Die Hype-Maschine

Einen bizarren Internetfund setzt man immer gerne in sein Blog. Das habe ich hier mit den Carusos gemacht und Johnny Häusler hat das gleiche mit einem höchst bizarren Amateur-Videoclip getan in dem drei junge Herren demonstrieren, daß sie nicht singen können. Schon vorher hat n|tropie über das absurde Machwerk berichtet.

Mittlerweile hat TV-Total diese Peinlichkeit aufgegriffen und es kursieren sogar Gerüchte, die Kids mit den nach hinten gegelten Haaren würden demnächst von der Musikindustrie unter Vertrag genommen werden.
Die verschwöhrungstheoretische These, die Musikindustrie hätte hier erfolgreiches Guerrilia-Markteting betrieben, erscheint mir reichlich abwegig. Ob sich aus einem Blog-Artikel ein Hype entwickelt oder nicht, kann man meiner Meinung nach nicht vorhersehen oder gar steuern.

Ich hatte mich einmal über die mimosenhafte Kommentarlöscherei zweier Großblogger lustig gemacht und hatte daraufhin drei Tage lang 75 mal so viele Besucher wie sonst. Die kamen aber über einen dritten Blogger, der das alles nicht verstanden hatte und mich als Denunziant beschimpfte. Hätte ich das wissen können? Wohl kaum.

So waren Spreeblick und n|tropie über die große Resonanz offensichtlich gleichermaßen überrascht, wie sie hier und hier schreiben.

Warum Matt Wagner auf der Rückseite der Reeperbahn nun die Ansicht vertritt, Spreeblick sei schuld, wenn offenkundiger Mist wie „Mein Sonnenlicht“ der Grup Tekkan demnächst in den Charts landet ist mir völlig unverständlich. Erstens würde sich dieser Versuch, falls die Musikindustrie ihn denn tatsächlich unternehmen sollte, vermutlich als Rohrkrepierer erweisen. Zweitens wäre das dann doch eher auf TV-Total und die Plattenfirmen zurückzuführen, als auf das Blogwesen. Dennoch wähnt dirk-vongehlen im Blog des jetzt-Magazins der Süddeutschen Zeitung eine Verschwörung und beruft sich dabei auf einen Artikel bei factorfake.de, der durchaus zu bedenken gibt.
Aus Scheiße Gold zu machen, hat im Musikgeschäft schon lange Tradition. Als Musikjournalist könnte man das eigentlich wissen. Nena konnte auch nicht singen und ist trotzdem erfolgreich gewesen. Milli Vanilli ebenso. Sogar ganz ohne Internetz.

11 Antworten auf „Die Hype-Maschine“

  1. Lieber Fellow, die Fälle Nena und Milli Vanilli lagen deutlich anders. Da wurde keine Lämmerherde als unbewusster Werbeträger missbraucht – das ist erst seit Erfindung des Internets und der Blogosphäre möglich.

    Dennoch liege ich wohl falsch mit meiner These, im Fall der Grup Tekkan handele es sich um ein Beispiel für gelungenes Guerillamarketing. Sicher ist aber, dass TV Total erst aktiv wurde, nachdem die Popularisierung durch die Blogs stattgefunden hatte.

  2. Hoch verehrter Herr Fellow Passenger,

    erfreut stelle ich fest, daß Sie sich auf Ihre unnachahmliche Art und Weise neuerdings auch mit weltbewegender Materie aus dem Dunstkreis der Rotlicht-Sympathisanten dieses ehrenhaften Clubs beschäftigen. Eine Herzensangelegenheit oder galt es, ein Frühjahrsloch zu füllen?

    Bei dem erwähnten Musikjournalisten handelt es sich übrigens um einen vielseitigen Allround-Reporter, der aufgrund seiner verdienstvollen Berichterstattung von unserem exklusiven Verein bereits vor Monaten mit einem auf den Namen „Hammerhai“ gefälschten Äquator-Taufschein ausgezeichnet worden ist.

    Wie ich auf die Frühjahrsloch-Vermutung komme?

    Ich hatte eher erwartet, daß Sie auf Berichte wie diesen oder solche Kommentare ansprängen.

    Leicht enttäuscht

    Opa

  3. Es mag durchaus sein, daß die TV-Totalitaristen auch Blogs lesen, mein bester Herr Matt. Vermutlich bekommen die aber auch pausenlos alle möglichen lustigen E-Mails geschickt. Unter den ebenso beliebten wie sinnlosen Powerpoint-Dateien würde so ein Video sicher auch hervorstechen.

    Bei Nena und Milli Vanilli waren die Medien für die Starwerdung erforderlich. Bei Grup Tekkan ist das nicht anders. Die Medien zu PR-Zwecken zu instrumentalisieren ist lang erprobt und sehr viel einfacher als bei Blogs möglich wäre. Die Presse druckt ziemlich oft bereitwillig, was man ihr serviert. Die Blogszene ist in dieser Hinsicht ziemlich paranoid und daher unberechenbar.

    Ich denke hier wird die Rolle des Blogwesens überschätzt. Vermutlich wäre die Grup Tekkan auch ohne n|tropie und Spreeblick bei Raab verwurstet worden.

    Die Rückseite der Reeperbahn, mein lieber Herr Harmonia, gehört längst zu meiner täglichen Lektüre. Der obige Beitrag ist eigentlich nur ein Kommentar, der mir zu umfangreich erschien, um ihn im Kommentarwesen der Rückseite der Reeperbahn zu hinterlassen. Zudem erscheint mir die Diskussion über Blogs als unfreiwillige Werbemaschinierie durchaus interessant.

  4. Lieber fellow, nun mal langsam: „Die Presse druckt ziemlich oft bereitwillig, was man ihr serviert“ ist eine recht krude Verallgemeinerung, die dem enormen Spektrum zwischen Käseblättchen und Wirtschaftsmagazin, zwischen BILD und FAZ nicht im mindesten gerecht wird – und die ich Ihnen auch nicht zugetraut hätte. Zumal auch stets unsicher ist, wie eine Leserschaft auf einen Text reagieren wird.

    Ich habe weiß Gott schon großangelegte Kampagnen kläglich versanden sehen; und die Zahl der bestürzend gefloppten Bands, die gemeinhin als „Kritikerlieblinge“ bezeichnet werden, übertrifft die der erfolgreich gehypten Acts bei weitem.

    Die Blogosphäre genießt zurzeit gegenüber anderen Medien noch jene vergleichsweise hohe Glaubwürdigkeit (neudeutsch: credibility), wie sie Bewegungen, die von „unten“ kommen und sich selbst organisieren, anfangs immer eigen ist. Dies zu merkantilen Zwecken zu missbrauchen, muss einen großen Reiz auf jene ausüben, die sich in der Regel nur durch (unglaubwürdige) Anzeigen artikulieren können.

    Diese Differenzierung scheint mir wichtig. Ich möchte aber nicht verhehlen, inzwischen wirklich abgekommen zu sein von meiner Vermutung, beim gewaltigen Hype um Grup Tekkan handele es sich um eine konspirative Aktion. Ich gebe Ihnen recht: Das war offenbar anders.

    Wachsamkeit dürfte dennoch nicht schaden.

  5. Tschuldigung, dass ich mich hier so vorlaut aus dem suedamerikanischen Exil melde, aber haben Sie nichts besseres zu tun, als sich ueber diesen Popanz aufzuregen? Besonders Sie, lieber Herr Matt Wagner, duerften doch mittlerweile mit allen Weihwassern gewaschen sein. Lassen Sie weiter ihre tolle Musik durch den iPod fliessen und freuen Sie sich Ihres guten Geschmacks. Oder wuerden sie gerne Cracker bei TV Total sehen?

    Und was Sie betrifft, lieber FelPas: Was waere mein Leben ohne die Carusos Website!? Weiter so und entschuldigen Sie meine fernreisebedingte Absenz.

  6. Ja, mein lieber Herr Matt, die Pauschalisierung räume ich ein. Nicht jede Zeitung, Fernsehsendung, usw. bringt alles was ihr zugetragen wird. Dennoch fällt auf, daß alle von Ihnen genannten Medien es für notwendig befunden haben, die völlig belanglose Schnupfenerkrankung von Vögeln als Bedrohung für die Menschheit darzustellen.

    Die Medien für PR-Zwecke zu manipulieren gelingt zweifellos nicht immer. Dennoch beschäftigt diese Thema eine ganze Branche, die oft genug Erfolg damit hat.

    Street Credibility ist das, was die Blogszene ausmacht. Es berichtet nicht DIE ZEITUNG, sondern der nette Herr von nebenan, der selbst dabei war und den man zu kennen glaubt. Davon träumt vermutlich jeder PR-Macher.

    Es wird aber wohl ein feuchter Traum bleiben. Denn anders als die Presse kann man in seinem Blog nichts schreiben, was kommentarlos hingenommen und geglaubt wird. Das Blogwesen ist ein öffentlicher Diskurs bei dem alles von anderen hinterfragt wird.

    Wenn ich heute hier die Moulinettes als die beste Pop-Band Münchens bezeichne, muß ich mit Gegenwind rechnen. Wer das in eine Zeitung schreibt schafft Tatsachen.

    Aber Sie haben schon recht. Obacht geben sollte man schon, denn Begehrlichkeiten gibt es sicher genug.

  7. Schön, daß auch Sie als Exilblogger sich einschalten, bester Herr Burnster.

    Mein Engagement gilt weniger dem just erschaffenen Popanz, als der Bedeutung von Privatperiodika als unfreiwilliges Marketinginstrument.

  8. Ich bin nicht Johnny Häusler, wegen mir wird so schnell wahrscheinlich niemand berühmt, und das macht auch die Schnippelbohne nichts. Wenn Sie, werter Herr Fellow P. aber trotzdem Lust auf möglicherweise erquickliche Musikneuentdeckungen haben, könnte ein Blick in das absurdistanische Diskursjenseits von Tokio Hotel oder der Grup Tekkan da heute vielleicht ein paar Perlen für sie zur Ablenkung bieten.

  9. Ist den Herrschaften auch aufgefallen, daß der Exil-Aufenthalt des geschätzten Kollegen Burnster bereits deutliche Auswirkungen auf seinen „Sprachwitz“ (Originalton Burnster) zeigt?

    Nächstens spricht er den Herausgeber dieses Hochglanzmagazins womöglich gar mit „Herr Fehlpass“ an …

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