{"id":355,"date":"2006-09-28T01:00:17","date_gmt":"2006-09-27T23:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fellowpassenger.de\/archives\/355"},"modified":"2006-09-28T01:00:17","modified_gmt":"2006-09-27T23:00:17","slug":"die-spinnen-die-romer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fellowpassenger.de\/?p=355","title":{"rendered":"Die spinnen, die R\u00f6mer"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich spinnen sie gar nicht, diese R\u00f6mer. Ganz im Gegenteil. Die R\u00f6mer sind v\u00f6llig normal. Wenn man dort einen Imbiss betritt und nach Kaffe verlangt, erh\u00e4lt man sogleich ein T\u00e4sschen dessen, was hier unsinnnigerweise als &#8222;Espresso&#8220; feilgeboten wird. Das was man hier als Kaffee bezeichnet, kennt man in S\u00fcditalien als <em>Cafe Americano<\/em> und wird verst\u00e4ndlicherweise nur von Touristen verzehrt. Ganz stimmt das zugegebenerweise aber nicht. Die s\u00e4uerlich nach L\u00f6schpapier schmeckende Filtert\u00fcte kennt der R\u00f6mer n\u00e4mlich nicht. Der <em>Cafe Americano<\/em> ist ein Espresso mit der zehnfachen Menge an Wasser die zur Zubereitung erforderlich w\u00e4re. Gro\u00dfe Vernunft l\u00e4sst der R\u00f6mer auch daran erkennen, da\u00df er f\u00fcr einen Cafe zwischen 60 und 90 Cent verlangt. Der latent gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige M\u00fcnchner bietet einen Espresso dagegen selten unter 1,80 Euro an, verzichtet dabei aber gern auf die kunstgerechte Zubereitung. V\u00f6llig \u00fcbergeschnappt sind die Wirte von deutschen Autobahnrastst\u00e4tten, die ihrer Kundschaft zumuten, einen Filterkaffe f\u00fcr 2,95 Euro selbst aus einem Automaten zu zapfen.<\/p>\n<p>Die nahezu erpresserischen Machenschaften von Rastst\u00e4ttenbetreibern in Deutschland sind ohnehin ein steter Quell von Verdru\u00df. Bereits der Umstand, das Menschen ihre Notdurft verrichten m\u00fcssen, gen\u00fcgt ihnen um daraus eine Zahlungsverpflichtung abzuleiten. Man mu\u00df damit rechnen, da\u00df auf dem Hoheitsgebiet einer Autobahnrastst\u00e4tte k\u00fcnftig das Entweichen einer Flatulenz mit einer zus\u00e4tzlichen Geb\u00fchr beaufschlagt wird.<\/p>\n<p>Noch ist immerhin ein geringes Ma\u00df an Unrechtsbewu\u00dftsein zu erkennen. Das Notdurftl\u00f6segeld wird immerhin h\u00e4ufig mit einem Gutschein in gleicher H\u00f6he quittiert. Man sollte vermuten, f\u00fcr die kostenpflichtige Blasenerleichterung also mit Nahrung entsch\u00e4digt zu werden. Das w\u00fcrde der Rastst\u00e4ttenmafia ja immerhin weitere Einnahmen bescheren. Tats\u00e4chlich ist dieser Betrag selbst f\u00fcr die abscheulichsten kulinarischen Fehlleistungen nicht ansatzweise genug. Selbst eine vertrocknete Semmel mit Plockwurstbelag ist erst f\u00fcr den achtfachen Betrag erh\u00e4ltlich. Dabei mu\u00df man bedenken, da\u00df die Aufnahme von Nahrung und Getr\u00e4nken unweigerlich weitere Ausscheidungsbed\u00fcrfnisse nach sich zieht. Bei einer Reise von Garmisch-Partenkirchen bis Flensburg k\u00f6nnte man sich allein durch Stoffwechsel \u00fcberschulden. Und Stoffwechsel ist ja eigentlich kein Luxus.<\/p>\n<p>In Italien hei\u00dfen Autobahnrastst\u00e4tten <em>Autogrill<\/em>. Komischerweise wird dort aber in den seltensten F\u00e4llen gegrillt. Auch dienen Automobile grunds\u00e4tzlich nicht als Bestandteil des Nahrungsmittelangebotes. Dort ist das Speiseangebot ebenfalls teurer als abseits der Autostrada. Allerdings sind s\u00e4mtliche dargebotenen Lebensmittel grunds\u00e4tzlich durchwegs genie\u00dfbar.<\/p>\n<p>Das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr Cafe. Zum Beispiel eine <em>Latte Macchiato<\/em>, die zuzubereiten dem R\u00f6mer eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, dem M\u00fcnchner hingegen ein Ding der Unm\u00f6glichkeit ist. Die Kaffepflanze w\u00e4chst zwar weder in Deutschland noch in Italien. Dennoch hat der Deutsche eine Kaffeekultur zu entwickeln bis heute verabs\u00e4umt. Kaffee mu\u00df bitter schmecken, kochend hei\u00df und w\u00e4ssrig sein. Nur so ist die anregende Wirkung zu entschuldigen. Schlie\u00dflich handelt es sich um eine gesetzlich erlaubte leistungssteigernde Droge. Da ist man nur auf der sicheren Seite, wenn man kochende Milch mit einem f\u00fcnffach verl\u00e4ngerten Espresso in ein Glas kippt und dieses Gebr\u00e4u dadurch aufzuwerten sucht, indem man \u00fcberfl\u00fcssigerweise einen Strohhlam hineinsteckt. Gut schmecken darf es n\u00e4mlich nicht. Sonst w\u00e4re es ja schlie\u00dflich verboten.<\/p>\n<p>Der R\u00f6mer scheint hingegen nicht bereit zu sein, f\u00fcr dieses Hei\u00dfgetr\u00e4nk zu leiden. Weder will er sich die Finger am Glas verbrennen, noch ist er willens, totgekochte Milch zu trinken, oder gar ein Verm\u00f6gen daf\u00fcr auszugeben.<\/p>\n<p>Ganz anders der Amerikaner. Der hat l\u00e4ngst festgestellt, da\u00df er nie in die Lage geraten wird, den begehrten Aufgu\u00df in schmackhafter Weise herzustellen. Deswegen verd\u00fcnnt er damit verschiedenste Arten von Glukosesirup und verlangt daf\u00fcr den doppelten Preis. Zum Ausgleich setzt er dabei auf Selbstbedienung und Pappbecher und versucht beharrlich den Eindruck zu erwecken, als m\u00fcsse man in San Francisco besonders genau \u00fcber Kaffe bescheid wissen. Wirklich erschreckend ist der Umstand, da\u00df man in M\u00fcnchen, der angeblich n\u00f6rdlichsten Stadt Italiens, bl\u00f6de genug ist, solchen Cretins eine Existenz zu sichern. Eine San Francisco Coffe Company w\u00fcrde man in Rom allenfalls auslachen. Sogar kostenlos. Die R\u00f6mer sind ja nicht verr\u00fcckt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich spinnen sie gar nicht, diese R\u00f6mer. Ganz im Gegenteil. Die R\u00f6mer sind v\u00f6llig normal. Wenn man dort einen Imbiss betritt und nach Kaffe verlangt, erh\u00e4lt man sogleich ein T\u00e4sschen dessen, was hier unsinnnigerweise als &#8222;Espresso&#8220; feilgeboten wird. 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