{"id":161,"date":"2005-11-03T04:23:11","date_gmt":"2005-11-03T03:23:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fellowpassenger.de\/archives\/161"},"modified":"2005-11-03T04:23:11","modified_gmt":"2005-11-03T03:23:11","slug":"ereignisfreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fellowpassenger.de\/?p=161","title":{"rendered":"Mottentennis"},"content":{"rendered":"<p>Als Poet war es mir unumg\u00e4nglich,  strikt dem \u00f6den Tagwerk zu entsagen. Wo Telefone st\u00f6rende Mi\u00dft\u00f6ne absondern ist nicht gut dichten. Nun stelle ich aber fest, da\u00df konsequente Abschirmung auch jeglicher Inspiration entbehrt. Wor\u00fcber soll man schon schreiben, wenn man in v\u00f6lliger Isolation lebt?<\/p>\n<p>Die herausragendste Bet\u00e4tigung bestand darin, dem mittlerweile unertr\u00e4glichen Befall kostbarer Lebensmittel durch Mehlmotten n\u00e4her zu untersuchen. Solcherlei mag nat\u00fcrlich niemand gerne lesen, aber was bleibt mir schon?<\/p>\n<p>Zudem ist meiner durchaus wohlwollenden Leserschaft ja partout nicht einsichtig, da\u00df ein K\u00fcnstler gelegentlich auch essen mu\u00df (obwohl ich mich in dieser Hinsicht bereits zu Andeutungen verstiegen habe) und sogar eine Wohnstatt ben\u00f6tigt, die es erfordert, regelm\u00e4\u00dfige Zuwendungen an deren Eigent\u00fcmer anzuweisen.<\/p>\n<p>Folglich werde ich Sie nun also mit meinen Erkenntnissen \u00fcber Motten, oder auch <em>Tineidae<\/em> traktieren, wie Biologen dieses l\u00e4stige Geschmei\u00df zu nennen pflegen, da\u00df sich r\u00fccksichtslos anschickt, mir meine Nahrungsmittelbest\u00e4nde vor der Nase wegzufressen.<\/p>\n<p>Nachdem der Weg durch die K\u00fcche mit dem Risiko verbunden war, staubige Fluginsekten einzuatmen, die in Schw\u00e4rmen dort ihre Flug\u00fcbungen zu veranstalten beliebten, erschien es mir angebracht brutalstm\u00f6glich aufzukl\u00e4ren und ja, einzuschreiten. Flugs (eine trefflich ausgedachte Anspielung) erwarb ich moderne pheromombewehrte Klebefallen, die sich alsbald zu einem Mottenmassengrab entwickelten. Diese Mittel empfinde ich als in \u00fcbelster Weise sexistisch mithin alles andere als political correct und lehne sie im Grunde ab, denn allein die m\u00e4nnlichen Motten werden arglistig durch k\u00fcnstlich hergestellte Sexuallockstoffe get\u00e4uscht und buchst\u00e4blich auf den Leim gef\u00fchrt.  Die tr\u00e4chtigen Weibchen m\u00fcssen sehen wo sie bleiben. <\/p>\n<p>Das Bl\u00f6de ist, genau das machen die auch und verteilen munter Ihre Gelege bevorzugt in pestizidfreien Lebensmittelvorr\u00e4ten. Offenbar sind aber nicht alle Mottenm\u00e4nnchen so d\u00e4mlich auf diesen billigen Trick hereinzufallen. Mithin bleiben ein, zwei \u00fcbrig. Die lassen es sich dann verst\u00e4ndlicherweise gefallen einen ganzen Harem an Mottinnen zu befruchten. Vielleicht haben die verbleibenden Mottenfrauen durchaus Qualit\u00e4ten, die \u00fcber das Verbreiten von Pheromonen hinausgehen. Bei Menschen h\u00e4lt man das ja auch allgemein f\u00fcr wahrscheinlich. <\/p>\n<p>So schien es mir geboten, einige pr\u00e4historische Lebensmittel- und Gew\u00fcrzproben meiner Mitbewohner auszusondern, die sich als Mottenbrutst\u00e4tten offensichtlich bew\u00e4hrt hatten.  Darunter eine T\u00fcte mit einem Pulver, das ausweislich des Verpackungsaufdrucks als Sauce Hollandaise gelten sollte. Ein Verfallsdatum das im vorigen Jahrtausend angesiedelt ist schien mir eine besondere Nachfrage nicht erforderlich zu machen, zumal ich sicher bin, da\u00df dieses Produkt schon unmittelbar nach der Herstellung ungenie\u00dfbar gewesen sein mu\u00df. Dar\u00fcber, wie man Butter und Eigelb pulverisieren kann m\u00f6chte ich gar nicht erst nachdenken. <\/p>\n<p>Soweit so gut. Das ist nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches. Aber das Action-Highlight sollte erst noch kommen.<\/p>\n<p>Ich pflege die Post aus dem Briefkasten direkt auf die Schreibtische meiner Mitbewohnerinnen und Mitbewohner zu liefern. Das finde ich zum einen nett, zum anderen hat es den Vorteil, da\u00df ungeliebte Werbebriefe sich nicht auf dem Boden des Flurs, sondern im jeweiligen Zimmer absetzen. Bei der Gelegenheit wurde ich eines ganz erstaunlichen Instruments gewahr, das \u00e4u\u00dferlich wie ein zu klein geratener Tennisschl\u00e4ger anmutet. Der Tennisfachmann spricht hier wohl von einem Racket, aber das ist hier nebens\u00e4chlich. Dieses Werkzeug auf dem Schreibtisch meiner Mitbewohnerin hat mein Interesse geweckt. Eigentlich ist es mein Schreibtisch, den ich ihr freundlicherweise zur Verf\u00fcgung stelle, aber auch das ist nicht wichtig. Wichtig ist dieser Gegenstand, der wie ein harmloses Sportger\u00e4t aussieht, aber in Wahrheit eine Art elektrisches Exekutionswerkzeug ist. Die Bespannung ist aus einem Drahtgeflecht, das sich auf Knopfdruck unter elektrische Hochspannung setzen l\u00e4\u00dft. Gelingt es, das Ger\u00e4t nahe genug an ein im Flug befindliches Insekt zu bringen, quittiert es dessen Exitus mit einem bemerkenswert lautstarken Knacksen nebst einem blauen Funken.<\/p>\n<p>Nett ist das nicht, aber es macht einen Heidenspa\u00df. Ich habe daf\u00fcr sogar den euphemistischen Begriff &#8222;Mottentennis&#8220; entwickelt. Selten habe ich solche Mordlust versp\u00fcrt. Auf diese Weise habe ich allein heute sicher mehr als ein Dutzend Mottenleben ausgel\u00f6scht. Nicht etwa kaltbl\u00fctig, sondern mit Wonne. Ich f\u00fcrchte mich inzwischen vor mir selbst. Der Tod durch Mottentennis  ist zudem erschreckend sauber.  Wenn Sie je eine Motte oder sonstige Falter mit der flachen Hand an einer Wand erschlagen haben, wissen Sie, um das unzierliche bleibende Ergebnis. Die ungebetenen G\u00e4ste im Flug per Elektroschock hinzurichten hinterl\u00e4\u00dft indes keine Spuren.  Die Mottenleiche l\u00e4\u00dft sich einfach durch moderates Blasen aus dem Gitter entfernen und bei Gelegenheit beiseite kehren. <\/p>\n<p>Bislang hielt ich mich f\u00fcr eher pazifistisch, doch er\u00f6ffnen sich hier tiefste Abgr\u00fcnde meiner Seele, die mir wohl schon bald zu einer Qualifikation als Auftragsm\u00f6rder gereichen k\u00f6nnten. Allein auf den mangelnden Auftrag kann ich mich noch herausreden. Aber wie lange noch? Werde ich schon bald Menschen t\u00f6ten, damit ich etwas habe, wor\u00fcber ich schreiben kann? Las ich doch unl\u00e4ngst, da\u00df manche Blogger sich freim\u00fctig prostituieren, nur um f\u00fcr neue Inhalte zu sorgen.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise konnte ich heute eine leicht zu bewerkstelligende Aufgabe als Hilfskraft akquirieren, die mir f\u00fcr acht Stunden pro Woche von meinem elenden Dasein abzulenken verspricht. Da der Auftraggeber die Stadt M\u00fcnchen ist, keimt in mir die Hoffnung auf, da\u00df ich k\u00fcnftig \u00fcber am\u00fcsante Verwaltungsgrotesken berichten kann, und mich nicht mehr zum Herrn \u00fcber Leben und Tod von Motten aufschwingen mu\u00df. Nebenbei kann ich davon die Miete bezahlen, die durch <a href=\"http:\/\/www.fellowpassenger.de\/peppy-der-papyrus\/\">Peppy<\/a> ganz offensichtlich nicht ansatzweise zu bestreiten ist.<\/p>\n<p>Nachtrag:<\/p>\n<p>Mein neuer Killerinstinkt ger\u00e4t allm\u00e4hlich au\u00dfer Kontrolle. Mit den &#8222;Drosis&#8220;, wie ich die Fruchtfliegen wegen ihrer wissenschaftlichen Bezeichnung <em>Drosophila Melanogaster<\/em> liebevoll zu nennen pflege, hatte ich l\u00e4ngst ein freundschaftliches Verh\u00e4ltnis entwickelt. Sie tauchen gelegentlich auf und verschwinden nach kurzer Zeit von alleine. Ab und an ertrinkt tragischerweise mal eine in einem \u00fcber l\u00e4ngere Zeit unbeaufsichtigten Glas Wein, oder ein illusteres P\u00e4rchen weist in anmutigen Kreisbahnen fliegend darauf hin, da\u00df eine vergessenes St\u00fcck Obst seiner Entsorgung harrt. Zudem hatte ich vermutet, da\u00df diese winzigen Flugk\u00f6rper unbeschadet durch die Maschen des  elektrisch geladenen Hochspannungsgeflechts fliegen w\u00fcrden. Ich wei\u00df nicht warum ich es versucht habe. Der Erfolg war wider Erwarten niederschmetternd. Von den armen Kreaturen blieb nicht mal ein Kadaver. Sie sind in Sekundenbruchteilen einfach verdampft. Entgegen allgemein anerkannter buddhistischer \u00dcberzeugungen halte ich die Drosis f\u00fcr die letzte Inkarnation vor dem Nirwana, deren friedlichem Ableben durch Altersschw\u00e4che ich schon aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden k\u00fcnftig nicht mehr vorgreifen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Nachtrag 2:<br \/>\nWenn ich mir \u00fcberlege, wie es sein mag zu sterben, ist der Gedanke in wenigen Millisekunden zu verdampfen nicht ohne Reiz. Sicher kommt so ein selbsternannter Anubis mit beweglichem Elektrozaun etwas unerwartet, aber wenn man sich spontan in Rauch verwandelt kann es einem im Grunde egal sein. Als Fruchtfliege hat man aber sicher allerhand zu tun, sein ohnehin kurzes Leben so zu gestalten, da\u00df man sich frohen Mutes daraus verabschieden und das Feld seinen Nachkommen \u00fcberlassen kann. Ich glaube es war falsch sie zu t\u00f6ten. Sicher habe ich sie allesamt direkt ins Nirwana bef\u00f6rdert oder maximal eine Reinkarnation als Fruchtfliege herbeigef\u00fchrt, sollte sich eine davon schlecht benommen haben.  Aber wie soll man sich als Fruchtfliege schon ungeb\u00fchrlich betragen? Als Mensch bin ich aber durch ein Gewissen beschwert und mu\u00df mich Sorgen, ob ich mit so einer Vita im n\u00e4chsten Leben eine dieser putzigen und sorglosen Drosophilae werden darf.<\/p>\n<p>Nachtrag 3:<br \/>\nImmerhin bin ich kein Christ und habe in der n\u00e4chsten Inkarnation eine weitere Chance. Besser als ewige Verdammnis ist das alle mal. Vielleicht t\u00e4uschen sich beide Religionen und es ist in Wahrheit so, da\u00df wenn man stirbt, es <em>knips<\/em> einfach so aus ist und dabei v\u00f6llig wurscht ist, was mach davor so gemacht hat. Genau das glaube ich n\u00e4mlich. Das f\u00fchrt nat\u00fcrlich dazu, da\u00df man jede Moral fahren l\u00e4\u00dft, weil ja ohnehin alles egal ist. Andererseits sorge ich mich um das Wohlergehen von Fruchtfliegen und bem\u00fche mich \u00fcberhaupt einigerma\u00dfen freundlich zu sein. Ganz ohne drohendes Fegefeuer. Aber ich bin ja Heide und kenne mich nicht aus und Papst bin ich auch nicht. Und Deutschland sowieso nicht. Mit Fu\u00dfball kenne ich mich \u00fcbrigens auch nicht aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Poet war es mir unumg\u00e4nglich, strikt dem \u00f6den Tagwerk zu entsagen. Wo Telefone st\u00f6rende Mi\u00dft\u00f6ne absondern ist nicht gut dichten. Nun stelle ich aber fest, da\u00df konsequente Abschirmung auch jeglicher Inspiration entbehrt. Wor\u00fcber soll man schon schreiben, wenn man in v\u00f6lliger Isolation lebt? 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