Nachtgespräche

Nachts gegen 0:30 in einer Kneipe in Schwabing. Leicht ermattet sitzt der Barmann mit dunkelgrauer Schiebermütze und exakt getrimmten Koteletten hinter dem Tresen. Ein Gast im Feinripp-Unterhemd und an einer wuchtigen Silberkette um den Hals befestigten Ring sagt zu ihm,

„Ich sehe Dich vor mir als Mann. Gut, Du trägst eine Schürze, aber sag mir, wie kannst Du die Niederlage gegen 60 [Fußballverein TSV 1860 München, Anm. d. Red.] ertragen?“

„Ist mir egal. Bayern ist nicht schlimmer als Deine Eintracht Frankfurt“, sagt der Barmann. Feinripp winkt ab, rückt mit der Hand seines vollflächig tätowierten rechten Armes seine Baseball-Kappe zurecht und wendet sich Fellow Passenger zu:

„Bist Du 60?“

„Nein.“

„Bayern?“

„Nein. Ich konnte mich bislang für keinen Fußballverein begeistern.“

„Okay, ich habe ein neues Feindbild!“

Wir müssen lachen. Eine junge Dame, Anfang zwanzig mit roten, blauen und blonden seitwärts kurzgeschorenen Haaren und einem Ring durch die Unterlippe unterhält sich mit einer anderen mit langen Rasta-Zöpfen, die einen Kopf kleiner ist:

“ … 300 Euro! So ein Büschel Geld war das!“ Sie deutet mit Daumen und Zeigefinger die Dicke an. „Das hat er aus seinem Auto rausgehalten und mir direkt in die Hand gedrückt.“

Ich betrachte die drei bunten Sterne, die sie auf die rechte Schläfe tätowiert trägt.

„Einfach so?“, fragt die andere, die einen sehr spitzen Dorn durchs Kinn trägt.

„‚Schenk‘ ich Dir‘, hat er gesagt. ‚Das Geschenk nehme ich gerne‘, habe ich gesagt. Dann habe ich das Geld gepackt und bin weggerannt. Ich bin ja nicht blöd.“

„Ist er Dir hinterher?“, fragt die kurze Frau mit den langen Haaren.

„Ich glaube nicht.“

„Hast Du Dich umgedreht? Nein, du hättest es ja gehört.“

„So schnell wäre der gar nicht aus dem Auto rausgekommen. Das war hier in der Hansastraße“, sie deutet auf einer Mediamarkt-Anzeige auf der Rückseite des In München eine Linie an. „Da geht gleich die Westendstraße weg“, zeigt sie auf dem improvisierten Stadtplan.

„Das ist in München viel besser, als mit dem Typen in Holland.“

„Ja, stell Dir vor, der Typ hat nach dem Fick angefangen ein Buch zu lesen.“

„Wie? Er hat nicht mal mit Dir die Zigarette danach geraucht? Er hat sich einfach umgedreht und angefangen ein Buch zu lesen?“

„Nein, er ist hat sich in den Sessel gegenüber gesetzt und sein Buch gelesen. Der wußte gar nicht, mit wem er es zu tun hat. Wir kannten uns ja nicht.“

Kommentare

4 Kommentare zu „Nachtgespräche“

  1. Avatar von Ole

    Immerhin hat sie ihm die Lese-Zeit nicht extra berechnet. 🙂

  2. Avatar von Neo-Bazi

    Poodle entlaufen. Vermisst seit 03.06. 19:28 Uhr.
    Sachdienliche Hinweise erbeten an Neo-Bazi oder jede andere Polizeidienststelle.

  3. Avatar von kubelick
    kubelick

    “Nein, er ist hat sich in den Sessel gegenüber gesetzt und sein Buch gelesen. Der wußte gar nicht, mit wem er es zu tun hat. ..”

    kann sie nicht lesen? meinte sie das? oder war das isabelle alende, die da sprach? oder eine undercover agentin der bibliophobe united?

    oder reich-ranickis enkelin? denn man kann auch interpretieren, dass es SEIN buch war, er der verfasser also. er hat sie also nur gepoppt, weil sie die enkelin vom berühmtesten heinrich mann fan ist. viellicht war er der enkel vom heinrich mann? famos!

    wer war sie? wer war er? und was für ein buch hat er da im sessel gegenüber gelesen?

    ich schätze, sie haben sich nicht wieder gesehen.

  4. Avatar von Fellow Passenger

    Ich fürchte, mein bester Kubelick,

    ich habe verabsäumt, nach dem Titel des Buches zu fragen, was mich im Nachhinein dauert.

    Frau Allende war es aber sicher nicht, das kann ich des Alters wegen völlig ausschließen. Die Enkelin von MRR wäre möglich, aber hat der denn Kinder? Ich stelle mir vor, der hatte vor lauter Lesen gar keine Gelegenheit zur Fortpflanzung.

    Wer sie und er wirklich sind, werden wir wohl nie erfahren.

Antworte auf den Kommentar von Fellow Passenger Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert