Mottentennis

Als Poet war es mir unumgänglich, strikt dem öden Tagwerk zu entsagen. Wo Telefone störende Mißtöne absondern ist nicht gut dichten. Nun stelle ich aber fest, daß konsequente Abschirmung auch jeglicher Inspiration entbehrt. Worüber soll man schon schreiben, wenn man in völliger Isolation lebt?

Die herausragendste Betätigung bestand darin, dem mittlerweile unerträglichen Befall kostbarer Lebensmittel durch Mehlmotten näher zu untersuchen. Solcherlei mag natürlich niemand gerne lesen, aber was bleibt mir schon?

Zudem ist meiner durchaus wohlwollenden Leserschaft ja partout nicht einsichtig, daß ein Künstler gelegentlich auch essen muß (obwohl ich mich in dieser Hinsicht bereits zu Andeutungen verstiegen habe) und sogar eine Wohnstatt benötigt, die es erfordert, regelmäßige Zuwendungen an deren Eigentümer anzuweisen.

Folglich werde ich Sie nun also mit meinen Erkenntnissen über Motten, oder auch Tineidae traktieren, wie Biologen dieses lästige Geschmeiß zu nennen pflegen, daß sich rücksichtslos anschickt, mir meine Nahrungsmittelbestände vor der Nase wegzufressen.

Nachdem der Weg durch die Küche mit dem Risiko verbunden war, staubige Fluginsekten einzuatmen, die in Schwärmen dort ihre Flugübungen zu veranstalten beliebten, erschien es mir angebracht brutalstmöglich aufzuklären und ja, einzuschreiten. Flugs (eine trefflich ausgedachte Anspielung) erwarb ich moderne pheromombewehrte Klebefallen, die sich alsbald zu einem Mottenmassengrab entwickelten. Diese Mittel empfinde ich als in übelster Weise sexistisch mithin alles andere als political correct und lehne sie im Grunde ab, denn allein die männlichen Motten werden arglistig durch künstlich hergestellte Sexuallockstoffe getäuscht und buchstäblich auf den Leim geführt. Die trächtigen Weibchen müssen sehen wo sie bleiben.

Das Blöde ist, genau das machen die auch und verteilen munter Ihre Gelege bevorzugt in pestizidfreien Lebensmittelvorräten. Offenbar sind aber nicht alle Mottenmännchen so dämlich auf diesen billigen Trick hereinzufallen. Mithin bleiben ein, zwei übrig. Die lassen es sich dann verständlicherweise gefallen einen ganzen Harem an Mottinnen zu befruchten. Vielleicht haben die verbleibenden Mottenfrauen durchaus Qualitäten, die über das Verbreiten von Pheromonen hinausgehen. Bei Menschen hält man das ja auch allgemein für wahrscheinlich.

So schien es mir geboten, einige prähistorische Lebensmittel- und Gewürzproben meiner Mitbewohner auszusondern, die sich als Mottenbrutstätten offensichtlich bewährt hatten. Darunter eine Tüte mit einem Pulver, das ausweislich des Verpackungsaufdrucks als Sauce Hollandaise gelten sollte. Ein Verfallsdatum das im vorigen Jahrtausend angesiedelt ist schien mir eine besondere Nachfrage nicht erforderlich zu machen, zumal ich sicher bin, daß dieses Produkt schon unmittelbar nach der Herstellung ungenießbar gewesen sein muß. Darüber, wie man Butter und Eigelb pulverisieren kann möchte ich gar nicht erst nachdenken.

Soweit so gut. Das ist nichts Außergewöhnliches. Aber das Action-Highlight sollte erst noch kommen.

Ich pflege die Post aus dem Briefkasten direkt auf die Schreibtische meiner Mitbewohnerinnen und Mitbewohner zu liefern. Das finde ich zum einen nett, zum anderen hat es den Vorteil, daß ungeliebte Werbebriefe sich nicht auf dem Boden des Flurs, sondern im jeweiligen Zimmer absetzen. Bei der Gelegenheit wurde ich eines ganz erstaunlichen Instruments gewahr, das äußerlich wie ein zu klein geratener Tennisschläger anmutet. Der Tennisfachmann spricht hier wohl von einem Racket, aber das ist hier nebensächlich. Dieses Werkzeug auf dem Schreibtisch meiner Mitbewohnerin hat mein Interesse geweckt. Eigentlich ist es mein Schreibtisch, den ich ihr freundlicherweise zur Verfügung stelle, aber auch das ist nicht wichtig. Wichtig ist dieser Gegenstand, der wie ein harmloses Sportgerät aussieht, aber in Wahrheit eine Art elektrisches Exekutionswerkzeug ist. Die Bespannung ist aus einem Drahtgeflecht, das sich auf Knopfdruck unter elektrische Hochspannung setzen läßt. Gelingt es, das Gerät nahe genug an ein im Flug befindliches Insekt zu bringen, quittiert es dessen Exitus mit einem bemerkenswert lautstarken Knacksen nebst einem blauen Funken.

Nett ist das nicht, aber es macht einen Heidenspaß. Ich habe dafür sogar den euphemistischen Begriff „Mottentennis“ entwickelt. Selten habe ich solche Mordlust verspürt. Auf diese Weise habe ich allein heute sicher mehr als ein Dutzend Mottenleben ausgelöscht. Nicht etwa kaltblütig, sondern mit Wonne. Ich fürchte mich inzwischen vor mir selbst. Der Tod durch Mottentennis ist zudem erschreckend sauber. Wenn Sie je eine Motte oder sonstige Falter mit der flachen Hand an einer Wand erschlagen haben, wissen Sie, um das unzierliche bleibende Ergebnis. Die ungebetenen Gäste im Flug per Elektroschock hinzurichten hinterläßt indes keine Spuren. Die Mottenleiche läßt sich einfach durch moderates Blasen aus dem Gitter entfernen und bei Gelegenheit beiseite kehren.

Bislang hielt ich mich für eher pazifistisch, doch eröffnen sich hier tiefste Abgründe meiner Seele, die mir wohl schon bald zu einer Qualifikation als Auftragsmörder gereichen könnten. Allein auf den mangelnden Auftrag kann ich mich noch herausreden. Aber wie lange noch? Werde ich schon bald Menschen töten, damit ich etwas habe, worüber ich schreiben kann? Las ich doch unlängst, daß manche Blogger sich freimütig prostituieren, nur um für neue Inhalte zu sorgen.

Glücklicherweise konnte ich heute eine leicht zu bewerkstelligende Aufgabe als Hilfskraft akquirieren, die mir für acht Stunden pro Woche von meinem elenden Dasein abzulenken verspricht. Da der Auftraggeber die Stadt München ist, keimt in mir die Hoffnung auf, daß ich künftig über amüsante Verwaltungsgrotesken berichten kann, und mich nicht mehr zum Herrn über Leben und Tod von Motten aufschwingen muß. Nebenbei kann ich davon die Miete bezahlen, die durch Peppy ganz offensichtlich nicht ansatzweise zu bestreiten ist.

Nachtrag:

Mein neuer Killerinstinkt gerät allmählich außer Kontrolle. Mit den „Drosis“, wie ich die Fruchtfliegen wegen ihrer wissenschaftlichen Bezeichnung Drosophila Melanogaster liebevoll zu nennen pflege, hatte ich längst ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Sie tauchen gelegentlich auf und verschwinden nach kurzer Zeit von alleine. Ab und an ertrinkt tragischerweise mal eine in einem über längere Zeit unbeaufsichtigten Glas Wein, oder ein illusteres Pärchen weist in anmutigen Kreisbahnen fliegend darauf hin, daß eine vergessenes Stück Obst seiner Entsorgung harrt. Zudem hatte ich vermutet, daß diese winzigen Flugkörper unbeschadet durch die Maschen des elektrisch geladenen Hochspannungsgeflechts fliegen würden. Ich weiß nicht warum ich es versucht habe. Der Erfolg war wider Erwarten niederschmetternd. Von den armen Kreaturen blieb nicht mal ein Kadaver. Sie sind in Sekundenbruchteilen einfach verdampft. Entgegen allgemein anerkannter buddhistischer Überzeugungen halte ich die Drosis für die letzte Inkarnation vor dem Nirwana, deren friedlichem Ableben durch Altersschwäche ich schon aus religiösen Gründen künftig nicht mehr vorgreifen möchte.

Nachtrag 2:
Wenn ich mir überlege, wie es sein mag zu sterben, ist der Gedanke in wenigen Millisekunden zu verdampfen nicht ohne Reiz. Sicher kommt so ein selbsternannter Anubis mit beweglichem Elektrozaun etwas unerwartet, aber wenn man sich spontan in Rauch verwandelt kann es einem im Grunde egal sein. Als Fruchtfliege hat man aber sicher allerhand zu tun, sein ohnehin kurzes Leben so zu gestalten, daß man sich frohen Mutes daraus verabschieden und das Feld seinen Nachkommen überlassen kann. Ich glaube es war falsch sie zu töten. Sicher habe ich sie allesamt direkt ins Nirwana befördert oder maximal eine Reinkarnation als Fruchtfliege herbeigeführt, sollte sich eine davon schlecht benommen haben. Aber wie soll man sich als Fruchtfliege schon ungebührlich betragen? Als Mensch bin ich aber durch ein Gewissen beschwert und muß mich Sorgen, ob ich mit so einer Vita im nächsten Leben eine dieser putzigen und sorglosen Drosophilae werden darf.

Nachtrag 3:
Immerhin bin ich kein Christ und habe in der nächsten Inkarnation eine weitere Chance. Besser als ewige Verdammnis ist das alle mal. Vielleicht täuschen sich beide Religionen und es ist in Wahrheit so, daß wenn man stirbt, es knips einfach so aus ist und dabei völlig wurscht ist, was mach davor so gemacht hat. Genau das glaube ich nämlich. Das führt natürlich dazu, daß man jede Moral fahren läßt, weil ja ohnehin alles egal ist. Andererseits sorge ich mich um das Wohlergehen von Fruchtfliegen und bemühe mich überhaupt einigermaßen freundlich zu sein. Ganz ohne drohendes Fegefeuer. Aber ich bin ja Heide und kenne mich nicht aus und Papst bin ich auch nicht. Und Deutschland sowieso nicht. Mit Fußball kenne ich mich übrigens auch nicht aus.

4 Antworten auf „Mottentennis“

  1. Hochverehrter Herr Fellow Passenger,

    bitte verzeihen Sie, wenn ich mich heute kurz fasse, doch der Aufbruchstermin gerät zunehmend naheliegend und ich möchte die Todeslinie, wie wir Engländer sagen, nicht überschreiten.

    Machen Sie sich keine überflüssigen Gedanken hinsichtlich sporadisch ausbleibender Trans/ bzw. Inspiration. Das Leben ist ein Gebirge und besteht aus Gipfeln und Tälern. Die sogenannte dichterische Inspiration besteht aus 99% Whiskey und 1% Schweiß (ff).

    Auch bezüglich des Sie überkommen habenden Blutrausches darf ich Sie beruhigen, das geht uns allen so. Selbst vom ernährungspolitischen Standpunkt fehlgeleitete Personen wie Vegetarier geraten durchweg in einen solchen, was man bei jedem Stierkampf beobachten kann.
    Stierkampfmusik empfehle ich übrigens als Soundkulisse zum Mottentennis, „Auf in den Kampf Torero“ aus Carmen z.B. würde sich hierfür hervorragend eignen.

    Abschließend stelle ich hocherfreut fest, daß Sie trotz verordneter Rechtschreibreform genau wie fast alle bedeutenderen Dichter (auch ich) ein Fan des scharfen „s“ (ß) geblieben sind.
    Dessen ausschließliche Verwendung ist jedoch nicht in jedem Falle angezeigt (4. Absatz)

    Seien Sie gegrüßt!

  2. Ich danke Ihnen, mein sehr verehrter Herr Neo-Bazi,

    für Ihre moralische Unterstützung. Das mit den Stierkämpfen verstehe ich allerdings nicht so recht. Der Hauptdarsteller ist natürlich schon Pflanzenfresser. Fehlgeleitet würde ich ihn deswegen nicht nennen. Rindviecher sind so. Aber ist die Vegetarierquote in Stierkampf-Arenen denn auch insgesamt höher als anderwo?

    Mein Protesteifer gegen die sträfliche Vernachlässigung des ß, geht soweit sogar oft mehr ß zu verwenden, als gut wäre. Aber der Beitrag war orthographisch ohnehin untragbar. Ich habe das jetzt mal etwas verbessert.

  3. Tja, meine bester Herr Passenger, da können Sie dichten, so wortreich Sie wollen und Tennisspielen bis der Ellbogen eitert: Die Lebensmittelmotten sind hartnäckigste Drecksbiester, die Sie so schnell wohl nicht mehr loswerden, wie ich Ihnen aus eigener leidvollen Erfahrung versichern kann. Mitunter vergehen ein, zwei Wochen, in denen man glaubt, man hätte es jetzt geschafft, dann ist der bisher unauffällig gebliebene Nachwuchs flügge und sorgt für neuen Ärger. In Ihrer Haut möchte ich nicht stecken.

  4. Lieber stecke ich in meiner Haut, mein lieber Herr Poodle,

    als in einer dieser Motten. Ich hoffe ja inständig, den Nachwuchs elimniert zu haben, indem ich die verdächtigen Vorräte wegwarf. Ich frage mich nur, was sechs bis neun Monate „Entwicklungsdauer“ bedeutet. Wenn ich es recht verstehe, ist das die Zeit, die ich abwarten muß, um Sieg oder Niederlage zu erkennen.

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