Vorne Einsteigen!

Die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist dem kultivierten Menschen stets eine arge Belastung. Zu deprimierend ist die herzerweichende Dummheit, zu erschöpfend die skrupellose Rücksichtslosigkeit vieler Fahrgäste.

Viele U-Bahn-Fahrgäste sind der Auffassung, alle anderen stünden nur auf dem Bahnsteig herum, weil die sonst kein Dach über dem Kopf hätten. So öffnen sie von der Wagentür nur die eine Seite, jenen kleinen Spalt, der ihnen gerade genügt um selbst in den Waggon zu schlüpfen. Tatsächlich trachtet aber die Mehrzahl der Wartenden danach, ebenfalls ihrerseits den Zug zu betreten. Weil es vielen Mitmenschen jedoch an Eigeninitiative und visionärer Kraft mangelt, nehmen sie die Situation als unabwendbar gegeben hin und zwängen sich schicksalsergeben, einer nach dem anderen, ebenfalls durch die kleine Öffnung, bis sich schließlich ein mit Augenmaß gesegneter Mitreisender erbarmt und auch die andere Hälfte der Tür öffnet.

Schon vor einigen Jahren hat die Münchner Verkehrsgesellschaft bei ihren U-Bahnen eine technische Neuerung eingeführt, die ich hier lobend erwähnen möchte. So öffnen sich seitdem wie von Geisterhand beide Türflügel, selbst wenn ein egozentrisch veranlagter Reisender nur einen der beiden Hebel betätigt.

Bei den neuestens eingeführten Zügen wurde dieses hervorragende System aber überflüssigerweise wiederum ersetzt. Der Aus- oder Einsteigewillige muß nun eine Sensorfläche berühren, sobald die sie umkränzenden Lämpchen in der richtigen Farbe leuchten. Jedoch keinesfalls vorher, sonst passiert nämlich gar nichts. So sieht man nun hilflose Menschen die, der gewohnten mechanischen Kontrolle beraubt, wie dressierte Affen hektisch auf der kleinen Scheibe herumtatschen.

Überhaupt ist zu beobachten, daß technische Neuerungen an MVG-Fahrzeugen nur selten zu Verbesserungen führen. Moderne Trambahnen beispielsweise, sind so konstruiert, daß es im ganzen Vehikel nur zwei Stehplätze gibt an denen man niemandem im Weg steht. Aus naheliegenden Gründen sind sie zumeist von Kinderwägen besetzt.

Eine weitere Hürde stellen die Lichtschranken in den Türen dar, welche die früheren einwandfrei funktionierenden mechanischen Schalter in den Gummilippen und Trittstufen abgelöst haben. In die Lichtschranke ragt nun bei regem Betrieb grundsätzlich ein Gepäckstück oder Rockzipfel hinein, was dem Betriebsgeschehen äußerst abträglich ist und häufig unwirsche Ermahnungen des Fahrers auslöst.

Während vor ein bis zwei Dekaden noch dem Dümmsten einzuleuchten schien, daß die Kunst des Aus- und Einsteigens in eben genau dieser Reihenfolge liegt, ist der Umstand, daß es umgekehrt nicht funktionieren kann, inzwischen offenbar in Vergessenheit geraten. So sieht man sich bei dem Versuch ein Nahverkehrsmittel zu verlassen zunehmend Menschenmengen gegenüber, die nicht nur unnachgiebig den Ausstieg blockieren, sondern mit roher Gewalt ihren sofortigen Einstieg durchsetzen wollen.

Wo moderne Technik und Indolenz nicht ausreicht, um den Betrieb zu stören, muß das Personal nachhelfen, indem es gezwungen wird despotische Fieberphantasien der Betriebsleitung in grausige Realität umzusetzen. Das geschieht beim Busfahren, dem mit einigem Abstand abscheulichsten Angebot öffentlicher Fortbewegung. Schon von weitem bellt der Busfahrer über die Lautsprecheranlage den in eisiger Kälte wartenden Fahrgästen den Befehl, „Vorne Einsteigen!“ entgegen. Dann fährt er das Fahrzeug freilich so weit an den Frierenden vorbei, daß alle von ihnen hinter der letzten Tür stehen. Ganz vorne öffnet sich eine etwa 80 Zentimeter breite Einstiegsluke, während die restlichen vier Ausstiege verschlossen bleiben, bis alle eingestiegen sind. Darum klettern die Aussteigewilligen drinnen erst mal unter Mühsal durch diese unwürdig kleine Öffnung ins Freie.

Danach herrscht der Fahrer die Einsteigenden an, ihre Fahrscheine vorzuzeigen. Wer noch keinen hat, erhält barsch die Anweisung unverzüglich einen solchen am Automaten zu lösen und anschließend erneut vorstellig zu werden. Erst dann öffnet der Buskommandant die restlichen Türen, vermutlich um zu Lüften, denn wer aussteigen wollte hat das ja bereits bewerkstelligt.

Um die lästigen Verzögerungen wieder wettzumachen befleißigt sich der Busdiktator einer ausgesprochen sportlichen Fahrweise, die ohne Sitzplatz oder Eishockey-Schutzausrüstung kaum frei von Blessuren zu überstehen ist.

Wer über ein Kraftfahrzeug verfügt, sollte also ruhig einmal die öffentlichen Verkehrsmittel stehen lassen.

42 Antworten auf „Vorne Einsteigen!“

  1. Das irritiert mich jetzt, Herr 3zenzi+c.

    Bis eben war ich der festen Überzeugung, wegen meiner wohlwollende Berichterstattung würden alsbald die MVG und die Stadt München an mich herantreten, um mir ihre Werbeetats anzudienen und jetzt sprechen Sie auf einmal von „miesmachen“.

  2. „Wohea solln ick dit wissen, watt Sie bezahln müssen?! Ja jloobnse denn, dett ick ditt allet weeß bei vüürzich Stationen? Nua weil iah imma bequema weadet und nüscht meah selba machn wollt?! Ditt zählnse ma schön selba ab!“

    (plärrt da der BVG-Knecht.)

  3. Wohlwollend? Kann es sein, daß Sie unter Ihre Umwelt so ganz anders wahrnehmen als all die anderen Menschen?
    Und den Werbeetat bekommen Sie sicher erst, nachdem ich den Etat von den unfähigen Kontaktlinsenfuzzis Bausch und Bogen, oder wie die nochmal gleich heissen, habe.

  4. Rechschaffenheit und guter Ton ist inzwischen offenbar allen Verkehrsbetrieben abhanden gekommen, wie ich Ihren Ausführungen, Herr Rationalstürmer, mit Entsetzen entnehme. Eine dieser unsäglichen EU-Richtlinien wird es wohl sein, die vorschreibt, Kunden des ÖPNV grundsätzlich als lästige Bittsteller und abgefeimte Betrüger anzusehen.

    Nun ja, Herr 3zenzi+c, vielleicht habe ich mich doch verleiten lassen, den ein oder anderen weniger erfreulichen Aspekt öffentlicher Nahreisen anzudeuten. Ihr hohes Loblied über Rausch & Klump ist mir noch in lebhafter Erinnerung. Ich dachte, deren Etat hätten Sie längst eingesackt.

    Pernod, Herr Neo-Bazi? Ist das nicht diese übelriechende Substanz aus Zucker, Ethanol und Anis, deren Genießbarkeit allenfalls durch die reichliche Zugabe von Wasser zu erreichen ist? Das würde allerdings die Ausfallerscheinungen von Herrn 3zenzi+c erklären.

  5. Hochverehrter Herr Fellow Passenger,

    im Hinblick auf den als äußert dramatisch zu bezeichnenden Ernst der Lage bin ich – allerdings unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit – Ihnen gegenüber ausnahmsweise bereit, in diesem ganz besonderen Falle das Gebot der ärztlichen Schweigepflicht zu brechen: Herr Dreizenzic hatte mich seinerzeit beauftragt, der Ursache seiner wirren Träume auf den Grund zu gehen.

    Hier der entsprechende Befund:

  6. Oh, da hätte ich noch mal drüberlesen sollen…die Herrschaften denken sich bitte ein Umständen hinter unter und vor Umwelt und zum Schluß können Sie noch ein bekommen vor das habe setzen.
    Und zu Ihrer Information Herr Neo-Bazi, ich war gestern beim Schreiben übermüdet. Ansonsten war ich (leider) völlig nüchtern. Aber vielleicht lag es auch daran, wer weiß…

    Herr Fellow Passenger, ich weise noch einmal darauf hin, daß ich keinerlei Ausfallerscheinungen hatte. Wenn ich welche gehabt hätte, dann klängen Ihnen immer noch die Ohren oder andere Körperteile. Und Sie haben den Farbstoff in der Zutatenliste vergessen und das Wasser. Pernod besteht mehrheitlich aus Wasser. Eigentlich komisch, daß man den dann noch verdünnt vor dem Trinken.

  7. @Fellow Passenger
    Das klingt ja grauenhaft! Ist das wahr oder zumindest halbwahr?
    Weil ich schon immer solche Misstände ahnte, habe ich mir ein sehr zentrales Domizil, eine ebenfalls zentrale Schaffensstätte, einen zentrumsnahen Freundeskreis mit ebensolchen Vorlieben und ein Auto zugelegt. Ausserdem wurde ich prophylaktisch zum begeisterten Radfahrer, was allerdings in letzter Zeit angesichts der Aussentemperaturen mit meiner Existenz als Weichei kollidiert. Weil der sprit teuer ist, ich seit Jahren auf Winterreifen spare (eine langfristige Investition), ich den Stadtverkehr mit seinen Staus abscheulich finde und überdies die Natur liebe, verzichte ich weitestgehend auf Autofahrten. Was die MVG betrifft, bin ich als sinnliches Wesen mit klaustophobischen Tendenzen paranoid voreingenommen und, aus den oben genannten Gründen, ziemlich unerfahren. Wenn man Zeit hat, geht man wohl besser zu Fuß durch’s schöne München. Dummerweise wurde die unvermeidliche Weihnachtsgeschenkeodyssee mal wieder bis ultimo hinausgezögert und lauert jetzt mit zwei größeren potentiellen Unheilen. Einkaufsterror und mit der MVG fahren.
    Ich werde nach dem Prinzip der Glaube versetzt Berge verfahren und mich möglichst frohen Mutes in die Käfige der Hobbes’schen Wölfe wagen. Um diese Zeit ist man ja spirituell usw. sehr aufgeschlossen und kann schon auf mal den Karmatrip abfahren. Werde mir also mantrenhaft einflüstern, dass mich dort ganz viel Liebe und freundliche Menschen ohne gräßliche Körperausdünstungen o.ä. erwarten.
    shanti

  8. Meine obiger Bericht entspricht den Tatsachen, Herr oder Frau Shivamoon oder Shanti. Die unwürdige Abfertigung in Bussen wird allerdings erst nach 21 Uhr praktiziert. Dies übrigens mit der Begründung, daß in den Abendstunden vermehrt Dienstleistungserschleicher unterwegs wären.

    Möge Ihr Ansatz der neurolinguistischen Programmierung von Erfolg gekrönt sein.

  9. Shanti (wieder im Sinne der indischen Grussformel gemeint, die Friede bedeutet)
    Zumindest ist es mir gelungen, mich nicht geschlechtsspezifisch zu äußern (denn hier sollen sowohl anima als auch animus sprechen). Dafür klinge ich jetzt wie ein NLPler…

    ah, verstehe die mvg-Taktik: nachts sind alle Katzen grau und potentielle Dienstleistungserschleicher… (so simpel wie genial…) Zu dieser Spezies zählen ja, was ich so höre immer weitere Teile der Bevölkerung, wofür sich wohl zahlreiche pragmatische und philosophische Gründe finden lassen. Nach Ihrer Beschreibung der unwürdigen Gängelung und des alltäglichen Abusus des Rechtes aller Bürger auf, dem Fahrpreis angemessenen, Transport,, könnte man die grassierende Deliquenz vielleicht als Anzeichen „der großen Weigerung“ interpretieren, die Marcuse schon vor 30 Jahren heraufbeschwor.
    „anywhich way freedom mus cum“ (Mutabaruka)

  10. Die Bedeutung des Wortes Shanti war mir trotz meiner unzulänglichen Sanskritkenntinsse geläufig. Herr oder Frau Shivamoon. Zuweilen findet Shanti aber auch als weiblicher Vorname Anwendung. Ein Beispiel sind etwa die Geschwister Sungkono.

    Mit Marcuse ist es wohl Essig. Der aktuelle Zero-Tolerance-Ansatz der MVG zielt ja nach eigenen Angaben gerade auf 3 Prozent der Fahrgäste. Von der großen Verweigerung kann überhaupt keine Rede sein.

    Kollektive Bestrafung und Generalverdacht sind die Instrumente der Macht der MVG, die sie dank des Monopols zu haben glaubt. Sie bitten nicht um Verständnis für Fehlleistungen, sondern setzen es voraus, wie Formulierungen wie „wir danken für Ihr Verständnis“, deutlich zeigen. Auf den Bahnsteigen darf nicht etwa deshalb nicht geraucht werden, weil es andere Fahrgäste stören könnte, sondern aus „Sicherheitsgründen“. Als wäre eine U-Bahn ein hochentzündliches Gefahrengut.

    Die MVG hat ihre Fahrgäste längst als ihren ärgsten Feind begriffen. Noch wird sie ihn nicht los. Das ist aber nur eine Frage der Zeit.

  11. Entschuldigen Sie, ich wollte nicht unterstellen, dass Sie oder irgendein Leser da eine Wissenslücke haben. Andererseits kann man bei den meisten Menschen auch nicht von Ihrem Bildungsniveau ausgehen und hat gelernt sich der Mediokrität anzupassen.
    Shanti ist ein wirklich schöner weiblicher Vorname, der mir als nickname für’s texten zu gut ist. So würde ich gerne meine Tochter nennen, aber mit einem deutschen Nachnamen klingt es wohl etwas gewollt.
    Die MVG sollten unbedingt mehr über die Bedeutung des Wortes shanti lernen und es sich auch an die Türen schreiben. Das würde den toleranz-, respekt- und lieblosen Fahrern, bürokratisch-technokratischen Hintermännern, sowie auch den Passagieren (die sind nämlich, zumal in der leidigen Vorweihnachtszeit, auch so aggressiv und übellaunig) bestimmt bei ihrem Karma-Problem helfen.
    …angeblich nur 3% schwarze Schafe? Was soll dann der Scheinkrieg und Sicherheitswahn? Wahrscheinlich weil Angst bekanntlich den Konsum anregt… Man könnte meinen, wir haben hierzulande auch think tanks zur Produktion von solchem nonsense. Oder sind die mvg längst in der Hand von diesen Heuschrecken?

  12. Da haben Sie allerdings Recht, Herr oder Frau Shivamoon, Shanti Steinbauer hört sich beispielsweise grauenvoll an.

    Ob die MVG nun Frieden, Shiva, Shalom, Peace oder sonstige Neurolinguismen auf die Türen schriebe, wäre es stets gleichermaßen fehl am Platz. Sie kennen ja vermutlich die „Bayerische Linie“, die schon Max Streibel konstatierte, als seinerzeit Terroristen Demonstranten beim G8-Treffen in München zu den Waffen Trillerpfeifen griffen. Hart aber herzlich wurde da polizeiseits zum Gummiknüppel gegriffen. Da hätte es auch nicht geholfen, wenn auf den Helmen der Beamten „Have an nice day“, oder ähnliches gestanden hätte.

    Selbst wenn nur 3 Promille ohne Fahrschein wären, würde das Feindbild erhalten bleiben. Irgendwer muß ja schließlich schuld sein, an allem was nicht funktioniert wie es soll. Zu wenig Einnahmen: Die Schweine zahlen alle nicht. Zu hohe Ausgaben: Ohne die Kontrolleure würde von den Schweinen keines zahlen. Unpünktlichkeit: Würden die Schweine zahlen, könnte man ja mehrere Türen verwenden.

    Nicht zuletzt geht es dabei auch um Volkserziehung. Man soll sich daran gewöhnen, das Hirn auszuschalten, seine Rechte aufzugeben und die Klappe zu halten, sobald aus einem Lautsprecher „Sicherheit“ tönt. Auf die nächste PR-Kampagne der MVG freue ich mich schon. Die wird vermutlich lauten: „Sehen Sie jemanden ohne gültigen Fahrschein? Melden Sie ihn beim Fahrer und kassieren 10 Euro bar auf die Hand.“

  13. ja, ja der Schweinezyklus…, der war doch jüngst erst wieder in aller Munde, weil das Infineon-Dilemma gerne mit der Schweinezüchtertragödie in den USA der 20er Jahre verglichen wird. Die mangelnde Lernfähigkeit der Banausen, die das Weltgeschehen dirigieren (funktioniert bekannlich über die Medien Geld und Macht) lässt sich eigentlich nur als extreme Psychopathologie verstehen. So klingt es ja auch aus Ihren letzten dystopischen Sätzen.
    Erich Fromm erklärt die moderne Barbarei ja mit der mangelnden Liebe zum Leben, was ich sehr plausibel finde. Aber es wollte und will ja niemand auf die, von diesem großen Sozialpsychologen inspirierte, Kritische Theorie hören und aus der Geschichte lernen.
    Trotzdem werde ich nicht zum Misantrophen. Vielleicht könnte man die Demonstranten das nächste Mal mit Helmen ausstatten auf denen geschrieben steht „make love not war“ und die Polizisten mit „Die Kunst des Liebens“, vorgelesen von Joschka Fischer, beschallen.

  14. Dystopisch, Herr oder Frau Shivamoon? Jeder Satz fügt sich wie selbstverständlich zum nächsten. Durchaus eutopisch finde ich.

    Als bekennender Misanthrop habe ich mich dennoch nicht der Barbarei verschrieben. Richten Sie Herrn Fromm das bitte aus, wenn Sie ihn mal wieder sehen.

    Das mit den Demonstrantenhelmen können Sie getrost vergessen. Der §17a des Versammlungsgesetzes ist da mit seinem Vermummungsverbot eindeutig. Wo Trillerpfeifen und Transparente bereits als verfassungsfeindliche Symbole verstanden werden, brauchen Sie mit „Make love not war“ gar nicht erst zu kommen. Krieg abzulehnen wäre doch ein klares Bekenntnis zum Terrorismus.

    Den Polizisten wird höchstens der Besoldungsplan vorgelesen. So viel Frust fördert den Kampfgeist.

  15. …dystopisch bezog sich eigentlich mehr auf den Gehalt Ihrer Sätze und nicht die Form. nach dem Begriff „eutopisch“ googlete ich gerade mit begrenztem Aufklärungserfolg.
    Aber ich werde ohnehin in meinem persönlichen kleinen Kosmos (mein nahes Umfeld und ich) einer ursprünglichen Friedens- und Liebesutopie treu bleiben, weil ich Hedonistin bin. Nach außen ein gewisses, gepflegtes Misanthropentum an den Tag zu legen, finde ich natürlich, nützlich und gesund. Ich weiss ja nicht was Ihre Motive en detail sind…?
    Wenn mal wieder Erich Fromms Geist zu mir spricht, werde ich ihm auch von dem kleinen Missvertändnis erzählen, das zwischen uns entstand. Natürlich betrachte ich Ihre überzeugte und durchaus erhaben anmutende Misanthropie keineswegs als Barbarei, sondern vielmehr eine Reaktion darauf, eine Anti-Barbarei (indem ich wahrscheinlich einfach von mir auf andere schliesse).
    Angesichts des ewigen Frustes und müssigen Kampfes (archetypisch an Sisyphos zu bewundern), möchte ich, auf dass wir nicht einem unproduktiven Nihilismus verfallen, Albert Camus (dessen Genie ich liebe) sprechen lassen: „man soll das Leben mehr lieben als den Sinn des Lebens“

  16. Warum Sie den Gehalt meiner Ausführungen als an ungewöhnlicher Stelle befindlich sehen, sehr geehrte Frau Shivamoon, verstehe ich nicht. Vermutlich spielt es aber keine Rolle.

    Eutopie habe ich für Sie einmal nachgeschlagen:
    „Eutopie die; -: normale Lage [von Organen] (Med.);“ (Das Fremdwörterbuch, Dudenverlag, 1997, 6. Auflage)

    Das Ableben von Herrn Fromm bestürzt mich. Ich verstehe nicht, warum man mich nicht unverzüglich benachrichtigt hat. Als ich gerade mein Kondolenzschreiben diktieren wollte, stellte sich heraus, daß der Trauerfall schon 20 Jahre zurückliegt. Es erscheint mir unschicklich nach so langer Zeit meine Beileidsbekundung zu versenden.

    Sisyphos Motive habe ich nie nachvollziehen können. Warum musste er denn Zeus bei Aeolos denunzieren? Daß er mit dem alten Schürzenjäger Ärger bekommt war schließlich abzusehen. Die ihm später anheimgestellte Aufgabe hätte ich an seiner statt ja ausgeschlagen. Gewiß war diese Episode der griechischen Antike die Geburtsstunde der Bürokratie. Sein Sohn Odysseus ist mir da wesentlich sympathischer. Forschungsreisen und die Seefahrt erscheinen mir viel produktiver als Marmorbrocken auf Berge zu rollen, wo sie ohnehin nicht gebraucht werden.

    Dem sehr geschätzten Kollegen Camus möchte ich nicht widersprechen. Dennoch greift seine existentialistische Sichtweise nicht immer weit genug. Zu nah liegt der Gedanke, der Sinn könnte sein, ihn selbst zu ergründen.

    Wie ist das nun eigentlich mit dem Nihilismus? Unterscheiden Sie zwischen produktivem und unproduktivem Nihilismus, oder halten Sie die Unproduktivität von Nihilismus für systemimmanent? Die Realität zu verneinen hindert ja nicht, ganz hedonistisch die Virtualität zu genießen. Ob eine Schwarzwurzelvelouté mit Rote-Beete-Schaum nun real ist oder nicht, wäre ja egal, solange sie gut schmeckt.

  17. Wenn wir uns mal von der medizinischen Definition entfernen, kommen wir zu folgender: „Eine Dystopie (von griechisch dys-: übel, schlecht und topos: Ort) oder auch Anti-Utopie ist eine Geschichte, die in einer negativen erfundenen Gesellschaft spielt. Häufig wollen die Autoren dystopischer Geschichten mit Hilfe eines negativen Zukunftsbilds vor Entwicklungen in der Gegenwart warnen.“ de.wikipedia.org/wiki/Dystopie
    Beileidsbekundungen nach so langer Zeit wirken in der allgemein gültigen Realität unserer schnelllebigen Epoche wahrscheinlich etwas befremdlich. Es wäre doch aber gar keine schlechte Idee, sich einmal von dem Zwang der political correctness zu befreien, zumal Sie als bekennender Misanthrop die Welt doch prinzipiell gerne mit Befremdlichem schockieren. Oder irre ich da? Wenn Sie mit mir kommunizieren, sollte jedenfalls absolute Freigeistigkeit, Nonkonformität und Tabulosigkeit herrschen.
    Was die Frage nach meiner Sichtweise des Nihilismus betrifft, will ich der Kürze halber auf Nietzsche verweisen, sozusagen den godfather der Nihilismus-Analyse. Quintessenz des bibliothekenfüllenden Diskurses: Zu differenzieren ist ein Nihilismus der Leere, der begrifflich seinen Ursprung in der buddhistischen Weltanschauung hat. Der indische oder orientalische Nihilismus (Leben ist Leiden) erlangte zuerst über die Philosophie und die Übersetzungen Arthur Schopenhauers (angeblich ein ziemlich unleidlicher, verkniffender und frustrierter Zeitgenosse) im Westen Bedeutung. Da wie in der christlichen Eschatologie die Erlösung in der Erlösung vom Leiden und damit vom Leben liegt, muss Nietzsche die Vorstellung des Nirvana als fatalistisch dekadent ablehnen. Wer weiss, vielleicht wäre Nietzsche ein bißchen mehr Akzeptanz, Toleranz und buddhistische Gelassenheit auch nicht schlecht bekommen, aber der Erfinder des WILLENS wollte wohl wahnsinnig werden.
    Für den politischen Nihilismus, der auch als Nihilismus der Negativität bezeichnet wird, ist die geistige Strömung im Russland des späten 19. Jahrhunderts exemplarisch. Nietzsche ist natürlich ein ausgesprochener Gegner des Nihilismus nach „Petersburger Muster“, da sich hinter dem „(…) Glauben an den Unglauben“ immer vorrangig das Verlangen nach Glauben verbirgt.
    Bei manchen Menschen habe ich allerdings schon eher den Eindruck: Wer glaubt wird selig.
    Ich persönlich glaube an die unsterbliche Kunst, in der sich die menschlichen Sehnsucht nach einer besseren Welt Ausdruck und Ewigkeit verleihen kann. Das spricht auch aus Camus‘ Existentialismus, wie er ihn beispielsweise in der Symbolfigur des Prometheus oder in der Wiederentdeckung des Dionysischen entfaltet. Interessant Ihre Ideen zum realitätsverneinenden, virtuellen Hedonismus.m

  18. glenn gould sitzt zusammengekauert vor dem klavier. ehem, saß.

    mister/miss moon,

    die kunst, wenn sie unsterbliche qualitäten annehmen sollte, in der sich die sehnsuch nach einer besseren welt offenbart, ist womöglich, soweit meine philosphische kenntnisse erlauben, ein versuch dem göttlichen prizip näher zu kommen (sein menschsein zu überdauern). das göttliche, abgesehen davon, dass es vollkommen ist, ist ewig. alles menschliche, auch die kunst, kann niemals vollkommen sein, somit auch vergänglich. ob aus einer sehnsucht, welche ganz und gar menschlich, und am weitesten von vollkommenheit entfernt ist, eine unsterbliche kunst entstehen kann? viel mehr, so ich, führt die aufgabe der sehnsucht nach einer besseren welt, zu dieser besseren welt. die sehnsucht beinhaltet per definition, die gleichbleibende entfernung von dieser besseren welt.

  19. Aber er saß davor und nicht auf ihm und unterschrieb auch seine Briefe anders.

    „Da sehen Sie Ihre Nihilisten, Sie stecken Petersburg in Brand.“

    Der Petersburger Nihilismus war kein Negativismus sondern ein fanatischer Fortschrittsglaube, sogar radikale Positivismus hinsichtlich Soziologie und Naturwissenschaft. Das gilt selbst heute noch (ein tüchtiger Chemiker ist zehnmal wertvoller als der beste Poet). Halten Sie nichts von der Kunst? Doch, von der Kunst Geld machen und Aids kurieren. Georg Sand war eine zurückgebliebene Frau, sie verstand nix von Embryologie. usw.

    Bitte verzeihen Sie, wenn ich Ihren Gelehrtenstreit gestört habe. Bin schon wieder weg, Glenn Gould hören.

    Und angenehmen 4. Advent beieinander!

  20. Ihre jüngsten Ausführungen, meine sehr verehrte Frau Shivamoon, empfinde ich ausgesprochen erhellend. Den Begriff Dystopie kannte ich tatsächlich nur aus der medizinischen Terminologie. Ihre durch Wikipeida gestützte Definintion war mir bislang völlig unbekannt. Kein Wunder, daß ich erst jetzt begreife, was Sie meinten.

    Wen ich vor was durch welche Stilmittel zu warnen suche wird mir allenfalls durch Ihre Beschreibung klar. Ich schreibe eigentlich nur was mir gerade so einfällt. Wie kann ich wissen, was ich meine, ehe Sie lesen, was ich schreibe?

    Political Correctness ist kein Zwang, sondern bestenfalls eine Zwangsneurose. Keinesfalls werde ich mich einer wildgewordenen Horde von Geisteskranken beugen, die behaupten, es sei erforderlich, Binnen-I und Alternativpronomina zu verwenden, um die Damenwelt nicht zu benachteiligen. Meine LeserInnen, wissen auch so, daß jede/r von ihnen gemeint ist, wenn ich einfach nur Leser schreibe. Die maskuline Form für beide Geschlechter zu verwenden ist eine liebgewonnene Tradition, von der ich nicht abweichen werde.

    Es gibt eine ganze Menge von guten Traditionen, wie beispielsweise das Schütteln der Hände zum Gruß wudurch beide zeigen, daß sie unbewaffnet und einander friedlich gesonnen sind. Solche pflege ich gerne.

    Es ist mehr die Welt, die mich mit ihren Befremdlichkeiten schockiert und somit eine misanthropische Grundhaltung herausfordert.

    Tabulosigkeit wünschen Sie? Ich bekomme häufig Zuschriften von Verehrerinnen denen jedes Schamgefühl fremd ist. Durch Internet-Kameras soll ich sie ohne Kleidung betrachten oder mir Photographien ansehen, die sie gar beim Geschlechtsverkehr zeigen.

    Nun muß ich aber schließen, denn es kommt gleich Besuch und ich muß noch den Platz auf dem Klavier aufräumen.

    Der Gekreuzigte

  21. Danke für den Hinweis in meinem Blog auf diesen Beitrag. Die schiere Zahl der Kommentare beweist überdeutlich, wie sehr das Thema der hiesigen Bevölkerung unter den Nägeln brennt. Das angerissene Phänomen des hereindrängenden Mobs, der einen am Aussteigen hindert, habe ich ebenfalls bereits einmal aufgegriffen, und zwar unter dem Rubrum Die Herzlosen.

  22. Ja, das ist wohl wahr. Ich erkläre es mir damit, dass Imbissangestellte auf dem Kiez weißgott schon alles gesehen haben. Ohne eine gewisse Abgebrühtheit ist man wohl psychisch nicht überlebensfähig in einer Umgebung wie dieser. Wahrscheinlich werden die unvermeidlichen Folgen dieser Wohnsituation auch nach und nach auf mich (und mein Blog) durchschlagen. Dann bitte ich um Alarm.

  23. Sehr geehrter Herr / Frau kubelick,
    Sie klingen als wollten Sie mir widersprechen, aber ich bin durchaus auch der Ansicht, dass der Weg das Ziel ist, in der Kunst wie im Leben und dass alles Menschliche eitel ist.
    Zunächst einmal provozieren Sie meinen Einspruch hinsichtlich der Reichweite Ihrer oder allgemeiner philosophischer Kenntnisse. IMO gibt es da keinen fest gefügten oder vorgeschriebenen Kanon, den man verinnerlicht oder sich vollständig zu Gemüte geführt haben muss um sich seine eigene Gedanken zu machen. Es reicht ja schon, dass die Grenzen der Sprache die Grenzen unserer Welt sind, wie wir vom weisen Wittgenstein wissen. Moderne Philosophie ist sowieso im Wesentlichen Sprachphilosophie, denn im Zeitalter des Nihilismus sind die alten Wertsysteme wie Religion und Politik im Absterben begriffen.
    Auch Nietzsche war bewusst, dass die Philosophie, ebenso wie die, von ihm als große Trösterin verehrte, Kunst und die (damals noch chauvinistischere) Wissenschaft ihr „Feuer noch von dem Brande nehmen, den ein Jahrtausende alter Glaube entzündet hat, jener Christen-Glaube, der auch der Glaube Plato’s war, daß Gott die Wahrheit ist, daß die Wahrheit göttlich ist“. (Fröhliche Wissenschaft, V; 344: Inwiefern auch wir noch fromm sind; KSA 3; 577)
    Fazit: Das Göttliche ist letztlich auch eine Erfindung des Menschen (solange man nicht etwas anderes glaubt) und wird allzu gerne von diesen instrumentalisiert. Die permanente, die Evolution der Menschheit tragende Sinn- und Bedeutungssuche führte zur Höherentwicklung des Bewusstseins und der Wahrnehmung, so entstanden irdische und himmlische Gerechtigkeit, Ideale und Illusionen… z.B. die Liebe.
    Da sich die Philosophie zu lange auf ein metaphysisches Weltverständnis verließ, in das sich Ideologien als modernes Religionssubstitut wunderbar aber mit verheerenden Konsequenzen einfügten, kommt ihr nach all den menschheitsgeschichtlichen Katastrophen (v.a. im vermeintlich aufgeklärten Zeitalter) ein reduzierter Anspruch als Medium von Leitwissen zu.
    Meiner unbedeutenden Meinung nach, kann der Mensch in der Kunst den göttlichen Funken oder das göttliche Prinzip oder die Einheit mit dem Kosmos oder was immer er will spüren, ahnen oder ausdrücken. Wo sonst außer in der Sexualität findet sich soviel Affirmation der Welt als Spiel?
    Aber genug der verwirrenden Kryptik, nicht dass noch jemand auf die Idee kommt aus Mitleid und Weltschmerz einen armen Droschkengaul zu umarmen (die so genannte „Turiner Himmelfahrt“ – weil sie der Beginn von Nietzsches langer Umnachtung war – ist ja auch berühmt-berüchtigt)

  24. Sehr geehrter Herr Fellow Passenger,
    Ich denke, ich muss mir um Sie als eingefleischten Misanthropen keine Sorgen machen, selbst wenn Sie mit der Gekreuzigte unterschreiben und den Wahnsinn auf dem Klavier proben. Ich bevorzuge ja „Dionysos“ oder „Antichrist“ als Pseudonym…
    Das mit dem vermaledeiten Binnen-I (endlich kenne ich dank Ihnen eine gelungene Bezeichnung für dieses Unding) ist allerdings wirklich eine Crux. Weder Geschlechterkampf und noch weniger blödsinniger Ultrafeminismus sollten auf dem Rücken der Sprache ausgetragen werden. Mittlerweise dürften ja auch die größten Intelligenzbestien eingesehen haben, dass durch blinden oder verblendet-stupiden Aktionismus keine Kinderbetreuungsangebote oder andere praktische Errungenschaften entstehen, die für mehr pragmatisch als fanatisch orientierte Frauen einen Fortschritt bedeuten würden.
    Die Emanzipation (der Frau) hat in anderen Bereichen auch nicht nur Erfolge zu verzeichnen, wie an der heutzutage grassierenden Vermännlichung des weiblichen Habitus ersichtlich wird.
    Sie haben ja selbst auch ein hartes Los mit Ihren offensiv-schamlosen Porno-Verehrerinnen…, solch Niveaulosigkeit ist in jedem Sinne lästig.
    Zunehmend machen alarmierende Berichte die Runde, denen zufolge der Mann immer öfter Ziel bzw. Opfer aggressiver, obsessiver weiblicher „nimm-mich“-Posen dieser und noch ganz anderer Art wird. Andererseits ist manch Macho auch ganz froh um die Entlastung von seinem aktiven, anstrengenden Rollengebaren. Der Gentleman schweigt und genießt wenn Frauen sich nun vermehrt bei unwürdigen Eroberungsversuchen blamieren.
    Dazu mal wieder ein weiser Ratschlag von Guru Nietzsche: „…gehst Du zum Weibe, vergiss die Peitsche nicht.“

  25. Dionysos war ja sozusagen Dolly der Antike, verehrte Frau Shivamoon, wenngleich auch nicht in Schaf- sondern Stiergestalt.

    Der Feminismus hat zumindest erreicht, daß die Rollenverteilung nun völlig diffus ist und sich kein Mensch mehr auskennt. Wenn man einer Dame in den Mantel helfen möchte und darauf erklärt bekommt, daß sie dazu selbst in der Lage sei, muß man sich schon wundern. Als hätte je ein Mann angenommen, eine Frau sei zu blöd sich ihren Mantel alleine anzuziehen. Auf jeden Fall kann es der Mann heute nur noch verkehrt machen. Entweder ist er ein Rüpel oder ein Chauvinist. Die Frau ebenso, schließlich ist sie logischerweise entweder eine Emanze oder eine Schlampe. Wenn die Geschlechterrollen erodieren und die Sitten verrohen, muß man sich über fehlenden Nachwuchs ja nicht wundern.

    Wenn sich nun allerdings vermehrt Frauen bei Balzritualen zum Deppen machten wäre das ja ein sehr amüsanter Ausgleich. Es wäre durchaus angenehm in Bars stets von freundlichen Damen zu Getränken eingeladen zu werden. Aber so wird es nicht kommen. Die Biologie wird sich menschlichen Wahnvorstellungen nicht beugen.

    Herr Dr. Nietzsche hat ja wirklich für jede Lebenslage einen Ratschlag. Sicher hat er auch etwas gegen eingewachsene Zehennägel. Aber das mit dem Weib und der Peitsche ist ja ein Tip den sein Held von einer längst menopausierenden Dame erhalten hat. Wer weiß welche Motive die hatte.

  26. Da bei älteren Damen nicht mehr alles nach der Mutterschaft strebt – in jüngeren Jahren der einzige Wille und Trieb des Weibes, der sie völlig determiniert – kann sich besagte reife Frau solch einen Ratschlag erlauben. Zu Zarathustras Zeiten waren wir Frauen wohl noch mehrheitlich willige Gebärmaschinen und konnten uns beim besten Willen kein anderes Glück vorstellen. Trotzdem spricht aus der Lebenserfahrung und Selbstreflexion des alten Weibleins hinsichtlich des eigenen Geschlechts sehr viel Wahrheit.

  27. Eben das will ich bezweifeln, meine beste Frau Shivamoon. Die ältere Dame steht nicht in Konkurrenz zu ihren jüngeren Geschlechtsgenossinen, könnte sich also mit ihnen solidarisieren.

    Eine willige Gebärmaschine muß ja eben gerade nicht mit der Peitsche bezwungen werden.

    Ist es nicht vielmehr so, daß jenes vermeintlich harmlose Weiblein in Wahrheit eine mit größter Heimtücke geführte Intrige lancierte, deren Ziel es war, Männer als rücksichtslose Gewalttäter zu diffamieren um so dem Feminismus den Boden zu bereiten?

  28. Das mit der Peitsche ist ja nun – wie alles bei Nietzsche – nicht ganz wörtlich zu nehmen, aber ich denke, Sie spielen da ganz bewusst das unwissende enfant terrible.
    Sie haben es also provoziert oder besser gesagt heraufbeschworen, so will ich Näheres zu Nietzsches Feminismus kundtun:
    Was junge Frauen betrifft hat der gute Nietzsche mit Lou Salome schlechte Erfahrungen gemacht, die ihn nachhaltig prägten. Er kannte die Frauen eben schlecht, was für einen Mann der damaligen Zeit nicht allzu ungewöhnlich ist… Da herrschten haarsträubende Vorurteile und selbst die von mir kolportierte Annahme Nietzsches, die Frau wolle primär geschwängert werden, war im Falle der freigeistigen, freizügigen Intellektuellen (Russin) Lou Salomé ganz und gar nicht zutreffend. Diese war nach eigener Aussage ihren Erinnerungen stets treu, Männer konnte sie es hingegen nie sein. Kurz und gut, sie wies Nietzsches Anträge zurück, was seine Eitelkeit tief kränkte. Und menschlich, allzu menschlich ist zumeist die Reaktion auf Zurückweisung und Desillusionierung… Nietzsche ging enttäuscht und verletzt aus der gescheiterten‚ heiligen Dreieinigkeit’, wie Lou Salomé die geistige und kameradschaftliche Künstler-Freundschaft, die sie selbst, Nietzsche und Paul Ree umfasste nannte, hervor. Von beiden Freunden fühlte sich Nietzsche hintergangen, es kam zu einem irreparablen Bruch.
    Der Ratschlag mit der Peitsche im Zarathustra ist eine Anspielung auf das sagenumwobene und für die damalige Zeit skandalöse Photo, auf dem Nietzsche und Ree vor der lasziv peitscheführenden Lou kuschen (kann ich das Photo posten oder ist da eine copyright drauf?). Die Erlebnisse mit der egozentrisch resoluten Lou verarbeitet Nietzsche noch in seinen Wahnsinnsbriefen. Dabei hätte Nietzsche seinen Zorn wohl besser gegen die eigene Schwester, eine Ausgeburt an Bösartigkeit , gerichtet, die perfide wie hinterhältig das Scheitern der unkonventionellen „menage à trois“ für ihre machtlüsternen Interessen ausschlachtete (Prüderie muss anscheinend durch Neid und Grausamkeit kompensiert werden oder scheint zumindest dem leiblichen und geistigen Wohl extrem abträglich zu sein).

    Aber Sie haben ja Ihre eigene feministische Verschwörungstheorie, die ebenso wahr ist.

    Meine höchstpersönliche Interpretation des Zitats, die auch durch die Empirie gestützt wird lautet wie folgt: Ob willig und gebährfreudig oder eiskalte Lady, jede Frau will erobert werden und findet unmännliches Weichei-Getue wohl kaum attraktiv geschweige denn erotisierend.

  29. Die Photographie würde ich natürlich gerne in Augenschein nehmen, verehrte Frau Shivamoon, allerdings bin ich nicht über dessen urheberrechtliche Situation orientiert.

    Es freut mich, daß meine wenig populäre Theorie über den Feminismus Ihren Zuspruch findet. Durch Ihre Auslegung des Peitschenzitats schließt sich der Kreis dann ja wieder zu der Meinung, Männer sollten zu Kriegern erzogen werden, die Nietzsche im selben Werk äußert.

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