On Tour – Teil II

Wenn man schon in Berlin ist, lohnt sich natürlich ein Abstecher nach Hamburg. Das ist theoretisch in zweieinhalb Stunden mit dem Auto zu erreichen. Nicht mit jedem Auto allerdings. Diesmal bot die Mitfahrgelegenheit einen japanischen Geländewagen der Spitzengeschwindigkeiten bis zu 110 km/h zu erreichen im Stande war. Die polnischen Kennzeichen würden zuweilen Polizisten des Bundesgrenzschutzes ermuntern, ausgedehnte Durchsuchungen vorzunehmen erklärete der freundliche Fahrer. Illegal eingeführte Tabakwaren hätte er aber ohnehin nicht an Bord, beruhigte er mich. Derlei Unbill blieb uns zwar erspart, aber 4 Stunden hat es trotzdem gedauert bis ich wenige Meter vom Cafe Sperrmüll entfernt aussteigen durfte.

Sofort nach der herzlichen Begrüßung händigte mir der Chef persönlich den Schlüssel zur Präsidentensuite aus. Kurz darauf fand in der Lobby ein konspiratives Treffen mit Herrn Matt und Herrn ZAF statt. Alsbald wurde für den nächsten Abend ein Kiezbummel beschlossen, bei dem Herr Matt sich als Reiseführer betätigen würde.


Gerade die älteren Hamburger wissen die aphrodisierende Wirkung von Würsten und Frikadellen (Fleischpflanzerl) zu schätzen.

Gesagt, getan. Wir wandelten auf den Spuren Adam Greens und beobachteten die bemerkenswerte Choreografie der Bordsteinschwalben aus dem Schutz eines Fastfoodlokals gegenüber der Davidwache. Zum Glück wusste ich nicht, daß dort Bier ausgeschenkt wird und nahm ein Mineralwasser zu mir. Das Bier schmeckt nämlich grauenhaft, wie mir mein Begleiter beschied. Interessant: Die Geschäftsdamen auf der Straße sehen unaufdringlich aus, verhalten sich aber äußerst zutraulich.
In den Schaufenstern der Herbertstraße ist es genau umgekehrt. Die im Schwarzlicht grell leuchtenden weißen Dessous weisen mehr als deutlich auf die jeweiligen köperlichen Vorzüge hin, dafür kann man dort unbehelligt flanieren, ohne angesprochen oder am Rockzipfel ergriffen zu werden. Wärend in der Herbertstraße Silikonimplantate das Brustbild dominieren, räkeln sich die Tänzerinnen im Dollhouse weitgehend naturbelassen auf der Bühne und den Tischen.


Für 1,50 € kann der Gast einen Dollhousedollar ertauschen. Das läßt vermuten, die entblößten Empfänger dürfen die hausinterne Währung bei Ihrem Arbeitgeber wiederum für 50 Eurocent pro Dollhousedollar wechseln.

Im Dollhouse besteht die Pflicht, seine Jacke an der Gardeobe abzugeben. Weil meine Jacke aber ein Jacket war, durfte ich sie aber doch anbehalten. Für das Eintrittsgeld, bekamen wir je einen Dollhouse-Dollar. Mit dieser Währung kann man zwar nirgens bezahlen, aber man darf sie Tänzerinnen und Tänzern in die Höschen schieben. Mit dem ganzen Papier sieht die Unterwäsche dann allerdings eher reichlich albern aus, weshalb ich den Schein schließlich lieber behalten habe. Albern sah auch der muskelbepackte Zwerg aus, der unter seinem schwarzen Hut einen weißen Kopfverband trug, als er mit nacktem Oberkörper etwas unmotiviert auf der Bühne herumtänzelte. Die Damen zeigten nahezu akrobatische aber auch etwas einseitige Dehnübungen. Gerne übrigens auf einem amerikanischen Motorrad das auf einer Drehbühne parkte.


Nicht nur Elvis, sondern auch Jesus lebt. In Hamburg sogar gleich neben einem schwulen Pornokino.

In 62 Metern Höhe beschlossen wir den anregenden Abend bei einem Cocktail in der Tower Bar, die von außen betrachtet einen viel besseren Eindruck über die gebotene Aussicht erweckt, als man sie von innen tatsächlich erlebt.


Speziell für die Rückseite der Reeperbahn hier die Rückseite des alten Elbtunnels

Danach hat Herr Matt mich überaus fürsorglich zurück durch den Hamburger Sündenpfuhl bis an die Haustür des Cafe Sperrmüll geleitet. Im 14. Stockwerk wartete der wunderbare Herr Neobazi sogleich mit allem auf, was Küche und Tiefkühltruhe zu bieten hatten. Das Chilli con Carne war köstlich und das dargebotene Astra erwies sich auch als dem bayerischen Gaumen überaus zugänglich.

9 Antworten auf „On Tour – Teil II“

  1. Ja, ja, so war’s.

    Vielen Dank für das spezielle Elbtunnelbild. Meine beiden Versuche nämlich entpuppten sich als amateurhaft verwackelt, und jetzt muss ich wenigstens nicht noch mal dort hinabsteigen.

  2. Sehr geehrter Fellow Passenger,
    haben sie evtl. herausfinden können, was es zur Zeit in Hamburg mit diesen blauen Neonbögen aufsich hat? Ich konnte es letzte Woche dort nicht (aus Zeitgründen).
    Freundlichst
    ecaps_retnec

  3. Zunächst, mein bester Herr Retnec, konnte ich feststellen, daß es sich mitnichten um Bögen handelt, wie man bei flüchtiger Betrachtung annehmen könnte. Der routinirte Reisende erkennt die zu beiden Seiten vorhandenen rechten Winkel und wird die Konstrukte als Tore bezeichnen. Dieser Begriff bringt uns auch dem Hintergrund näher. Diese Tore symbolisieren jene netzverhangenen Ballziele, die zu beiden Seiten einer Wiese aufgestellt werden auf der mehrere junge Männer umherlaufen um sich von einer tobenden Menschenmasse um die Wiese herum bejubeln zu lassen. Auf eine Großveranstaltung dieser Art wollten die Hamburger diesen Sommer aufmerksam machen. Die ist inzwischen längst vorbei, möchten Sie nun vielleicht einwenden und die Hamburger der Bräsigkeit bezichtigen. Allerdings erfindet der Hamburger nun da die Tore bereits stehen, ständig neue Anwendungsmöglichkeiten. Bis zum 30. September sollen Sie nun auf die China-Time und die Partnerstadt Shanghai hinweisen.

  4. Was Sie nicht alles wissen, hochverehrter Herr Fellow von Passenger. Die Nachricht über die gelbe Gefahr ist noch nicht einmal bis zu mir durchgedrungen. Aber ich lebe ja auch in der Republik Sankt Pauli.

  5. Die gelbe Gefahr? Steht ein Massenausbruch der Gelbsucht in Hamburg bevor? Warum sagt mir denn nur keiner was?!

    Wie fanden Sie denn nun die CD(s je nachdem ob Sie die noch gerippt haben oder nicht), Herr Fellow Passenger?

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