Blogger schmecken nicht wie Zuckerwatte!

Zuckerwatte
Bild geklaut bei Treibgut

Deutschlands Helden der Wirtschaft gefallen sich, indem sie für 30 Millionen Euro mediales Johanniskraut fürs Volk verteilen. Dabei verlassen sich die Schöpfer der Kampagne „Du bist Deutschland“ vor allem darauf, daß die Deutschen von einem Stimmungstief geplagt sind, das sie sich selbst herbeigeredet haben. Folglich müsste sich diese Depression durch eine Landesweit angelegte Psychotherapie wieder beseitigen lassen, so die Idee der Initiatoren.

Der Gedanke ist ehrbar, keine Frage. Dennoch hat die Kampagne in vielerlei Hinsicht eine ganze Reihe von Schwächen. Die größte ist wohl, daß in Sachen Bildung, Gesundheitswesen, Sozialfürsorge und Arbeitsmarkt ein Abwärtstrend zu spüren ist, und vor allem weder Regierung noch Opposition sich die Mühe gemacht haben ein Konzept zu erarbeiten das Besserung hoffen lässt. Gemessen an beispielsweise Tansania geht es Deutschland überragend gut. Deutschland geht es auch absolut gesehen nicht schlecht. Aber der Abstand wird schmaler und das beunruhigt die Menschen.

Korruption gibt es wohl überall. In gewissen Maßen mag sie dem Wohlergehen eines Landes vielleicht sogar förderlich sein. Doch allzuviel ist ungesund. Allzuviel davon gibt es in Deutschland. Das ist so, weil es zum Beispiel für Abgeordnete nicht verboten ist, von Personen oder Unternehmen Geld anzunehmen. Der Verein Transparency International rügt dies an Deutschland bereits seit vielen Jahren, das da im internationalen Vergleich starkten Nachholbedarf hat, wie ein Papier des Vereins zeigt (hier als PDF).

Daß eingedenk dieser Umstände so manchen der Mut verlässt, ist eigentlich nicht überraschend. Die Frage ist, ob eine Kampagne aus der schönen bunten Welt der Werbung daran viel zu ändern vermag.

Zweifel sind berechtigt. Zum einen ist nicht alles im Lande eitel Sonnenschein, zum anderen ist die Kampagne selbst nicht wirklich gut umgesetzt. Während sich die meisten Webmaster bemühen ihre Seiten so zu gestalten, daß sogar blinde Menschen etwas damit anfangen können verläßt sich die deutsche Motivationselite lieber auf Flash, was selbst sehende zuweilen vor Schwierigkeiten stellt. Zum Beispiel erteilt der Internetauftritt Linuxanwendern ohne Kommentar eine Absage.

Wem es gelingt die Seite aufzurufen, der mag über einige Inhalte stolpern. So fragt man sich, warum unter anderem gerade Albert Einstein als Musterdeutscher hinhalten musste. Immerhin musste er aus Deutschland fliehen, um seiner Arbeit nachgehen zu dürfen.

Kein Wunder also, daß aus der deutschen Bloglandschaft auch Gegenwind weht, wie Google-Blogsearch zeigt.Spreeblick hat seine Leser dazu ermuntert, dort eigenen Entwürfe für die Kampagne zu hintelegen. Die ersten drei „Anzeigen“ sind freilich von Ihm selbst. Im Motiv „Du bist Ackermann“ ehrhebt der Bankvorstand die rechte Hand zum „Viktory-Zeichen“ und ist sichtlich froh die Gerichtsverhandlung unbeschadet überstanden zu haben. Bald 300 Entwürfe sind dort zu finden. Viele davon sind recht gelungene Satiren.

Interessant, was Mitinitiator der „Du bist Deutschland“-Kampagne Michael Trautmann dazu dem Handelsblatt mitzuteilen weiß: „Mit dem negativen Feed-Back bei den Weblogs haben wir gerechnet. Die sind immer destruktiv“.

Mit so einem dümmlichen Kommentar mußten wir rechnen. Werber sind sind immer arrogant.

4 Antworten auf „Blogger schmecken nicht wie Zuckerwatte!“

  1. Mit Ihrem Gemosere bringen Sie es nie zu einem international beachteten und respektierten Blog, Herr Fellow Passenger. Finden Sie doch mal was toll! Nicht immer so verkrampft! Nehmen Sie sich ein Beispiel an Angela Merkel! Die schaut auch immer ganz freudig drein, nie verkrampft und lächelt immer ungekünselt.

  2. Ich liebe die letzten sechs Zeilen!
    Man kann nur immer wieder den Kopf schütteln – so viele von uns sind eben genau jenes, wonach die Kampagne ruft. Menschen mit Initiative, mit Mut (und sei es jener der Verzweiflung), Menschen, die einhändig Elephanten stemmen und von jeglichem Versicherer mit dem sogenannten ‚unternehmerischen Risiko‘ vollkommen allein gelassen werden. Viele dieser Menschen sind auch Blogger. Und werden mit dem Federstrich des Vorurteils vom Tisch gewischt. Weil es gerade so passt. Weil man mit Kritik weder umgehen möchte noch kann. Warum eigentlich, frage ich mich in letzer Zeit sehr oft, stellen wir diesem Land unsere kreativen, innovativen und eigenständigen Kräfte überhaupt noch zur Verfügung? …

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