Der Fachmann staunt, der Laie wundert sich

Es ist ja schön, daß man für jede Lebenslage einen Experten befragen kann. Leider kennen sich diese aber eben nur in bestimmten Fachgebieten aus, nicht aber mit dem Leben selbst. Ein etwas altes, aber schönes Beispiel ist ja die Rasterfahndung. Da haben schon in den 70er-Jahren Experten herausgefunden, daß Terroristen bestimmte Merkmale aufweisen. Sie fahren unauffällige Automobile, wohnen in Wohngemeinschaften, unternehmen gelegentlich Flugreisen und benehmen sich eben überhaupt wie typische Terroristen. Das ist sehr praktisch, weil man sie so leicht erkennen kann. Der normale Mensch, der Nicht-Experte also, mag sich denken, daß diese Kriterien vielleicht auf einen beachtlichen Teil der Bevölkerung zutreffen dürften. Studenten zum Beispiel. Aber vielleicht sind Studenten immer auch potentielle Terroristen. Wie soll man das beurteilen, wenn man kein Experte ist?

Das Beste an Experten ist ja, daß es nicht nur für jedes Fachgebiet welche gibt, sondern auch für jedes Ergebnis. Die einen Klimaexperten sagen, globale Erwärmung voraus. Andere kündigen eine neue Eiszeit an. Ob es nun auf unserem Planeten wärmer oder kälter wird, ist mir jetzt zwar nicht ganz klar, aber ich bin ja auch kein Fachmann.

Manchmal denke ich selbst. Nicht weil man es von mir erwartet. Auch nicht, weil ein Gesetz es mir vorschreiben würde. Das passiert einfach so. Zum Beispiel, wenn mir jemand sagt, er habe kein Einsehen für Privilegien von Geistlichen, Rechtsanwälten, Journalisten und Ärzten. Wer nichts zu verbergen habe, könne sich schließlich auch getrost abhören lassen. Dann muß ich immer ganz laut denken. Völlig laienhaft sage ich dann etwa: Es geht nicht um die Privatsphäre von denen, sondern um Deine. Auch einer, den die Staatsanwaltschaft, vielleicht nur aus Versehen, für kriminell hält, müsste sich doch trotzdem trauen dürfen, mal mit seinem Arzt zu telefonieren, wenn er ein Rezept für seine Herztropfen braucht. Das ist ein Grundrecht, das jedem Menschen zusteht, selbst wenn er wirklich kleine Kinder frisst.

Der Experte muß immer Sachen denken, auf die normale Menschen gar nicht erst kommen. So dachte einer mal, UMTS-Lizenzen zu verkaufen, würde den Bundeshaushalt sanieren. Andere Fachleute meinten, rund 50 Milliarden Euro für so ein Papier zu bezahlen wäre ein tolles Geschäft. Heute wundert sich der eine Experte, warum der Bund das Geld nicht bekommt, die anderen Spezialisten fragen sich, weshalb sie es nicht bezahlen können. Der Laie versucht es mit einfachen Mitteln nachzuvollziehen. Mit seinen rudimentären Kenntnissen der Mathematik, rechnet er munter darauf los: 100 Milliarden DM sind ungefähr 50 Milliarden Euro. Eine Milliarde sind tausend Millionen. Über 60 Millionen Handys haben die Deutschen gekauft. Wahrscheinlich ist die Hälfte davon inzwischen schon kaputt. Aber sagen wir mal, es gibt 50 Millionen Handytelefonierer. Jetzt darf man nur mit den vielen Nullen nicht durcheinanderkommen. 50.000.000.000 geteilt durch 50.000.000 gibt 1000. Tausend Euro, die eine Mobilfunkfirma jedem seiner Kunden zusätzlich abknöpfen muß. Klingt viel. Ein prüfender Blick auf die letzten Handyrechnungen des Fellow Passenger zeigt, er steuert pro Monat etwa 30 Euro Umsatz bei. Wie viel mag davon als Gewinn hängen bleiben, den sein bevorzugter Netzbetreiber in neue Technik investieren könnte? Vielleicht 5 bis 7 Prozent. Der Einfachheit halber rechnet der Laie – ab jetzt mit Taschenrechner – mal mit 10 Prozent, also 3 Euro im Monat. Die 1000 Euro wären also nach 333 Monaten bezahlt. Das wären ja über 27 Jahre! Das kann nicht sein. Kopfschüttelnd beschließt Herr Passenger, daß er zu wenig mobiltelefoniert und wiederholt die Rechnung mit 100 Euro pro Monat und kommt dabei auf 10 Jahre. Verzweifelt versucht er es andersherum: Wenn die Investition sich über drei Jahre, also 36 Monate rechnen soll, muß der Gewinn pro Nase 27,77 Euro monatlich betragen. Dafür muß also jeder Handybesitzer monatlich 278 Euro vertelefonieren, nur um die Lizenzen zu bezahlen. Hoffentlich ist so ein UMTS-Sendemast nicht so teuer.

Eine Antwort auf „Der Fachmann staunt, der Laie wundert sich“

  1. Lieber TFP,

    es ist herrlich almodisch, Ihr Stil. Ich trinke (Tasse Tee) auf den elegant formulierten Spott.

    Ein wenig zu den explosionsartige Expertenvermährung:
    Sie sind teuer. Wie alles, was teuer ist, sind sie Überflüssig – ein Luxus, den man sich leistet. Nun, bekanntlich, ist der Luxus ruinös (sowohl finanziel als auch moralisch).

    Einen zweiten Schluck meines Tees widme ich der Wählscheibe-almodisch, einfach und herrlich monopolös.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.