{"id":45,"date":"2005-04-06T22:37:22","date_gmt":"2005-04-06T20:37:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fellowpassenger.de\/archives\/45"},"modified":"2005-04-06T22:37:22","modified_gmt":"2005-04-06T20:37:22","slug":"sportlicher-biergartenbesuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fellowpassenger.de\/?p=45","title":{"rendered":"Sportlicher Biergartenbesuch"},"content":{"rendered":"<p>Das Fr\u00fchlingswetter und der Vorschlag einer Freundin trieben mich in den Biergarten. Die Kieselsteinchen auf den Stra\u00dfen hat die Stadtreinigung zusammengefegt. Endlich wieder Inlineskates-Fahren! Gen\u00fc\u00dflich eine k\u00fchle Radlerma\u00df trinken und dazu Obazda mit Breze essen. Vielleicht auch ein indisches Joghurt-Gem\u00fcse-Gericht, dessen Namen ich mir nicht merken kann. Wunderbar!<\/p>\n<p>Doch was ist das? Die Meteorologen k\u00fcndigen Regen an. Auf nassen Wegen ist nicht gut skaten, weil die Rollen dauernd seitw\u00e4rts wegrutschen, au\u00dferdem mu\u00df man danach die Kugellager auseinanderbauen, s\u00e4ubern und neu schmieren, weil sie sonst rosten. Kurzentschlossen verlegen wir unseren Biergartenbesuch in den &#8222;Wintergarten&#8220; am Elisabethmarkt. Da ist auch ein Biergarten und es ist n\u00e4her. Viel n\u00e4her sogar. Genauer gesagt ist es keine 100 Meter von der Redaktion des Fellow Passenger entfernt. So viel zum Sport.<\/p>\n<p>Der kleine Biergarten ist nett, der Kellner auch. Er scheut allerdings, meiner Begleitung die schwierige Entscheidung &#8222;Apfel- oder Orangenschorle&#8220; abzunehmen. Freie Entfaltung in der Aus\u00fcbung seines Berufes schade ihm, erkl\u00e4rt er. Schweren Herzens serviert er schlie\u00dflich Apfelschorle.<\/p>\n<p>Es wird schnell ziemlich kalt drau\u00dfen. Also gehen wir rein. Der Kellner serviert, jetzt etwas mutiger, Orangensaftschorle. Der L\u00e4rmpegel macht die Unterhaltung schwieriger. Mit schriller Stimme und agressiven Geb\u00e4rden br\u00fcllt ein \u00c4thiopier an der Theke wieder und wieder, &#8222;Ich bin ein Bayer!&#8220;<\/p>\n<p>Meine Begleitung berichtet von ihrem Urlaub in Goa. Von idyllischen Pl\u00e4tzen, herzlichen Gastgebern und friedlich kiffenden G\u00e4sten erz\u00e4hlt sie. Sie schw\u00e4rmt, wie angenehm entspannt ihr Lebensgef\u00e4hrte, mein langj\u00e4hriger Freund, dort war.<\/p>\n<p>Der \u00e4thiopische Bayer pr\u00e4zisiert indessen mehrfach und lautstark, &#8222;Ich bin ein M\u00fcnchner! Ich bin ein Schwabinga!&#8220;<\/p>\n<p>Unser Gespr\u00e4ch geht weiter. Eine M\u00fcnchner Agentur suche einen <span style=\"font-style: italic;\">Senior Art Director<\/span>, sagt Sie. Ob sie sich schon beworben habe, fragte ich. Ich sei wie Ihre Mutter, schimpft sie. Ob sie die Stelle denn interessiere, korrigiere ich meine Frage. Ja, sagt sie, als sich Daniel, ein Freund des &#8222;Schwabingas&#8220; zu uns gesellt. Der Papst sei gestorben erkl\u00e4rt er auf englisch, und fragt, wer der Nachfolger werden w\u00fcrde. Macht Vorschl\u00e4ge. Der da hinten im Eck mit dem wei\u00dfen Zwirbelbart? Du, ich? Ich nicht, kontere ich, denn der Papst m\u00fcsse Katholik sein. Ob ich Protestant sei, will er wissen. Ich sei \u00fcberhaupt nicht religi\u00f6s, erkl\u00e4re ich. Das gef\u00e4llt ihm. Er fragt meine Begleitung, ob sie englisch verstehe. Sie bejaht, gibt zu erkennen, da\u00df sie Amerikanerin ist.<\/p>\n<p>Daniel, der zweite \u00c4thiopier im Wintergarten erz\u00e4hlt, er habe in Russland Mikrobiologie studiert. Es sei immer kalt gewesen. Minus 20 Grad Celsius. Dort w\u00fcrden deshalb unglaubliche Mengen an Vodka verzehrt. Mir viel ein, da\u00df Konrad Adenauer deswegen vor einer Verhandlung mit Krustschow \u00d6l getrunken haben soll, um nicht vorzeitig vom Stuhl zu kippen. Daniel kennt diese Geschichte und freut sich. Er will wissen, ob ich Russisch verstehe. Ich weise auf meine Begleitung und sage, sie k\u00f6nne Russisch. Sie unterhalten sich eine Weile. Alles was ich verstehe ist, &#8222;Njet, njet, njet!&#8220;<\/p>\n<p>Sie bekommt einen Anruf von Ihrem Freund, er mu\u00df aufs Klo. Zu mir gesellt sich der &#8222;Schwabinga&#8220;. Wortreich erkl\u00e4rt er, da\u00df Schwarze immer wieder diskriminiert werden. Ich verstehe ihn nur schlecht. Er wirkt etwas niedergeschlagen, manchmal k\u00e4mpferisch provokativ. Vor allem ziemlich betrunken. Man solle lieber an Gott als die Kirche glauben, sagt er. Ich gebe ihm recht. Er glaube nur an was er sehe und an sich selbst. Das sei auch gut so, sage ich ihm.<\/p>\n<p>Meine russisch-amerikanische M\u00fcnchnerin kommt wieder an den Tisch und klagt, dar\u00fcber da\u00df Ihr Freund sie nicht mit dem Auto abholen m\u00f6chte. Ich h\u00e4tte zuweilen auch keine Lust, da\u00df Haus zu verlassen sage ich. Zu Fu\u00df br\u00e4uchte ich zu ihm 20 Minuten, auf Skates w\u00e4re sie leicht in 10 Minuten dort. Sie antwortet, sie wisse nicht ob sie ihn sehen wolle. Er sei nicht mehr so entspannt, wie im Urlaub. Die Alltagsroutine hole einen eben schnell wieder ein, denke ich laut.<\/p>\n<p>Daniel und sein Freund wollen gehen, verstricken sich aber mit einem \u00e4lteren Herren an der Theke in ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Begr\u00fc\u00dfungsrituale. Ich f\u00fchle mich bereits durch zwei halbe Radler und ein Helles geschw\u00e4cht und m\u00f6chte heim. Sie hat sich entschlossen zu ihrem Freund zu skaten. Wir zahlen und brechen auf.<\/p>\n<p>Geregnet hat es \u00fcbrigens nicht.<br \/>\n<span style=\"\"><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Fr\u00fchlingswetter und der Vorschlag einer Freundin trieben mich in den Biergarten. Die Kieselsteinchen auf den Stra\u00dfen hat die Stadtreinigung zusammengefegt. Endlich wieder Inlineskates-Fahren! 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