{"id":171,"date":"2005-11-25T02:16:01","date_gmt":"2005-11-25T01:16:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fellowpassenger.de\/archives\/171"},"modified":"2005-11-25T02:16:01","modified_gmt":"2005-11-25T01:16:01","slug":"vorne-einsteigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fellowpassenger.de\/?p=171","title":{"rendered":"Vorne Einsteigen!"},"content":{"rendered":"<p>Die Fahrt mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln ist dem kultivierten Menschen stets eine arge Belastung. Zu deprimierend ist die herzerweichende Dummheit, zu ersch\u00f6pfend die skrupellose R\u00fccksichtslosigkeit vieler Fahrg\u00e4ste.<\/p>\n<p>Viele U-Bahn-Fahrg\u00e4ste sind der Auffassung, alle anderen st\u00fcnden nur auf dem Bahnsteig herum, weil die sonst kein Dach \u00fcber dem Kopf h\u00e4tten. So \u00f6ffnen sie von der Wagent\u00fcr nur die eine Seite, jenen kleinen Spalt, der ihnen gerade gen\u00fcgt um selbst in den Waggon zu schl\u00fcpfen. Tats\u00e4chlich trachtet aber die Mehrzahl der Wartenden danach, ebenfalls ihrerseits den Zug zu betreten. Weil es vielen Mitmenschen jedoch an Eigeninitiative und vision\u00e4rer Kraft mangelt, nehmen sie die Situation als unabwendbar gegeben hin und zw\u00e4ngen sich schicksalsergeben, einer nach dem anderen, ebenfalls durch die kleine \u00d6ffnung, bis sich schlie\u00dflich ein mit Augenma\u00df gesegneter Mitreisender erbarmt und auch die andere H\u00e4lfte der T\u00fcr \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Schon vor einigen Jahren hat die M\u00fcnchner Verkehrsgesellschaft bei ihren U-Bahnen eine technische Neuerung eingef\u00fchrt, die ich hier lobend erw\u00e4hnen m\u00f6chte. So \u00f6ffnen sich seitdem wie von Geisterhand beide T\u00fcrfl\u00fcgel, selbst wenn ein egozentrisch veranlagter Reisender nur einen der beiden Hebel bet\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Bei den neuestens eingef\u00fchrten Z\u00fcgen wurde dieses hervorragende System aber \u00fcberfl\u00fcssigerweise wiederum ersetzt. Der Aus- oder Einsteigewillige mu\u00df nun eine Sensorfl\u00e4che ber\u00fchren, sobald die sie umkr\u00e4nzenden L\u00e4mpchen in der richtigen Farbe leuchten. Jedoch keinesfalls vorher, sonst passiert n\u00e4mlich gar nichts. So sieht man nun hilflose Menschen die, der gewohnten mechanischen Kontrolle beraubt, wie dressierte Affen hektisch auf der kleinen Scheibe herumtatschen.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ist zu beobachten, da\u00df technische Neuerungen an MVG-Fahrzeugen nur selten zu Verbesserungen f\u00fchren. Moderne Trambahnen beispielsweise, sind so konstruiert, da\u00df es im ganzen Vehikel nur zwei Stehpl\u00e4tze gibt an denen man niemandem im Weg steht. Aus naheliegenden Gr\u00fcnden sind sie zumeist von Kinderw\u00e4gen besetzt.<\/p>\n<p>Eine weitere H\u00fcrde stellen die Lichtschranken in den T\u00fcren dar, welche die fr\u00fcheren einwandfrei funktionierenden mechanischen Schalter in den Gummilippen und Trittstufen abgel\u00f6st haben. In die Lichtschranke ragt nun bei regem Betrieb grunds\u00e4tzlich ein Gep\u00e4ckst\u00fcck oder Rockzipfel hinein, was dem Betriebsgeschehen \u00e4u\u00dferst abtr\u00e4glich ist und h\u00e4ufig unwirsche Ermahnungen des Fahrers ausl\u00f6st.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend vor ein bis zwei Dekaden noch dem D\u00fcmmsten einzuleuchten schien, da\u00df die Kunst des Aus- und Einsteigens in eben genau dieser Reihenfolge liegt, ist der Umstand, da\u00df es umgekehrt nicht funktionieren kann, inzwischen offenbar in Vergessenheit geraten. So sieht man sich bei dem Versuch ein Nahverkehrsmittel zu verlassen zunehmend Menschenmengen gegen\u00fcber, die nicht nur unnachgiebig den Ausstieg blockieren, sondern mit roher Gewalt ihren sofortigen Einstieg durchsetzen wollen.<\/p>\n<p>Wo moderne Technik und Indolenz nicht ausreicht, um den Betrieb zu st\u00f6ren, mu\u00df das Personal nachhelfen, indem es gezwungen wird despotische Fieberphantasien der Betriebsleitung in grausige Realit\u00e4t umzusetzen. Das geschieht beim Busfahren, dem mit einigem Abstand abscheulichsten Angebot \u00f6ffentlicher Fortbewegung. Schon von weitem bellt der Busfahrer \u00fcber die Lautsprecheranlage den in eisiger K\u00e4lte wartenden Fahrg\u00e4sten den Befehl, &#8222;Vorne Einsteigen!&#8220; entgegen. Dann f\u00e4hrt er das Fahrzeug freilich so weit an den Frierenden vorbei, da\u00df alle von ihnen hinter der letzten T\u00fcr stehen. Ganz vorne \u00f6ffnet sich eine etwa 80 Zentimeter breite Einstiegsluke, w\u00e4hrend die restlichen vier Ausstiege verschlossen bleiben, bis alle eingestiegen sind. Darum klettern die Aussteigewilligen drinnen erst mal unter M\u00fchsal durch diese unw\u00fcrdig kleine \u00d6ffnung ins Freie.<\/p>\n<p>Danach herrscht der Fahrer die Einsteigenden an, ihre Fahrscheine vorzuzeigen. Wer noch keinen hat, erh\u00e4lt barsch die Anweisung unverz\u00fcglich einen solchen am Automaten zu l\u00f6sen und anschlie\u00dfend erneut vorstellig zu werden. Erst dann \u00f6ffnet der Buskommandant die restlichen T\u00fcren, vermutlich um zu L\u00fcften, denn wer aussteigen wollte hat das ja bereits bewerkstelligt.<\/p>\n<p>Um die l\u00e4stigen Verz\u00f6gerungen wieder wettzumachen beflei\u00dfigt sich der Busdiktator einer ausgesprochen sportlichen Fahrweise, die ohne Sitzplatz oder Eishockey-Schutzausr\u00fcstung kaum frei von Blessuren zu \u00fcberstehen ist.<\/p>\n<p>Wer \u00fcber ein Kraftfahrzeug verf\u00fcgt, sollte also ruhig einmal die \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel stehen lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Fahrt mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln ist dem kultivierten Menschen stets eine arge Belastung. Zu deprimierend ist die herzerweichende Dummheit, zu ersch\u00f6pfend die skrupellose R\u00fccksichtslosigkeit vieler Fahrg\u00e4ste. Viele U-Bahn-Fahrg\u00e4ste sind der Auffassung, alle anderen st\u00fcnden nur auf dem Bahnsteig herum, weil die sonst kein Dach \u00fcber dem Kopf h\u00e4tten. 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