Macht Sinn

Eigentlich ergibt dieser Ausdruck, „etwas mache Sinn“, gar keinen Sinn. Eine Überlegung oder eine Handlung hat entweder Sinn oder eben auch nicht. Auf keinen Fall kann sie Sinn erzeugen. Woraus sollte Sinn eigentlich hergestellt werden?

Schon das Verb „machen“ selbst ist ja etwas unglücklich gewählt. Ein Kind macht in die Hose, der Ängstliche wird aufgefordert, sich nicht ins Hemd zu machen. Ein Euphemismus für die Absonderung von Stoffwechselendprodukten also. Kein Wunder, daß mich die Aussage eines Wahlplakates nicht überzeugen konnte, in dem gar versprochen wurde, der beworbene Kandidat mache Sinn.

Zwar findet sich dieser Terminus längst auch im Duden, sogar schon viel länger als die Auswüchse der Rechtschreibreform, aber vor zehn Jahren gab es ihn noch nicht. Er kam erst in unserern Sprachgebrauch, als Fotomodelle plötzlich Namen hatten und Interviews geben durften. Zu der Zeit fand man es nämlich chick, sich seiner Muttersprache nur mehr bruchstückhaft erinnern zu können, um zu unterstreichen, wie überaus kosmopolit man ist. Damals hat man aber offenbar versäumt, „das macht Sinn“ unter der Kategorie Falsche Freunde abzulegen.

Sprache lebt. Sie wandelt sich im Lauf der Zeit. Immer wieder wird sie durch Begriffe aus anderen Sprachen bereichert. Was könnte man statt Hightech schon schöneres sagen? Vielleicht wird das Handelsbilanzdefizit eines Tages vom Trade Gap abgelöst. Umgekehrt könnte der Amerikaner statt Cell Phone ja irgendwann auch Handy sagen. Oder Mobile, wie der Engländer. Der Spanier könnte sich auch davon trennen, das warme Würstchen in der Semmel (Brötchen für Nicht-Bayern), verbissen Perro Caliente zu nennen und stattdessen einfach von einem Hot Dog sprechen.

Aber den deutschen Wörtern aus Mangel an Kenntnis der englischen Sprache englische Grammatik aufzupflanzen, wirkt einfach nur ungelenk. Es ist wie Sinn machen.

19 Antworten auf „Macht Sinn“

  1. „Sinn machen“ ist ja auch die wörtliche Übersetzung von „makes sense“. Es war glaub ich der Herr Zwiebelfisch der als Alternative „ergibt Sinn“ vorschlägt.
    Dann ergibt das Machen wieder Sinn…

  2. zwiebelfisch mag sich als sprachrohr des guten tons fühlen, doch gibt es instanzen, die weit aus mehr „pep“ und „pfiff“ und wissen besitzen um jeder zeit herrn zwiebelfisch als linguistschen „milchbubi“ in die schranken zu weisen.

    beispielsweise herr weidemann, kurt – hoftypograf und grafikschlampe der industrie. in seinem buch, „worte“ schreibt er, u.a. „manchem bleibt die muttersprache die erste und einzige fremdsprache.“

  3. Als was Herr Sick sich fühlen mag, kann ich nicht beurteilen. Ein Sprachrohr der Grammatik ist er. Da besteht kein Zweifel. Ganz gewiß ist er kein „linguistischer Milchbubi“. Er schreibt harmlos, bleibt dabei immer freundlich, korrigiert ohne schulmeisterhaft zu wirken und ist auf charmante Art witzig. Und er weiß, von was er schreibt.

    Herrn Weidemann, der genau wie Sie, Frau Myshka, ein guter Grafiker ist, scheint mir vor allem auch ein Misanthrop zu sein, so wie ich. Das ist nicht unbedingt ein gutes Zeichen.

  4. zum thema „sinn machen“ muss ich hier unbedingt die „sinnproduzenten“ anführen.
    z.b. die wissenschaft (hier: philologien) haben sich als sinnproduzenten herausgestellt, indem sie (wie z.b. f. m. müller) „heilige texte“ aus fremden kulturen „importiert“ haben und diese eine sinnstiftende funktion für manche personen entwickelt haben (z.b. die baghavad gita).
    auch haben sich in der neuesten moderne sogenannte „audience cults“ entwickelt. dies stellt eine gruppe von personen dar, die aus, sagen wir romanen, sinnerfahrungen ableiten wollen. (siehe u.a. bukowski)

    entschuldigen sie bitte die klugscheisserei, es ist nur so, dass ich kürzlich eine hausarbeit über dieses thema geschrieben habe.

    fazit: es gibt durchaus menschen/institutionen die sinn machen, im sinne von produzieren.

  5. „sinnstifftend“, ein neues wort. wie „unruhe stifften“. aber unruhe kann man auch nicht machen. dafür aber „lauter machen“.
    wie währe es wenn wir auch das wort „verleihen“ hier anbringen? wir leben schliesslich in einer kapitalischen gesellschaft.
    „sinn“ wird durchaus auch als gegenstand oder materie behandelt im „sinnentleert“.
    aber was ist den mit unsinn? den kann man schon machen. z.b. in den man solch wortschöpfungen wie „sinnproduzenten“ erwürg…erdenkt. auch die sinnproduzenten machen kein sinn. eher sind diese die verleiher oder boten, die den sinn dieser annalen überbringen oder näherbringen.

  6. Ein Vorschlag zur Güte:
    Betrachten wir doch ganz einfach den Sinn ebenfalls als Stoffwechselendprodukt™! Das ist er in einem gewissen Sinn letztendlich sogar. Somit macht „macht Sinn“ Sinn und jegliche Diskussion erübrigt sich.

    Sinnvolle Grüße,
    – Don [:-]

  7. Wenn „… eine Handlung […] entweder Sinn oder eben auch nicht …“ hat wie kann sie dann analog zur gegebenen Erklärung Sinn ergeben? Das Resultat einer Handlung ist eine veränderte Situation, die sich ergeben hat. Ist diese gewünscht und war die Handlung sehr zielführend, dann war es sicher sinnvoll so zu handeln, aber meiner Meinung nach hat es werder Sinn gemacht noch ergeben.

  8. Vielen Dank, daß Sie sich nach knapp drei Jahren Bedenkzeit zu einer Antwort entschlossen haben, verehrter Herr Sprachdepp.

    Zur Stunde vermag ich Ihrer Argumentation nicht ganz zu folgen. Das ist gewiss eher meiner augenblicklich beschränkten Aufnahmefähigkeit geschuldet, als Ihrer etwas verhaltenen Einstellung zur Interpunktion.

    Während ich mich zurückziehe, um zu überlegen, wie eine sehr zielführende Handlung sich von einer nur durchschnittlich zielführenden unterscheidet, gehe ich davon aus, daß Sie mit meiner Ausführung im Grunde übereinstimmen. Daß eine Handlung Sinn machen könnte ziehen Sie ja nicht in Betracht.

  9. Der Ausdruck „Sinn machen“ kommt von der irrigen Annahme einiger Zeitgenossen, ihre Handlungen von ihren Verantwortlichkeiten trennen zu können, um ihren Handlungen ein vom Handelnden unabhängiges Quasi-Persönlichkeitsrecht zu unterstellen, zum Zwecke der Selbstentfremdung mangels Erkenntnis des Sinns dieser Handlungen bei gleichzeitiger Unlust zum Sinn für Verantwortung. So kann man durchaus der unsinnigen Ansicht sein, die eigenen Handlungen machten Sinn ohne dass es einem in den selben käme, man hätte diesen.

  10. Sehr geehrte Frau Maria v. Boisse,
    es widerstrebt mir, jemanden ob eines Besseren belehren zu wollen, und das ist nun auch nicht der Sinn meines blogposts zu ihrem Kommentar.
    Erlauben sie mir bitte lediglich einen kleinen aus der Hüfte heraus abgegebenen sinnlichen Hinweis; denn in ihrer letzten Zeile wäre m.E. ein ‚in denselben gekommen gewesen wäre‘ angebracht gewesen, um den Satz einzulochen.
    Ansonsten werden Sie schon recht haben.
    a votre service, mademoiselle

  11. Hoch verehrter Herr Pehaca,

    hätten Sie – anstatt der Hüfte – ihre Sinne zur Formalanalyse meiner Ausschweifungen genutzt, hätten Sie bemerken wollen müssen, dass aus dieser meiner, von Ihnen angeschriebenen letzten Zeile undreideutig eine Abwesenheit von Sinn hervorgeht. Da Sinn an und Pfirsich nicht in der Lage ist „in“ was auch immer hineinzugehen – höchstens „aus“ was auch immer herauszusehen wäre – wozu ein aufmerksamer Betrachter und Sinnstifter zwingend nötig ist, muss ich Ihnen wirklich leider mitteilen, dass der Lochversuch ihrerseits in seiner Absicht meinerseits zwar sehr geschätzt wurde, aber leider seinen Sinn verfehlte.

    mit höchstcommunicativen Grüßen in den Süden,
    a votre santé, Monsieur

  12. Vielen Dank für den Hinweis auf den Amerikanistikforscher und sein Germanistkperiodikum, Herr oder Frau Ultrasonic. Ich kenne die von Ihnen genannte Monographie bereits seit längerem und halte sie für völlig unseriös.

    Ihre Theorie, meine liebe Frau v. Boisse, hingegen höre ich zum ersten mal und finde sie reizvoll.

    Aus der Hüfte sinnlich einlochen, werter Herr Pecas? Für die erste Begegnung klingt das fast etwas anzüglich, nicht? À la vôtre!

  13. @ Mitreisender

    Abgesehen vom alleinigen Besitzanspruch meiner Person an sich selbst, muss ich Ihnen das Kompliment umgehend retour senden, da Ihre Sinnlichkeiten mich zu dieser Replik hinreissen ließen, ob meines Erstaunens, dass im Lande des König Ludwig Dunkel noch helle Geister existieren(außer einigen unwesentlichen aber sinnvollen Mitgliedern meiner Familie), welche dem Leben Sinnvolles abgewinnen können.

    In diesem Sinne schreib ich leise Servus.

  14. Hüftig, nicht allzu hüftig, wie ich hoffe.
    So, dass es noch sinnt.

    Ich widerspreche aus Erfahrung, praktischer:
    Der Sinn kann sehr wohl eingehen in etwas,
    auch unangezogen, vielleicht gerade dann.

    Nur: Haben muss man ihn erst einmal,
    dass er machen kann.

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