Freiheit und Verantwortung

„Pressefreiheit bedeutet nicht Hirnlosigkeit, sondern vor allem auch Verantwortung“, schreibt Sabine Kebir in Freitag. Damit meint sie, daß es falsch wäre, wenn westeuropäische Zeitungen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen „trotzig“ nachdrucken. Dabei ist es keine Freiheit der Presse und auch kein Trotz. Es ist eine Pflicht den Lesern gegenüber, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich selbst ein Bild davon zu machen, was die Gemüter der Muslime bewegt. Hätten die an den Ausschreitungen beteiligten diese Möglichkeit gehabt, wäre es vermutlich nicht soweit gekommen. Sie hätten wissen können, daß es sich um einen Provokationsversuch einer rechtsgerichteten, fremdenfeindlichen Kampfpostille mit einer Auflage von 150000 Stück handelt.

Religionsfreiheit bedeutet, daß jeder glauben kann was er möchte. Sie bedeutet nicht, daß man alles machen darf, was mit der eigenen Religion zu vereinbaren ist. Jemanden steinigen zum Beispiel nicht. Religionsfreiheit heißt genauer, daß man andersgläubigen keine religiösen Bräuche vorschreiben darf. Logisch, sonst würden Christen Muslimen womöglich vorschreiben, Messwein zu trinken. Ein Abbildungsverbot gilt also erst mal nur für Muslime. Wenn überhaupt. „Die Engel werden Häuser nicht betreten, in denen Hunde sind und bildliche Darstellungen“, klingt nicht gerade nach einem Verbot. Wenn doch, müsste man als Muslim wohl gegen Hundehalter vorgehen, wie der Satiriker Robert Gernhardt in einem Interview mit tagesschau.de sagte.

Meinungsfreiheit heißt, jeder Mensch hat das Recht, die Zeichnungen als beleidigend zu empfinden. Meinungsfreiheit bedeutet auch, daß man das zuweilen ertragen muß. Arabische Zeitungen haben schon lange vor dem Erscheinen der Mohammed-Karikaturen zahlreiche Karikaturen abgedruckt, die viele Menschen als beleidigend empfinden dürften. Eine Kostprobe ist bei Tom Gross Mideast Media Analysis zu sehen. Politically Incorrect stellt die Zeichnungen beider Seiten gegenüber, die sich an Radikalität nichts schenken.

Sabine Kebir schreibt bei Freitag weiter, „Ich dachte immer, der Grad von Pressefreiheit misst sich an der ungestraften Möglichkeit, vor allem die eigenen Herrscher zu kritisieren und zu karikieren. Den vermeintlichen Feind zu reizen und zu verhöhnen, war und ist schließlich auch in Diktaturen erlaubt, oft sogar ausdrücklich erwünscht.“ Das ist sicher richtig. Deswegen gibt es die bei Tom Gross gezeigten Zeichnungen. Aber warum ist es so schwer in arabischen Zeitungen Karikaturen über arabische Potentaten zu finden?

„Verantwortung bedeutet, die Folgen zu tragen für eigene oder fremde Handlungen. Sie drückt sich darin aus, bereit und fähig zu sein, später Antwort auf mögliche Fragen zu diesen Folgen zu geben. Eine Verantwortung zieht immer eine Verantwortlichkeit nach sich, d. h. dafür Sorge zu tragen, dass die Entwicklung des Verantwortungsbereichs im gewünschten Rahmen verläuft“, schreibt Wikipedia. Der Okzident hat heute die Verantwortung, seine intellektuelle und kulturelle Identität zu bewahren. Die Freiheiten, die ihn lebenswert machen, wurden langsam, mit Mühe und unter Verlusten an Menschenleben erkämpft. Wir haben die Verantwortung, sie nicht aufzugeben, nicht aus lauter Rücksichtnahme rücksichtslos zu werden. So tolerant, uns die Toleranz verbieten zu lassen, dürfen wir nicht sein.

Die europäischen Regierungen sollten durchaus sagen, daß sie die Zeichnungen nicht gutheißen. Aber sich dafür entschuldigen, daß sie gedruckt werden konnten oder gar Gesetze einführen, die das in Zukunft verhindern würden? Auf gar keinen Fall!

3 Antworten auf „Freiheit und Verantwortung“

  1. Man mag geneigt sein sich zu fragen, was Frau Kebir an der ganzen unseligen Diskussion und den damit einher gehenden Exzessen alles nicht verstanden hat. Bei allem, was in ihrem Artikel bemerkens- und ernsthaft nachdenkenswert ist – sie leistet der Sache, um die es wirklich geht, einen Bärendienst.

    Es „trotzig“ zu nennen, wenn andere (sog. westliche) Zeitungen die Karikaturen nachdrucken, geht ebenso sehr am tatsächlichen Thema vorbei wie der zutiefst unglückliche Zusammenhang, den sie herstellt, indem sie Wohl und Leben der deutschen Geiseln im Irak mit dem Nachdrucken der Karikaturen verknüpft. Eine Wahrnehmung, die nicht nur zu kurz greift, sondern zu allem Unglück auch noch genau die Sowas-kommt-von-sowas-Dialektik fördert, die es doch gerade zu überwinden gilt, weil sie immer nur scheitern kann, immer nur noch tiefere Gräben aushebt.

    So etwas mit dem Argument einer falsch verstandenen Pressefreiheit auf den Gipfel zu treiben und – horribile dictu – auch noch „zivilisationsinduzierte“ Verschwörungstheorien des Westens gegen den Islam nachzulegen, konterkariert jeden wirklich vernünftigen Versuch, den (zweifellos entstandenen) Schaden zu beheben und den Weg für ein aufrichtiges Miteinander wieder ein wenig zu ebnen. Natürlich sind Tendenzen, die die westlichen Öffentlichkeiten auf einen möglichen Krieg gegen den Iran vorbereiten sollen, nicht von der Hand zu weisen. Natürlich sind sie zu verurteilen.

    Was nicht geht, das ist eine Verurteilung und Abwatschung von Werten, die wir eben einmal für unverzichtbar halten, auch wenn das an der einen oder anderen Stelle sehr weh tun kann.

  2. Es ist auch sehr angenehm, zu sehen, daß meine Überlegungen doch gelesen und nachvollzogen werden, meine Herren Rationalstürmer und Christoph. Ich hatte zunächst schon die Befürchtung, der Eintrag sei irgendwie unsichtbar, oder zumindest vollkommen uninteressant.

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