der Praxis der Unternehmen, sich ins Ausland zu verlegen Einhalt gebieten, indem man die Steuern senkt? Die gro\u00dfen Unternehmen zahlen doch in Deutschland gar keine Steuern. 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