19. März 2013

Rätselraten in Abmahnistan

von Fellow Passenger

Ein Schrei­ben von Si­mon Haug, Jus­ti­ziar der “Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung”, an Klaus Graf, den Be­trei­ber des Blogs Ar­chi­va­lia, warf die ei­gent­lich völ­lig be­lang­lose Frage auf, ob FAZ-Autorin Heike Schmoll wo­mög­lich die Le­bens­ge­fähr­tin der frü­he­ren Bun­des­mi­nis­te­rin für Bil­dung und For­schung An­nette Scha­van sein könnte. Dies zu be­haup­ten sollte Graf näm­lich künf­tig un­ter­las­sen.1 Al­ler­dings hatte er diese Be­haup­tung nie aufgestellt.

Wie wohl die meis­ten kri­ti­schen Be­ob­ach­ter der me­dia­len Be­glei­tung des Pla­gi­ats­falls Scha­van, hatte auch Graf aus der wohl­ge­fäl­li­gen Be­richt­er­stat­tung Schmolls in der FAZ auf ein freund­schaft­li­ches Ver­hält­nis zur frü­he­ren Bun­des­mi­nis­te­rin ge­schlos­sen. In die­sem Zu­sam­men­hang ge­brauchte er den Be­griff „Schavan-Freundin“. Eine Deu­tung sei­ner Aus­sage im Sinne ei­ner Le­bens­ge­mein­schaft lässt ge­rade die­ser Zu­sam­men­hang nicht zu. Zwar um­fasst das von der FAZ an­ge­strebte Ver­bot wört­lich eben­falls den Be­griff „Freun­din“, be­zieht sich da­bei aber eben nur auf die zu Le­bens­part­ne­rin syn­ony­men Bedeutung:

Diese von Ih­nen ver­brei­tete Un­ter­stel­lung, Frau Dr. Schmoll sei die Freun­din oder die Le­bens­ge­fähr­tin von Frau Scha­van ist nicht nur falsch, son­dern er­füllt auch den Tat­be­stand der üblen Nach­rede. Sie dient al­leine der Schmä­hung des An­se­hens von Frau Dr. Schmoll und be­ab­sich­tigt Frau Dr. Schmoll als Jouna­lis­tin her­ab­zu­wür­di­gen. Frau Dr. Schmoll ist we­der die Le­bens­ge­fähr­tin noch die Freun­din von Frau Scha­van.2

Es wird also sei­tens der FAZ nicht ein­mal be­strit­ten, Schmoll sei eine Freun­din Scha­vans. Nur dass Schmoll nicht “die Freun­din”, also Le­bens­ge­fähr­tin Scha­vans sei, wird aus­ge­sagt — so­gar gleich zwei­mal. Trotz die­ser Re­dun­danz ist es aber kaum vor­stell­bar, dass eine Jour­na­lis­tin und ein Rechts­an­walt ei­ner deut­schen Ta­ges­zei­tung selbst ge­mein­sam nicht das er­for­der­li­che Sprach­ver­ständ­nis ha­ben sol­len, um sich die aus dem Zu­sam­men­hang zwei­fels­frei er­sicht­li­che Be­deu­tung des Wor­tes Freun­din zu er­schlie­ßen. Es ist dem­nach aus­zu­schlie­ßen, dass sie tat­säch­lich an­nah­men, Graf habe Schmoll eine Le­bens­part­ner­schaft mit Scha­van unterstellt.

Auch nicht wahr­schein­li­cher wirkt die Vor­stel­lung, bei der FAZ könne man nicht mehr hin­rei­chend struk­tu­riert un­ter­schei­den, durch wel­chen Sach­ver­halt oder durch wel­chen Ver­ur­sa­cher man sich ei­ner Rechts­ver­let­zung aus­ge­setzt sieht und des­halb Graf stell­ver­tre­tend für eine dif­fuse feind­li­che Kraft aus dem In­ter­net für Schmä­hun­gen ver­ant­wort­lich ma­chen will de­ren Her­kunft man sich nicht er­kä­ren kann. Zwar führt der in der Ab­mah­nung er­wähnte Hy­per­link di­rekt auf die Start­seite des Blogs Causa Scha­van, in des­sen ge­sam­ten In­halt nichts zu fin­den ist, was den An­schul­di­gun­gen ent­sprä­che. Gleich­wohl darf man ge­trost an­neh­men, dass dies für Rechts­ge­lehrte der FAZ er­kenn­bar ist.

Selbst wenn die FAZ ver­su­chen wollte, un­ter ei­nem Vor­wand miss­lie­bige Kon­kur­renz aus dem Weg zu räu­men, wie das Blog Er­blogg­tes aus­führt34, wäre das al­len­falls eine Er­klä­rung für eine ge­trübte Ge­müts­lage in der Re­dak­ti­ons­stube der Ta­ges­zei­tung, aber doch kein Un­ter­fan­gen mit Aus­sicht auf Er­folg. Ihre in der An­ge­le­gen­heit Scha­van schwa­che jour­na­lis­ti­sche Leis­tung kann die FAZ ja nicht da­durch stei­gern, in­dem sie ei­nen ein­zel­nen Kom­men­ta­tor mund­tot macht, der dies kri­ti­sierte. We­der der „Ta­ges­spie­gel“ noch die Au­to­ren an­onym ge­führ­ter Blogs, de­ren Be­richt­er­stat­tung qua­li­ta­tiv durch­gän­gig bes­ser war als die der FAZ, wür­den durch ei­nen sol­chen An­griff schließ­lich nicht aus dem Netz verschwinden.

Es bleibt also wei­ter­hin rät­sel­haft, wa­rum Schmoll und die Rechts­ab­tei­lung der FAZ et­was de­men­tie­ren, das nie be­haup­tet wurde.

  1. Klaus Graf, “++EIL++ FAZ will mich in Sa­chen Be­zie­hung Scha­van Schmoll zur Ab­gabe ei­ner straf­be­wehr­ten Un­ter­las­sungs­er­klä­rung zwin­gen ++EIL++”, archiv.twoday.net, 13.03.2013 []
  2. Klaus Graf, “Frau Streisand bitte! Nix Neues von der FAZ in Sa­chen Freundschaft/Lebenspartnerschaft Schavan/Schmoll und zu mei­ner Ab­mah­nung”, archiv.twoday.net, 16.03.2013 []
  3. Er­blogg­tes, “FAZ mahnt un­ter Vor­wand miss­lie­bige Blog­ger ab”, erbloggtes.wordpress.com, 13.03.2013 []
  4. Schavan-Freundschaftsblättchen FAZ sah jour­na­lis­ti­sche Her­ab­wür­di­gung Schmolls,  erbloggtes.wordpress.com, 17.03.2013 []
19. Februar 2013

Zitieren wie Roland Preuß

von Fellow Passenger

Wer in der Zei­tung über Pla­giate und kor­rek­tes Zi­tie­ren schreibt, täte gut daran, selbst zu wis­sen wie das in der deut­schen Spra­che ge­macht wird. Nicht so denkt of­fen­bar Ro­land Preuß bei der “Süd­deut­schen Zei­tung”, wo er schreibt:

Win­na­cker hatte zu­dem der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf vor­ge­wor­fen, sie wäre im Ver­fah­ren ge­gen die in­zwi­schen ab­ge­tre­tene Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin An­nette Scha­van (CDU) “zu­tiefst be­fan­gen” ge­we­sen und hätte des­halb das Ver­fah­ren ab­ge­ben müs­sen.1

Grund­sätz­lich gibt es im Deut­schen zwei Ar­ten zu zi­tie­ren. Die eine ist die di­rekte Rede, bei der ein­fach An­füh­rungs­zei­chen um das ge­sagte ge­setzt wer­den, das wört­lich über­nom­men wird. Zum Bei­spiel: “Im Falle Düs­sel­dorf war na­tür­lich die Fa­kul­tät zu­tiefst be­fan­gen und hätte da­her das Ver­fah­ren ab­ge­ben müs­sen”, be­haup­tete Winnacker.

Die an­dere Mög­lich­keit ist die di­rekte Rede, die ohne An­füh­rungs­zei­chen funk­tio­niert und durch den Kon­junk­tiv ge­bil­det wird. Obi­ges Bei­spiel würde lau­ten: Im Falle Düs­sel­dorf sei na­tür­lich die Fa­kul­tät zu­tiefst be­fan­gen ge­we­sen und hätte da­her das Ver­fah­ren ab­ge­ben müs­sen, be­haup­tete Winnacker.

In bei­den Fäl­len ist so­fort klar, was Win­na­cker ge­sagt hat. Aber Preuß konnte sich of­fen­bar nicht ent­schei­den und hat des­we­gen gleich beide Zi­tier­wei­sen auf ein­mal ver­wen­det und aus “zu­tiefst be­fan­gen” eine di­rekte Rede in­ner­halb der in­di­rek­ten Rede gemacht.

Wür­den Sie die­sem Mann glau­ben, wenn er sagte, er habe alle Quel­len kor­rekt zitiert?

  1. Ro­land Preuß, “Pla­gi­ats­ex­perte warnt vor bun­des­wei­ter Prüf­stelle”, 18.02.201,
    http://sz.de/1.1602993 []
13. Februar 2013

Die unsichtbare Selbstkritik der Universität Düsseldorf

von Fellow Passenger

Bis­lang des ver­bis­se­nen Pro­pa­gan­da­scha­va­nis­mus eher un­ver­däch­tig, äußert sich Tho­mas Stein­feld, Feuilleton-Chef der „Süd­deut­schen Zei­tung“, am 07.02.2013 zum aka­de­mi­schen Auf­stieg und Nie­der­gang der jüngst vom Amt der Bun­des­mi­nis­te­rin für For­schung und Bil­dung zu­rück­ge­tre­te­nen An­nette Scha­van in ei­nem Kom­men­tar mit der Über­schrift „Täu­schen und Verschleiern“.

Wäre die Dis­ser­ta­ti­ons­schrift Scha­vans frei von Pla­gia­ten, so würde sie noch im­mer nicht viel tau­gen, meint Steinfeld:

Und doch ver­birgt die for­male Kor­rekt­heit, mit der sich jetzt die Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf ge­gen ihre ehe­ma­lige Stu­den­tin wen­det, dass an die­ser Dis­ser­ta­tion nicht nur das Maß nicht aus­ge­wie­se­ner Zi­tate an­fecht­bar ist.1

Das bliebe aber weit­ge­hend un­be­merkt, weil die Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf das Ver­fah­ren zur Rück­nahme der Pro­mo­tion von Scha­van for­mal kor­rekt ge­führt habe. Mit “for­male Kor­rekt­heit” meint er vor al­lem, das Ver­fah­ren sei ma­te­ri­ell feh­ler­haft, also in der Sa­che falsch gewesen.

Stein­feld hat das Ver­bor­gene aber na­tür­lich doch be­merkt, in­dem er sich selbst ein Ur­teil über Scha­vans Ar­beit ge­bil­det und die Pla­giate da­bei au­ßer Acht ge­las­sen hat. Nach­dem sie aber eben vor­han­den sind und Stein­feld selbst nicht er­klärt, wie er das ge­macht hat, stellt sich zu­nächst die Frage wie das ge­hen könnte.

Es kä­men theo­re­tisch drei Mög­lich­kei­ten in Betracht:

  1. Es wird nur die tat­säch­lich von Scha­van er­brachte Leis­tung be­wer­tet, die pla­gi­ier­ten Pas­sa­gen wer­den kur­zer­hand weg­ge­las­sen. Die­ser An­satz ist of­fen­sicht­lich un­ge­eig­net, weil we­gen der feh­len­den Text­stel­len der in­halt­li­che Zu­sam­men­hang der Ar­beit nicht mehr ge­ge­ben wäre.
  2. Man tut ein­fach so, als wä­ren die ge­dank­li­chen Leis­tun­gen aus den pla­gi­ier­ten Wer­ken nicht von de­ren Au­to­ren, son­dern von Scha­van. Die­ser Blick­win­kel ist der glei­che, aus dem Prof. Wehle die Ar­beit sei­ner­zeit sah, da er ja da­von aus­ge­hen musste, die ge­samte Dis­ser­ta­ti­ons­schrift wäre die wis­sen­schaft­li­che Leis­tung von Schavan.
  3. Die Ar­beit Scha­vans wird be­trach­tet, als hätte sie alle von ihr ver­wen­de­ten Quel­len kor­rekt aus­ge­wie­sen. Diese Sicht­weise be­wahrt den in­halt­li­chen Zu­sam­men­hang, er­laubt aber den­noch, die Be­ur­tei­lung Scha­vans Leis­tung auf den Teil zu re­du­zie­ren, der tat­säch­lich von ihr stammt. Es wäre also an­zu­neh­men, dass Stein­feld bei sei­ner Un­ter­su­chung die­sen An­satz ge­wählt hat.

Dass dem nicht so ist, er­gibt sich aus sei­ner Be­grün­dung für seine Einschätzung.

[Die Dis­ser­ta­tion] … ent­hält, nach den übli­chen Ein­füh­run­gen und Prä­mis­sen, ein gu­tes Dut­zend Über­blicksar­ti­kel dar­über, was eine — of­fen­bar kaum sys­te­ma­tisch aus­ge­wählte — in­ter­na­tio­nale Pro­mi­nenz aus Phi­lo­so­phie, Psy­cho­lo­gie, Päd­ago­gik und Theo­lo­gie zum Thema “Ge­wis­sen” zu sa­gen hatte.1

Stein­felds Kri­tik be­trifft zum Ei­nen die Aus­wahl der Au­to­ren aus de­ren Tex­ten (oder Se­kun­där­quel­len dar­über) Scha­van den Stand der da­ma­li­gen Wis­sen­schaft re­süm­mierte. Das spricht für den zwei­ten Blick­win­kel. Stein­feld führt zum An­de­ren nur Sig­mund Freud, Jo­sef Der­bo­lav, C. G. Jung und Mar­tin Hei­deg­ger als Bei­spiele an. Han­nah Ah­rendt, Franz Böckle, Jean La­plan­che / Jean-Bertrand Pon­ta­lis und Ernst Stad­ter er­wähnt er nicht. Auch das deu­tet auf den zwei­ten Blick­win­kel hin. Au­ßer­dem kri­ti­siert Stein­feld den ge­rin­gen Um­fang der Sei­ten den Scha­van den Ansich­ten der je­wei­li­gen Au­to­ren zu­ge­stan­den hat, der ja zur Zeit von Scha­vans Pro­mo­tion auch schon der­selbe war. Da­mit steu­ert er sei­ner Kern­aus­sage ent­ge­gen, die Uni­ver­si­tät und vor al­lem Dok­tor­va­ter Wehle wä­ren schuld an der Mi­sere. Das ei­gent­li­che Pro­blem ist für Stein­feld näm­lich die Wahl des Themas.

Das Thema die­ser Dis­ser­ta­tion ist vage an­ge­legt, und es setzt sehr viel Mut, sehr viel Kön­nen oder bei­des vor­aus, nicht an sei­ner schie­ren Größe zu schei­tern.1

In der Tat ist das Thema nicht ge­rade scharf um­ris­sen. Den­noch scheint Wehle mit Scha­vans Ar­beit ja zu­frie­den ge­we­sen zu sein, denn er hat sie mit „ma­gna cum laude“ be­wer­tet. Auch der Zweit­gut­ach­ter Prof. Held­mann hatte of­fen­bar nichts da­ge­gen einzuwenden. Offenbar wa­ren sich Dok­to­ran­din und Be­treuer über die Aus­wahl der Au­to­ren und dem ih­ren Welt­sich­ten ein­ge­räum­ten Um­fang einig.

Ver­ant­wort­lich für die Wahl des Ge­gen­stan­des für eine Pro­mo­tion ist aber nicht die Kan­di­da­tin, son­dern der Be­treuer. Die Kan­di­da­tin kann al­len­falls ein Thema vor­schla­gen, über das dann der Be­treuer ent­schei­det. Dass aber in der Be­treu­ung die­ser Ar­beit ein gra­vie­ren­der Feh­ler ge­sche­hen sein muss, of­fen­bart ein län­ge­rer Blick in das Buch: “Freud und das Ge­wis­sen” oder “Bil­dung und Ge­wis­sen bei Jo­sef Der­bo­lav” hei­ßen diese Ka­pi­tel, de­nen je­weils nur ein paar Sei­ten zu­ge­wie­sen sind.1

Dass Wehle das Thema vor­gab ist anzunehmen. Die ein­zige Per­son, die zu die­sem Zeit­punkt si­cher fest­stel­len konnte, dass die Dok­to­ran­din mit dem Thema heil­los über­for­dert war, ist aber Scha­van selbst. Spä­tes­tens als sie erst­mals in Ver­su­chung ge­riet, fremde Leis­tun­gen als ihre ei­ge­nen aus­zu­ge­ben, hätte sie doch drin­gend ih­ren Dok­tor­va­ter um Rat fra­gen müs­sen. Wie soll er sie denn un­ter­stüt­zen, wenn sie ihm lie­ber vor­täuscht, der Auf­gabe ge­wach­sen zu sein? Der gra­vie­rende Feh­ler war doch wohl eher, dass es Scha­van nicht so sehr um ihr For­schungs­thema ging, son­dern darum, mög­lichst schnell die Pro­mo­tion hin­ter sich zu bringen.

Wenn die Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf nun fest­stellt, An­nette Scha­van habe un­lau­ter ge­ar­bei­tet, so ver­schlei­ert sie, je mehr sie auf den Kri­te­rien for­ma­ler Kor­rekt­heit be­steht, mit wel­cher Nach­läs­sig­keit in ih­rer Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät ge­forscht und ge­lehrt wurde. Das Ur­teil des Fa­kul­täts­rats, An­nette Scha­van den Dok­tor­grad zu ent­zie­hen, ist also in der Sa­che zu­gleich eine ver­nich­tende Selbst­kri­tik der Uni­ver­si­tät — lei­der im Ver­bor­ge­nen.1

Stein­felds Kri­tik stützt sich al­lein auf den Um­stand, dass er die Dis­ser­ta­tion von Scha­van auf fach­li­cher Ebene an­ders be­ur­teilt als Scha­vans Dok­tor­va­ter. Es mag durch­aus sein, dass man­cher Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­ler die Ar­beit deut­lich schlech­ter be­wer­ten wür­den als Wehle es tat. Die von Stein­feld be­haup­tete Nach­läs­sig­keit in der For­schung und Lehre der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät be­legt es je­den­falls nicht.

Die ver­nich­tende Selbst­kri­tik der Uni­ver­si­tät mag Stein­feld vor al­lem des­halb so ver­bor­gen er­schei­nen, weil sie nur in sei­ner Fan­ta­sie existiert.

 

  1. Tho­mas Stein­feld, 07.02.2013, „Täuschen und Ver­schlei­ern“, Süd­deut­sche Zei­tung On­line, http://sz.de/1.1593293 [] [] [] [] []
11. Februar 2013

Exegese abgeschrieben: Papst tritt zurück

von Fellow Passenger

Keine zwei Tage ist es her, dass die Bun­des­mi­nis­te­rin für For­schung und Bil­dung ihr Amt nie­der­legte. Heute er­klärte Papst Be­ne­dikt XVI eben­falls sei­nen Rück­tritt zum 28. Fe­bruar 2013.

7. Februar 2013

Durchhalteparolen für Annette Schavan

von Fellow Passenger

Wenn diese Art Kom­men­tare der Q-Presse hilf­reich sind, dann al­len­falls für An­nette Scha­van. Für den Le­ser sind sie es nicht. Zur Ver­an­schau­li­chung soll hier ein Kom­men­tar von Ru­ben Kar­schnick, Re­dak­teur im Res­sort Stu­dium der „Zeit On­line“, dienen.

Kaum hat die Uni Düs­sel­dorf ihr Ur­teil ge­fällt, ruft die Op­po­si­tion: Scha­van ist nicht mehr halt­bar! Wer nicht rich­tig zi­tie­ren kann, sei des Mi­nis­ter­am­tes nicht wür­dig. Eine Pla­gia­to­rin im Ka­bi­nett von An­gela Mer­kel, eine Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rin ohne Hoch­schul­ab­schluss – unmöglich.

Wieso ei­gent­lich?1

Wieso ei­gent­lich?“, fragt Kar­schnick. Wa­rum er das fragt, fra­gen wir uns. Er stellt diese Frage, weil er von ei­ner fal­schen Prä­misse aus­geht. Um ei­nes Mi­nis­ter­amts wür­dig zu sein, ist es gar nicht not­wen­dig, ei­nen Hoch­schul­ab­schluss zu ha­ben. Nicht ein­mal rich­tig zi­tie­ren kön­nen muss man. Al­ler­dings geht es nicht nur um ein Mi­nis­ter­amt, son­dern um ein ganz be­stimm­tes. Ei­nes, in dem die Mi­nis­te­rin Ent­schei­dun­gen trifft, die wis­sen­schaft­li­che Ein­rich­tun­gen di­rekt be­ein­flus­sen. Fer­ner geht es nicht um die Fä­hig­keit rich­ti­gen Zi­tie­rens, die An­nette Scha­van ja hat, son­dern darum, dass sie es nicht tat als sie es hätte müs­sen, ob­wohl sie es ge­konnt hätte. Sie wählte ei­nen (ver­meint­lich) ein­fa­che­ren Weg und ist des­we­gen nicht mehr glaubwürdig.

Das Ur­teil der Uni Düs­sel­dorf ist um­strit­ten. Di­verse Wis­sen­schaft­ler ha­ben sich in den letz­ten Mo­na­ten dazu geäußert, die Mei­nun­gen ge­hen weit aus­ein­an­der. Wohl­ge­son­nene sa­gen, die Mi­nis­te­rin habe den his­to­ri­schen Um­stän­den ent­spre­chend (kein Copy-Paste, keine Wi­ki­pe­dia) eine gute Ar­beit ein­ge­reicht. Pu­ris­ten sa­gen da­ge­gen: Ein Pla­giat ist ein Pla­giat.1

Selbst­ver­ständ­lich ha­ben sich zu dem Ur­teil der Uni­ver­si­tät in den letz­ten Mo­na­ten keine Wis­sen­schaft­ler ge­äu­ßert. Schon des­we­gen nicht, weil es erst am 05.02.2013 zu­stande kam. Di­ver­gie­rende Mei­nun­gen dazu, wie mit dem Fall um­zu­ge­hen wäre, gab und gibt es al­ler­dings. Sie un­ter­schei­den sich vor al­lem da­durch, ob sie mit sach­li­chen Ar­gu­men­ten un­ter­füt­tert sind oder nicht. Die feh­len denn auch im Kom­men­tar von Kar­schnick: Weil es vor 33 Jah­ren we­der Wi­ki­pe­dia noch elek­tro­ni­sche Zwi­schen­ab­lage ge­ben hat, müsse die von Ko­pien durch­wirkte Ar­beit eine gute ge­we­sen sein. Da fehlt so­gar der Sinn.

In­ter­net­zu­gang und Text­ver­ar­bei­tungs­pro­gramm er­leich­tern die Ar­beit dem red­li­chem Wis­sen­schaft­ler ebenso, wie dem ab­ge­feim­tem Be­trü­ger. Aber Scha­vans Ar­beit wird nicht bes­ser, nur weil sie fürs Ab­schrei­ben eine Schreib­ma­schine mit Ku­gel­kopf benutzte.

Doch Scha­van hat keine Straf­tat be­gan­gen. Sie hat ein paar An­füh­rungs­zei­chen aus­ge­las­sen, im schlimms­ten Fall mit Ab­sicht, um ihre Ar­beit ein biss­chen bes­ser er­schei­nen zu las­sen.1

Hier irrt Kar­schnick schon wie­der. Eine Straf­tat hat Scha­van sehr wohl be­gan­gen. Sie hat an Ei­des statt ver­si­chert, alle ver­wen­de­ten Quel­len und Hilfs­mit­tel kor­rekt an­ge­ge­ben zu ha­ben, ob­wohl es nicht stimmte. Das ist nach §156 StGB eine Straf­tat. Hier hat Frau Scha­van frei­lich nichts zu be­fürch­ten, weil diese Straf­tat längst ver­jährt ist.

Eben­falls irrt Kar­schnick, wenn er ver­harm­lo­send be­haup­tet, Scha­van habe nur ein paar An­füh­rungs­zei­chen aus­ge­las­sen, also or­tho­gra­fi­sche Män­gel über­se­hen. An – je nach Les­art – 60 oder 90 Stel­len ih­rer Dis­ser­ta­tion, hat sie Quel­len­ar­beit vor­ge­ge­ben, die sie nicht ge­leis­tet hat. Nicht um ihre Ar­beit ein biss­chen bes­ser er­schei­nen zu las­sen, son­dern um ei­nen Hoch­schul­ab­schluss da­für zu er­hal­ten. An­ders als eine Straf­tat ver­jäh­ren kann, kann eine Be­schei­ni­gung aber kei­nen Be­stand mehr ha­ben, wenn sich her­aus­stellt, dass sie un­ter ei­ner fal­schen An­nahme er­folgte. Um in Kar­schnicks Bild der Straf­tat zu blei­ben, wäre das so, als könne ein ent­larv­ter Dieb seine Beute be­hal­ten wenn nur die Tat we­gen Ver­jäh­rung nicht mehr be­straft wer­den kann.

Bei Karl-Theodor zu Gut­ten­berg lag der Fall an­ders. Der ehe­ma­lige Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter hat sich vor das Par­la­ment ge­stellt und ge­lo­gen. Ihm konnte nach­ge­wie­sen wer­den, dass mehr als 90 Pro­zent sei­ner Dok­tor­ar­beit ge­klaut war. Das sind echte Rück­tritts­gründe. Scha­van hat we­der im Bun­des­tag die Un­wahr­heit ge­sagt noch mit der Chuzpe Gut­ten­bergs ab­ge­schrie­ben.1

Die schöne Be­zeich­nung „Groß­meis­ter der werkumspan­nen­den Kol­la­ge­tech­nik“2 für Ex-Verteidigungsminister zu Gut­ten­berg mag für Scha­van un­pas­send sein. Den­noch liegt der Fall nicht we­sent­lich an­ders. Scha­van hat ge­lo­gen, nicht nur vor dem Par­la­ment, son­dern vor der gan­zen Welt. Sie tat dies vor 33 Jah­ren und sie tut es heute. Sie be­haup­tet bis heute, in ih­rem Pro­mo­ti­ons­ver­fah­ren nicht ge­täuscht zu ha­ben. Die bei­den Fälle wei­sen durch­aus Par­al­le­len auf: Die Vor­würfe, das Ab­strei­ten, die Rück­nahme der Pro­mo­tion, die Ver­si­che­rung volls­ten Ver­trau­ens durch die Kanz­le­rin und ver­mut­lich auch bald der Rück­tritt. Her­aus­ra­gen­der Un­ter­schied ist die Dauer vom Vor­wurf bis zum Rück­tritt, die bei zu Gut­ten­berg etwa zwei Wo­chen be­trug, wäh­rend das Wis­sen­schafts­mi­nis­te­riale Ge­säß auch neun Mo­nate nach dem Be­kannt­wer­den der pla­gi­ie­ren­den Ar­beits­weise noch im­mer am Ses­sel haftet.

Die je­weils an den Tag ge­legte Chuzpe mit der eine Täu­schung voll­zo­gen wird, kann kaum über Rück­tritt oder Ver­bleib im Amt ent­schei­den. Kar­schnick ver­säumt im Übri­gen zu be­nen­nen, ab wel­cher Zahl auf der nach oben of­fe­nen Chuzpe-Skala sei­ner Ansicht nach ein Rück­tritt an­ge­zeigt wäre.

Die Kanz­le­rin sollte ge­las­sen blei­ben. So man­che Dok­tor­ar­beit in Deutsch­land würde der Über­prü­fung durch In­ter­net­ak­ti­vis­ten und Kom­mis­sio­nen nicht stand­hal­ten. Ginge es ge­recht im Sinne scha­van­scher Maß­stäbe zu, müsste eine Ab­er­ken­nungs­welle durch die Re­pu­blik rol­len. Die Re­gie­rung muss zei­gen, dass es ei­nen Weg gibt, mit den Fünden[sic!] der Pla­gi­ats­jä­ger sou­ve­rän um­zu­ge­hen.1

Die Kanz­le­rin bleibt ge­trost ge­las­sen, denn sie kann ih­rer Ver­trau­ten und Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rin nach de­ren Rück­kehr den Rück­tritt na­he­le­gen und sich und Ihre Par­tei da­mit noch im­mer recht­zei­tig aus der Schuss­li­nie bringen.

Dass aber Un­ter­schleif bei Pro­mo­tio­nen Gang und Gäbe sein soll, muss man Kar­schnick wohl nicht glau­ben. Wenn das Vor­ge­hen wie es Scha­van an den Tag legt, wis­sen­schaft­lich zu nen­nen wäre, be­nö­tig­ten wir keine Wis­sen­schaft. Die näm­lich soll neue Er­kennt­nisse her­vor­brin­gen. Li­te­ra­tur­re­fe­rate die selbst im In­ter­pre­ta­ti­ons­teil an­derswo ab­ge­schrie­bene, also eben nicht neue Ge­dan­ken ent­hal­ten, lie­fern keine neuen Er­kennt­nisse.  Stünde es tat­säch­lich so schlecht um die wis­sen­schaft­li­che Red­lich­keit bei Deutsch­lands Dok­to­ran­den, wäre es nur kon­se­quent, die von Kar­schnick her­auf­be­schwo­rene Ab­er­ken­nungs­welle los­rol­len zu lassen.

Muss die Re­gie­rung zei­gen, dass es ei­nen Weg gibt, mit der Auf­de­ckung von Täu­schun­gen sou­ve­rän um­zu­ge­hen, so könnte die Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rin den An­fang ma­chen, in­dem sie dem un­wür­di­gen Spek­ta­kel end­lich ein Ende be­rei­tet und ihr Amt nie­der­legt. Sou­ve­rän wäre es vor al­lem ge­we­sen, das Amt wäh­rend der Prü­fung durch die Uni­ver­si­tät ru­hen zu lassen.

Der Kom­men­tar von Kar­schnick zeugt nicht nur von er­schre­cken­der Ah­nungs­lo­sig­keit, son­dern sen­det auch eine fa­tale Bot­schaft an seine Ziel­gruppe. In­dem er Scha­vans Vor­ge­hen bei der Pro­mo­tion als or­tho­gra­fi­sche Flüch­tig­keits­feh­ler ver­harm­lost und zu­dem den Stu­die­ren­den sug­ge­riert, Be­trug sei in der Wis­sen­schaft völ­lig nor­mal, er­mun­tert er seine Le­ser zum Be­trug — un­eid­li­che Falsch­aus­sage in­klu­sive. Solch eine Auf­fas­sung ist im Res­sort Stu­dium ebenso fehl am Platz wie eine Wis­sen­schafts­be­trü­ge­rin an der Spitze des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für For­schung und Bildung.

Auch beim Thema Scha­van gilt: Wer sich mit den Fak­ten aus­ein­an­der­set­zen möchte, ist mit der Q-Presse nicht allzu gut be­ra­ten. Bes­sere In­for­ma­tion, weil sach­lich ver­ar­gu­men­tiert, fin­det sich mal wie­der in Blogs. Des­we­gen hier eine kleine Schavan-Blogroll:

Diese Liste ist nicht er­schöp­fend und selbst­ver­ständ­lich fin­det auch in der Q-Presse fach­be­zo­gene Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Thema statt. Auch in der “Zeit”, wie etwa Lud­wig Gre­ven zeigt.3 Of­fen­sicht­lich kann man aus dem je­wei­li­gen Na­men des Q-Presseerzeugnisses nicht schlie­ßen, was ei­nen er­war­tet. Ei­nen An­halts­punkt mö­gen dort, so­fern an­ge­ge­ben, die Au­to­ren­na­men lie­fern. Pro­pa­gan­da­scha­va­nis­mus droht zu­min­dest von Ru­ben Kar­schnick in der “Zeit”, von Ro­land Preuß in der “Süd­deut­schen” und von Heike Schmoll in der “FAZ”.


  1. Ru­ben Kar­schnick, „Bloß nicht zu­rück­tre­ten!“, 06.02.2013, In: Zeit On­line Hoch­schule, http://www.zeit.de/studium/hochschule/2013–02/schavan-kommentar-titel-duesseldorf [] [] [] [] []
  2. Chris­tiane Hoff­mann, „Cui bono?“, 20.10.2012, In: Zeit On­line, http://www.faz.net/-11932751.html []
  3. Lud­wig Gre­ven, “Scha­van muss ge­hen”, 07.02.2013, In: Zeit On­line, http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013–02/schavan-plagiat-merkel-doktor-stimmung-koalition/komplettansicht []