Kein freier Mann

Freiheit ist relativ. Christian Klar, ein ehemaliger Terrorist der Roten Armee Fraktion ist aus seiner 26 Jahre langen Haft entlassen worden. Nicht in die Freiheit, wie „Bild“ behauptet 1)J. W. Meyer, H.-J. Vehlewald, „7:45 Uhr: Mit einer Tasche und 400 Euro in die Freiheit„, bild.de, vermutlich 22.12.2008, sondern eher in die Vogelfreiheit, wie „Bild“ sie eigens für ihn erzeugt 2)Bild und B.Z. lassen Christian Klar nicht weg“, bildblog.de, 10.1.2009.

Chrstian Klar kann nur hoffen, daß sich die Vermutung von Rechtsanwalt Udo Vetter bewahrheitet, und der Axel-Springer-Verlag ihm „viel Geld“ 3)Udo Vetter, “Wem ich eine Vorstrafe wünsche“, lawblog.de, 10.1.2009, bezahlen muß, um seine neue durch „B.Z.“ und „Bild“ vernichtete Existenz zu entschädigen.

Ein normales Leben wird er in Deutschland nie führen können, denn nicht nur im Kommentarwesen des „Zitty-Blog“ 4)Daniel Boese, “Kein Praktikant Klar“, blog.zitty.de, 9.1.2009 würde ihn ein aufgebrachter Mob verfolgen, so lange er sich innerhalb Deutschlands, aber außerhalb einer Gefängniszelle aufhält.

Für ihn wäre es womöglich am Besten, Deutschland zu verlassen und in einem Land Fuß zu fassen, in dem „B.Z.“ und „Bild“ unbekannt sind. Genau das darf er aber nicht, denn die Bewährungsauflagen zwingen ihn dazu, bis zum 3. Januar 2014 5)Restfreiheitsstrafe gegen Christian Klar zur Bewährung ausgesetzt„, Pressemitteilung des Oberlandesgerichts Stuttgart, 24.11.2009 hier zu bleiben. Das Geld müsste also nicht nur 5 Jahre seinen Lebensunterhalt zu sichern imstande sein, sondern auch genügen, um, als dann 62-Jähriger Mann ohne Berufserfahrung, ein neues Leben in der Fremde zu beginnen.

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1. J. W. Meyer, H.-J. Vehlewald, „7:45 Uhr: Mit einer Tasche und 400 Euro in die Freiheit„, bild.de, vermutlich 22.12.2008
2. Bild und B.Z. lassen Christian Klar nicht weg“, bildblog.de, 10.1.2009
3. Udo Vetter, “Wem ich eine Vorstrafe wünsche“, lawblog.de, 10.1.2009
4. Daniel Boese, “Kein Praktikant Klar“, blog.zitty.de, 9.1.2009
5. Restfreiheitsstrafe gegen Christian Klar zur Bewährung ausgesetzt„, Pressemitteilung des Oberlandesgerichts Stuttgart, 24.11.2009

11 Antworten auf „Kein freier Mann“

  1. Ich kann die Situation schon irgendwie verstehen. Es handelt sich ja doch um einen „Verbrecher“ auch wenn er seine Strafe abgesessen hat. Man wird bei so einem Mann immer wissen, dass er mal dort drin war. Und seine Taten waren ja nicht gerade Kleinigkeiten. Es ist für so einen Menschen sicherlich nicht einfach wieder Fuß zu fassen, deshalb finde ich es nicht gut, was die „Bild“ da geschrieben hat. Denn auch er hat eine zweite Chance verdient und ich hoffe für ihn, dass er sie auch nutzen wird.

  2. Mein Mitleid hält sich in engen Grenzen. Es geht ihm lediglich nicht besser als anderen Politikern und Promis.
    Außerdem: Man kann durchaus argumentieren, er sei eine Person der Zeitgeschichte. Und wenn ich es richtig verstehe, zieht er aus dem Rummel sogar einen immensen finanziellen Vorteil, nämlich das Schmerzensgeld, das er jetzt von „Bild“ erhält. Hätte er dies alles unbedingt verhindern wollen, hätten sich wohl Mittel und Wege gefunden.

  3. Wenn „Bild“ und „B.Z.“ ihm die Chance lassen, Frau Uschi.

    So argumentiert der Springer Verlag auch, meine beste Frau Gehrs. Nun verwahrt er sich, aber keineswegs gegen die Berichterstattung an sich, sondern nur gegen die Veröffentlichung von aktuellen Fotos. Dieses Recht hat er und die Bilder waren für die Berichterstattung unnötig. Ob daraus ein finanzieller, womöglich immenser Vorteil ergibt, wird sich zeigen. Bislang gibt es, soweit ich weiß, noch nicht mal eine Klage.

  4. hat nicht die springerschmiede schon mal dafür sorge getragen, dass mit ihrer journalistisch-fragwürdigen, von jedweder ethik befreiten berichterstattung, eine künstliche panik ausgelöst wurde, derren aufgeputschte energie sich in einem attentat entlud?

    die aneinanderreihung von worten, welche ich vorfand, als ich der ersten fussnote folgte, entzieht sich jedweder kategorisierung. viel mehr tückisch erscheint mir, dass mit der verwendung der journalistischen regeln, wie die angabe von rudimentären fakten, journalismus vorgetäuscht wird.

    bester jolly good, erstaunlich finde ich auch die räumliche nähe der worte „argumentiert“ und „springer verlag“!

  5. Das lässt sich wohl nicht mit Sicherheit sagen, bester Herr von Kryptik. Josef Bachmann hatte einen Ausschnitt aus der Neonazipostille „National-Zeitung“ bei sich, die forderte „Stoppt den roten Rudi jetzt“. Insofern rückt Ihre Argumentation ausgerechnet in die Nähe dessen, was Sie in Ihrem zweiten Absatz — zu recht — kritisieren.

  6. nun ja, jolly good, ich dachte eher an mekka, das passt programatisch eher in das portfolio (um der stereotypisierung die ehre zu geben).

    ich denke jedoch, dass ein durchschnittlich gebildeter (hahaha) mensch würde herrn klar eine stelle anbieten ohne befürchten zu müssen, eine faxbombe in diesem zusammenhang zu erhalten.

    im übringen gab es in der brd zu zeiten der roten armee fraktion genug sympathisanten, welche doch jetzt ihre solidarität mit einem praktikumsplatz für herrn klar unter beweis stellen können. zum beispiel in der firma safe id solutions ag.

  7. Wenn die Freiheit der Bundesrepublik schon am Hindukusch verteidigt wird, mein lieber Herr, von Kryptik, ließe sich vielleicht auch das Schengener Abkommen auf Saudi Arabien ausweiten.

    Das Problem ist wohl gar nicht das begrenzte Angebot an Betätigungsfeldern, sondern die wildgewordenen Fotojäger, die jeden designierten Arbeitsplatz des Herrn Klar belagern würden.

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