{"id":184,"date":"2005-12-23T01:20:19","date_gmt":"2005-12-23T00:20:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fellowpassenger.de\/?p=184"},"modified":"2005-12-23T01:20:19","modified_gmt":"2005-12-23T00:20:19","slug":"fellow-passenger-ermittelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fellowpassenger.de\/?p=184","title":{"rendered":"Fellow Passenger ermittelt"},"content":{"rendered":"<p>Schon im fr\u00fchen Kindesalter wurde mir zwangsweise die Erkenntnis zuteil, da\u00df die Geburtstagsfeier eines freundlichen Hippies keinesfalls entspannt oder gar in euphorischer Stimmung begangen werden darf, wenn sein gewaltsames Ableben schon bald zwei Jahrtausende zur\u00fcckliegt.<\/p>\n<p>Anf\u00e4nglich fand ich ein Ereignis bei dem ich reich beschenkt werden sollte, \u00fcberaus reizvoll. Da war ich gerne bereit mich entsprechend sorgf\u00e4ltig vorzubereiten. Der Ablauf war mir soweit bekannt, da\u00df jenes Ritual mit dem Klang einer feinen Glocke eingeleitet wurde, und da\u00df die Pr\u00e4sente \u00fcblicherweise in einer vergleichsweise benutzerunfreundlichen, weil schwer zu \u00f6ffnenden Verpackung vorzufinden sind. Es erschien mir daher sinnvoll, mich rechtzeitig mit einer Schere auszur\u00fcsten, die ich neben der T\u00fcr meines Kinderzimmers griffbereit deponierte.<\/p>\n<p>Obwohl ich mich in der elterlichen Wohnung \u00fcblicherweise frei bewegen durfte, war mir der Zutritt zum Wohnzimmer an diesem besonderen Dezembertag bis zum lieblichen Klang des Gl\u00f6ckchens untersagt, weil die Vorbereitungen der Zeremonie unter strengster Geheimhaltung erfolgen sollten. Insbesondere das Inkognito des edlen Spenders, eines Herrn Weihnachtsmanns sollte unbedingt gewahrt bleiben, zumal dieser angeblich mit einem Christkind kollaborierte, dem zu begegnen allein meinen Eltern vorbehalten bleiben sollte. Das kam mir seltsam vor, weil die Kinder die ich aus dem Kindergarten kannte sonst alle gerne mit mir gespielt haben und Erwachsene eigentlich eher doof fanden. Dieses Christkind aber schien nichts von mir wissen zu wollen und gab sich lieber mit den Erwachsenen ab. Hier bestand dringender Bedarf an einer verdeckten Ermittlung, dachte ich, und wagte mich verbotswidrig aus meinem Zimmer heraus, um an der Wohnzimmert\u00fcr einen <em>kleinen Lauschangriff<\/em> durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Zu meiner \u00dcberraschung h\u00f6rte ich nur die Stimmen meiner Eltern. Die beiden Geheimagenten Christkind und Weihnachtsmann beherrschten ihr Handwerk offenbar perfekt. Ergebnislos bezog ich erneut Stellung im Kinderzimmer und harrte gespannt des erl\u00f6senden Glockensignals. Meine T\u00fcr lie\u00df ich vorsichtshalber ge\u00f6ffnet und legte meine rechte Hand locker auf die vorbereitete Schere.<\/p>\n<p>Als ich vor Spannung und Neugierde bereits zu platzen drohte, ert\u00f6nte endlich das lange erwartete Klingeln. Das verabredete Signal f\u00fcr den Beginn der Zeremonie die mich mit Geschenken \u00fcberraschen sollte. In Sekundenbruchteilen schlo\u00df sich meine kleine Faust um die Schere und ich rannte so schnell ich irgend konnte den Gang entlang und durch die inzwischen ge\u00f6ffnete Wohnzimmert\u00fcr. Auf der Geraden zur reich geschm\u00fcckten Tanne aktivierte ich meine letzten Reserven und lie\u00df mich, mit der ge\u00f6ffneten Schere im Anschlag, eineinhalb Meter vor dem ersten Geschenkpaket auf die Knie fallen, was akkurat dem erforderlichen Bremsweg entsprach und mir die M\u00f6glichkeit gab, die Schere aus der Bewegung heraus exakt am schw\u00e4chsten Punkt der Verpackung anzusetzen.<\/p>\n<p>Statt mich f\u00fcr diese akrobatische H\u00f6chstleistung zu loben, haben meine Eltern mir mit entsetztem Gesichtsausdruck Einhalt geboten und mich scharf kritisiert. Den abgehackten Nadelbaum h\u00e4tte ich langwierig bestaunen und ausf\u00fchrlich preisen sollen. Eine frohe Weihnacht h\u00e4tte ich zu w\u00fcnschen gehabt, ehe ich mich den Gaben gemessenen Schrittes h\u00e4tte n\u00e4hern d\u00fcrfen. Die Schere h\u00e4tte ich allenfalls bei schwerwiegenden Komplikationen nachtr\u00e4glich anfordern, auf keinen Fall aber von Anfang an selbst mitf\u00fchren d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Mit vier Jahren war ich bedauerlicherweise rhetorisch unterlegen. Sonst h\u00e4tte ich darauf hingewiesen, da\u00df man mir den geplanten Ablauf des Rituals vorher h\u00e4tte erkl\u00e4ren m\u00fcssen, wenn man von mir bestimmte Verhaltensweisen erwartet. Statt dessen empfand ich Reue und nahm mir vor mich zu bessern. Wie ich meine Begeisterung den Agenten <em>Weihnachstmann<\/em> und <em>Christkind<\/em> mitteilen soll, die daran wenig genug interessiert sind, da\u00df sie sich kurz zuvor aus dem Staub machen, blieb mir unverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Zu viele Ungereimtheiten standen den schwerwiegenden Vorw\u00fcrfen gegen\u00fcber. Es blieb also keine Wahl, als weitere Ermittlungen anzustrengen. Sie sollten sich \u00fcber zwei Jahre hinziehen, weil meine Eltern als Zeugen \u00fcber jeden Zweifel erhaben waren. Sie selbst hatten mir ja eingesch\u00e4rft, da\u00df Menschen stets wahrheitsgem\u00e4\u00df Auskunft geben m\u00fcssen, weil man ihnen sonst niemals mehr glauben k\u00f6nnte. Das erschien mir erstaunlich logisch.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst unternahm ich im n\u00e4chsten Jahr den Versuch, den Nikolaus auszutricksen, indem ich statt einem meiner Stiefel der Gr\u00f6\u00dfe 36, einen meines Vaters der Gr\u00f6\u00dfe 46 vor der T\u00fcre deponierte. Diese Stiefel reichten mir damals bis zum Schritt. Darauf ist der Nikolaus voll hereingefallen, obwohl er mir einmal pers\u00f6nlich begegnet war und furchterregend gut \u00fcber mich informiert zu sein schien. Deshalb war mir bei diesem T\u00e4uschungsman\u00f6ver etwas mulmig zumute. Aber gelogen hatte ich ja nicht. Immerhin bin ich in den riesigen kretischen Bauernstiefeln mehrmals durch die ganze Wohnung gestapft, weil ich hoffte es k\u00f6nne sich dabei um die Siebenmeilenstiefel handeln, von denen ich schon so viel geh\u00f6rt hatte. Nachdem ich alle mir erdenklichen Zauberworte ausgesprochen hatte und das schwere Schuhwerk sich meinen kleinen F\u00fc\u00dfen noch immer nicht anpassen wollte und nicht einmal ansatzweise Riesenschritte erm\u00f6glichte, legte ich mich rechtschaffen M\u00fcde zu Bett. Die Forschung war beileibe m\u00fchsam genug. Wenn ich mich erfolglos mit zehn Nummern zu gro\u00dfen Stiefeln plage, kann der Nikolaus gef\u00e4lligst auch mal etwas gro\u00dfz\u00fcgiger sein, dachte ich, und hatte recht. Der Stiefel war am n\u00e4chsten Morgen mehr als voll.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Weihnachtsabend n\u00e4herte ich mich den Gaben pflichtgem\u00e4\u00df gemessenen Schrittes und lobte ausdr\u00fccklich die gelungene Gestaltung der wie \u00fcblich dekorierten Konifere. Diesmal wu\u00dfte ich, da\u00df die darunter befindlichen Gaben nur erh\u00e4ltlich sind, wenn ich im Gegenzug die gew\u00fcnschten Dressurvorgaben erreiche. &#8222;Ah! Oh, wie sch\u00f6n&#8220;, bem\u00fchte ich mich m\u00f6glichst begeistert hervorzubringen. Da kein Hinweis folgte, da\u00df ich mich daran machen sollte die Geschenke zu entpacken, setzte ich geistesgegenw\u00e4rtig ein &#8222;Fr\u00f6hliche Weihnachten, Mama und Papa&#8220;, hinzu. Und tats\u00e4chlich wurde mir schlie\u00dflich beschieden, mich den Gaben der geheimnisvollen Spender widmen zu d\u00fcrfen. Weil meine Teilname an diesem Ritual ordnungsgem\u00e4\u00df verlaufen war, folgte keine Kritik. Es wurde allerdings mit sp\u00fcrbarem Hohn auf meine Entgleisung vom Vorjahr hingewiesen.<\/p>\n<p>Am darauffolgenden Nikolaustag, knapp ein Jahr sp\u00e4ter, keimte ein schrecklicher Verdacht in mir auf. Warum werden massenhaft Schokoladennikol\u00e4use gegen Geld in Superm\u00e4rkten angeboten? Wenn der Nikolaus die Dinger aus reiner G\u00fcte allen Kindern in die Stiefel steckt, w\u00fcrde die doch niemand kaufen. Mit tiefem Argwohn fragte ich meine Mutter nach einer Erkl\u00e4rung, die mir sagte, der Nikolaus w\u00fcrde die entsprechenden Waren, eben im Supermarkt beziehen. Im gleichen Augenblick bemerkte ich, wie sich die Kontur eines Schokoladennikolauses im inneren ihrer Einkaufst\u00fcte abzeichnete.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon im fr\u00fchen Kindesalter wurde mir zwangsweise die Erkenntnis zuteil, da\u00df die Geburtstagsfeier eines freundlichen Hippies keinesfalls entspannt oder gar in euphorischer Stimmung begangen werden darf, wenn sein gewaltsames Ableben schon bald zwei Jahrtausende zur\u00fcckliegt. Anf\u00e4nglich fand ich ein Ereignis bei dem ich reich beschenkt werden sollte, \u00fcberaus reizvoll. Da war ich gerne bereit mich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-184","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/fellowpassenger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/184","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/fellowpassenger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/fellowpassenger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fellowpassenger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fellowpassenger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=184"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/fellowpassenger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/184\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/fellowpassenger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=184"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/fellowpassenger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=184"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/fellowpassenger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=184"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}