Bahnexperten

Meine erste Reise die ich allein unternahm, war ein Besuch bei meiner Großmutter. Das Verkehrsmittel der Wahl war ein Flugzeug, der Fluglinie PanAm. Das Flugzeug nicht so sehr weil es so arg weit war, sondern weil es für mich gar nicht anders möglich gewesen wäre, nach Berlin zu reisen. Die Bahn fuhr nicht durch die DDR und Auto ohne Führerschein über die Transitstrecke wäre wohl auch nichts geworden. Selbst wenn, mochte man seinem achtjährigen Kind eine Begegnung mit den VoPos an der Zonengrenze ja doch dringend ersparen.

Die Reise gestaltete sich einfach und bequem. Papa gibt mich am Flughafen beim CheckIn der Lufthansa ab, eine nette Frau versorgt mich mit kleinen Aufmerksamkeiten (PanAm-Anstecknadel, Stifte, Malbuch) , hängt mir sicherheitshalber ein Schild mit meinem Namen um, falls ich den vergesse oder so. Im Flugzeug durfte ich dann das Cockpit ansehen. Der Pilot hat mir alles erklärt, was mir zu wissen nötig schien, um das nächste mal selbst zu fliegen. Ein wenig enttäuscht war ich, das gebe ich zu, daß die PanAm-Nadeln der Cockpit-Crew aus Metall waren und meine nur aus Plastik. Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob ich mich damals angemessen beschwert hatte. In Berlin brachte mich die nette Frau aus dem Flugzeug zu meiner Großmutter. Das war gar nicht schwer.

Bahnfahren dagegen sehr. Das fand ich schon damals nicht so leicht und ist seitdem immer komplizierter geworden. Heute habe ich wieder meine Großmutter besucht. Diesmal nicht in Berlin, sondern Erlangen und eben mit der Bahn. Die erste Hürde war der Kauf einer Fahrkarte. Da meine Schwester ebenfalls nach Erlangen reiste, allerdings nicht von München sondern von Augsburg aus, gedachte ich einen Fahrschein München-Augsburg zu erwerben, plus einen ICE-Zuschlag für München-Erlangen, denn für die gesamte Reise war nur ein einziger Zug erforderlich, der ICE 1718 „Bamberg“. Weil meine Schwester eine RailKarte BahnCard hat, konnte sie mich verbilligt mitnehmen, wie sie mir sagte. Aber sie würde erst in Augsburg zusteigen.

Ich plante also für den Kauf der Fahrkarte genügend Zeit ein, um dem Bahnmitarbeiter mein Anliegen in aller Deutlichkeit auszuführen. Schon nach einer knappen Viertelstunde Schlangestehen, durfte ich sogar beim Schichtleiter, Herrn Kapfhammer vorsprechen. Statt einem Wort des Grußes, richtete er nur einen wissenden Blick auf mich und wartete. Ich erklärte mit dem Zug um 10:47 nach Erlangen fahren zu wollen, würde aber nur eine Fahrkarte bis Augsburg benötigen, weil mir dort ein Fahrschein für die restliche Strecke übergeben bekäme. Ich bemerkte eine leichte Veränderung im Gesicht von Herrn Kapfhammer, den ich nicht recht zu deuten wußte. Weil es sich ja aber um einen ICE handle, wolle ich zusätzlich einen ICE-Zugschlag entrichten, der dann aber bis Erlangen reichen müsse. Inzwischen war jedes Verständnis aus dem Blick von Herrn Kapfhammer gewichen. Doch plötzlich begann er mit zu sprechen: „Dazu muß ich wissen, was das ab Augsburg für eine Fahrkarte ist.“ Aus. Vorbei. So schnell kann es gehen, daß ich gar nicht damit gerechnet hatte. Ich kann keine Fahrkarte kaufen. Am Automaten geht nicht, weil der nur Karten mit und ohne Zuschlag kann und am Schalterschichtleitermenschen geht nicht, weil der auch nicht kann, weil ich ihm sagen muß, was ich nicht wissen kann.

Als ich mich gefasst hatte, hatte mich der Strom der Menschen bereits weit vom Schalter fortgespült und ein Fahrkartenautomat rückte in mein Blickfeld. Blitzschnell versuchte ich das Problem in einzelne Schritte zu zerlegen. München-Augsburg einfach, erst mal kaufen, dann weitersehen. Ich erinnerte mich, daß meine letzte Zugfahrt nach Augsburg 8,60 DM gekostet hatte, ich fand heraus, daß man in den Automaten „1 2 0 0“, eintippen musste, wenn man Nach Augsburg wollte und dann entscheiden, ob der Zug über Buchlohe fahren soll („2“) oder nicht (
„1“). Auf dem Display stand 24,80 Euro. Ich hatte mit einem Preisanstieg gerechnet. Aber das erschien mir zu unrealistisch. Ich drückte „C“ und begann erneut: „1 2 0 0 1“: 9,70 EUR. Auch doppelt so viel wie bei der letzten Fahrt, aber immerhin denkbar, also griff ich zu, beziehungsweise bot der Maschine einen nagelneuen blauen Zwanzigeuroschein an. Sie zog ihn ohne zu kauen vollständig in ihren Schlund und würgte ihn sogleich wieder hervor. Ich entedeckte die durchgestrichene Abbildung einer Art blauen Geldscheins auf dem Display und folgerte, der Automat kann nicht rausgeben. Er kann nicht, ich habs nicht. Nicht kleiner zumindest. Das kommt mir bekannt vor.

Ich stärkte mich mit einem Kakao, was mir zu einem Zehneuroschein verhalf. Lässig schlenderte ich erneut zu der Menschenschlange vor einem dieser Geräte. Wissend und souverän, ich fühlte mich fast ein wenig wie Herr Kapfhammer, blickte ich auf jene Dame vor mir, die zunächst gezielt mehrere, dann ratlos einige und schließlich verzweifelt viele Knöpfe drückte und sichtlich indigniert begann, zur Verarbeitung dieser Erfahrung einen anderen Ort zu suchen. Routiniert tippte ich „C 1 2 0 0 1“, es leuchtete mir der Betrag 9,70 entgegen und mit triumphalem Lächeln schob ich den bereitgehaltenen Gelcschein in den Apparat. Nach einer dramatischen Pause drang das sonst quälende Kreischen eines Nadeldruckers diesmal lieblich wie Schalmeienklänge an mein Ohr. Mit großer Geste klimpterte der Blechschrank mir 6 angelaufene 5-Cent-Münzen in seinen Ausgabefach.

Von diesem Sieg angefacht, entschied ich den Zuschlag im Zug zu erwerben. Was sollte der Schaffner schon machen, ich war zahlungswillig, hatte geduscht und sogar bereits einen Fahrschein dabei. Soll der sich doch damit herumschlagen. Herr Kapfhammer hat es ja mit mir schließlich genauso gemacht. Dann kostet der Zuschlag eben 8 statt 6 Euro. Mir doch wurscht.

Der Schaffner hatte zwar ein wenig mit dem grauen Gerät mit den Vielen Tasten zu kämpfen, der Wunsch nach einem Zuschlag bis Erlangen erschien ihm trotz meiner München-Augsburgkarte nicht abseitig. Verständig nahm er zur Kenntnis, daß ich ab Augsburg mit der Karte weiterfahren würde, die meine Schwester dort mitbringt. Dafür wirkte er ehrlich erschrocken als mir den Preis mitzuteilen hatte: 12,30 Euro. Ich erschrak nicht. Ich war froh, denn ich mußte nur bezahlen und Augsburg, die erste Etappe war geschafft.

Ab Augsburg war der Schaffner dann schon etwas erschöpft. Er nahm die beiden Fahrscheine Augsburg-Erlangen, die meine Schwester besorgt hatte lange in Augenschein und zwickte seinen Stempel drauf. Er betrachtete den Beleg für den ICE-Zuschlag, den ich ihm von kaum zehn Minuten bezahlt hatte, überlegte und sagte dann, „Aber Ihre Fahrkarte gilt nur bis Augsburg.“ Ich lächelte mild und erklärte abermals, daß ich ab sofort mit meiner Schwester Zweitfahrkarte führe, die er soeben angesehen und für gut befunden hatte. Das fand er dann in Ordung, entschuldigte sich und verließ uns. Seiner möglicherweise noch andauernden Verwirrung mag es geschuldet gewesen sein, daß ihm dabei unbemerkt blieb, daß meine Schwester keinen ICE-Zuschlag bezahlt hatte. Das ist aber dem anderen in Nürnberg eingewechselte frische Schaffner auch nicht aufgefallen. Es ist ja auch nicht immer alles ganz so einfach, bei der Bahn.

16 Antworten auf „Bahnexperten“

  1. Ja, wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen…warum ist Ihre Großmutter eigentlich umgezogen nach Erlangen? Oder war das eine andere Großmutter? Manche Menschen sollen ja zwei davon haben. Ich habe nicht eine einzige.

  2. Es ist dieselbe Großmutter, Herr 3zenzi+c,

    sie lebt nur je nach Jahreszeit mal in Erlangen oder Berlin. Nach Erlangen zog sie, weil dort nach Ende des Krieges ihr zweiter Gatte eine neue Anstellung gefunden hatte.

  3. @zenzizenzizenzic
    Und wie sieht’s mit den Großvätern aus? Notfalls stelle ich mich gerne als Leih-Opa zur Verfügung. Man kann mich auch adoptieren. Mein Altersstarrsinn bewegt sich nach eigener Einschätzung noch im grünen Bereich …

    Herr Fellowpax, wann wird Sie die Weltstadt mit Herz wieder begrüßen dürfen? Ich habe noch mein Lidl-Ticket …

  4. Herr Neo-Bazi, ich glaube, mit dem Adoptieren verwechseln Sie da etwas…normalerweise adoptiert der ältere Mensch den jüngeren. Ausserdem habe ich nicht wirklich Bedarf an einem Großvater. Dafür sind die, die ich mal hatte, schon viel zu lange tot, als daß ich da etwas vermissen würde. Aber danke fürs Angebot als Leih-Opa.

    Herr Fellow Passenger, ist Ihre Oma so etwas wie ein Zugvogel? Je nach Jahreszeit lebt sie dann da oder dort…ts, ts, ts.

  5. @ Zenzizenzizenzic
    Ja, normalerweise … Bei mir ist nix normal, wäre ich sonst Mitglied in der Zenzizenzizenzic Armee Fraktion? Ganz im Ernst, Sie wären nicht der Erste. Man hat mich bereits zweilmal als Ersatzopa, einmal als Reserveonkel und einmal als Stiefpapa adoptiert. Ehrenwort!

  6. Reserveonkel klingt interessant, das ist vergleichbar mit einem Surrogat-Oheim, oder? Was macht man da so? Wären Sie auch als Ersatz-Schwippschwager väterlichseits zu haben? Wobei ich nicht wirklich weiß, in welchem Verwandschaftsverhältnis ein Schwippschwager zu mir stünde. Diese ganzen Verwandschaftsverhältnisse haben mich nie wirklich interessiert. Tante und Onkel kann ich gerade noch so auseinanderhalten. Das muß reichen!
    Ob man nur Mitglied der ZAF werden kann, wenn man nicht normal ist, sei mal dahingestellt. Nur weil ich meschugge bin, muß der Rest ja nicht auch…und so…Sie verstehen?

  7. Die Bahn ist immer wieder aufs Neue spannend. Ich kann inzwischen in meiner Heimatstadt auch keine Fahrkarte mehr nach Münster kaufen, weil 200km Fahrt als Nahverkehr gelten und sich die Schalterbeamten nur noch mit Weltreisen abzugeben scheinen oder wenigstens eine Fahrt von St. Peter-Ording nach Kempten im Allgäu bearbeiten wollen…

    Ich hätte als kleiner Junge bei meiner ersten Zugreise schon beinahe meinen Namen vergessen, so aufgeregt war ich. Das hat schon Vorteile in solchen Fällen auf einen Button gucken zu können, der einem den eigenen Namen wieder ins Gedächtnis ruft. Außerdem konnten Sie die PanAm-Stewardessen doch sicher namentlich ansprechen, was doch gleich ein wesentlich familiäreres Klima aufkommen lässt. 🙂

  8. Jaaa
    Er soll in die Mangfall springen und ich fisch ihn am Ende des Loisenthals wieder raus. Wasser verträgt er ja und der Tegernsee hat nach wie vor Trinkwasserqualität (ich bin so arg schlau)
    tatendrangig
    miss la

  9. Die Bahn, Herr Ole,

    ist ein Verein von größenwahnsinnigen geistig minderbemittelten Beamten, die so gerne Unternehmer wären. Bald werden die sich ausdenken, daß die Bundesrepublik viel zu klein ist, um etwas anderes als Kurzstrecken zurückzulegen. Das erklärt auch die Schwierigkeiten von Herrn Kapfhammer. Der war wahrscheinlich auf die Strecke Lissabon-St. Petersburg spezialisiert.

    Also für die Flugbegleiterinnen hatte ich überhaupt keine Zeit. München-Berlin ist ja eine Kurzstrecke.

    Sie haben recht, Herr Kubelick,

    ich werde mich gleich daran machen, die nötigen Details der Papierherstellung zu ergründen, um Peppys Reste entsprechend aufbereiten zu können.

    Peppy, liebe Miss La,

    springt nirgendwo hin. Dazu war er schon zu Lebzeiten nicht in der Lage. Pflanzen sind ja so hilflos. Selbst in die Mangfall werfen kann ich ihn nicht. Auch im vertrockneten Zustand wiegt er noch immer 30 Kilo.

  10. Soso, 30 Kilo also
    Können Sie nicht tragen, nein. Aha.
    Für die blubbernde Einkochung müssen Sie ihn wohl zerrupfen, eine Art der Flädderung.
    Flieder Flatter Flätter
    Färben Sie ihn lila und spüren Sie das Papier mit Veilchenduft ein. Wenn sie schon schwächeln bei der anständigen Beerdigung. Dann soll er Liebesbriefe transportieren.

  11. ah, ein sehr schönes bild, peppypapier „amoremio“. das müssen wir fedrigoni unbedingt unterbreiten. liebes fedrigoni, sie lieben papier, wir haben liebes papier. und überhaupt! das thema an sich: das papier! der träger von dramen, verrat und todesurteile. wie kann mann hierfür ein einfaches karriertes collgeschreiblock „naturbelassen ungebleicht“ verwenden.
    nien. don’t kill the messanger but don’t just send any old thing. peppy könnte ers in ihren lakrimosalen tränen eingeweicht werden, herr nicht-so-jolly! tausen gebrochene herzen können sich darauf dann verewigen.
    ach peppy. zur lebzeiten warst du grossartig. aber warte ab, was wir mit dir nach deinem dahinscheiden vorhaben! das ist jenseits des recycling. das ist ein monument, eine postmortem veredelung.

  12. Zuerst werden wir Peppy adoleszentieren. Peppy ist gut für fröhlich unbeschwertes Herumspringen oder als Eselsname.
    Wir werden ihn unvergleichlich behutsam handschöpfen lassen. Mit schneidenden Messern, gehauchten Küssen und Tränen, sicherlich.
    Zur Herausgabe ist er zu primärschlüsselig. Dennoch gehört er beschrieben. Auf vielfältigste Weise. Und er wird ewig Worte tragen als Grand Signeur Padrone Leopold I. Und weil wir so kryptisch wie alltäglich sind werde ich Sie, verehrter Herr Kubelick bitten zu schreiben. Zartlila, schwarz, grünschimmrig und schwelfelgelb.
    So ewig lebendig wie ein Liebesschwur im Tod.

  13. Die Vorgeschichte mag ich nicht zu verstehen: Die Aussage, dass man früher nicht mit der Bahn nach Berlin kam, wegen der DDR, kann so nicht bestätigen.

    Es fuhren sehr wohl Züge auf drei Transitstrecken. (Woher käme sonst der Mythos des Bahnhofs Zoologoscher Garten?)

    Aber dort wäre natürlich der negativ prägende Kontakt mit den GrePos (in diesem Fall nicht VoPos) nicht zu vermeiden gewesen.

  14. nun ja, aus diversen gründen dürften manche leute den boden der ddr garnicht berühren. ich kenne welche, die stets nach berlin fliegen mussten. aus diviersen gründen.

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