Sehr geehrter Herr Reinhardt,

da habe ich nicht schlecht gestaunt, als ich den Umschlag in meinem Briefkasten fand. Auf der Rückseite war Ihr Absender handschriftlich vermerkt. Sie müssen sehr geschickte Hände haben. Alle Zeichen, die mehrfach vorkommen sind absolut deckungsgleich. Vermutlich sind sie Engländer oder Amerikaner, weil Sie Ihre 1 ohne Anstrich und Ihre 7 ohne Querstrich schreiben, wie das in Kontinentaleuropa gar nicht üblich ist.

Rückseite des Briefs

Natürlich habe ich mich als erstes gefragt, wer denn dieser Lutz Reinhardt sein mag, der mir da aus Nagold einen Brief schreibt. Weil mir dazu gar nichts einfiel, habe ich den Umschlag dann umgedreht.

„Persönlicher Brief an Sie vom mam-Chef“, stand in Ihrer Handschrift über der Adresse. Das war auch gut so, denn persönliche Briefe an mich stecken sonst nicht in ungefütterten Fensterumschlägen. Die Briefmarken sind sonst auch nicht aufgedruckt, sondern aufgeklebt und es steht drauf, wieviel sie gekostet haben. Der Poststempel ist bei persönlicher Korrespondenz eigentlich, nun ja, gestempelt und trägt ein Datum. Da ist es schon gut, daß Sie geschrieben haben, daß der Brief persönlich ist. Sonst hätte ich vielleicht gedacht, es wäre bloß eine Reklame.

Der Briefumschlag von Vorne

Ein wenig verwirrt hat mich dann aber der zweite Absender im Adressfenster. Der ist nämlich ein Postfach Ihres Unternehmens, der mam AG. Sollte Ihr Schreiben am Ende doch nicht ganz so persönlich und von Mann zu Mann sein?

Die Adressen von Ihnen und Ihrem Unternehmen sind, wie ich sehe, identisch. Hoffentlich müssen Sie nicht im Büro schlafen, Sie ärmster.

Nun ja. Sie schrieben mir, daß Sie eigentlich „gar keine Werbung machen“ wollen. Trotzdem schickt mir Ihr Unternehmen seit vielen Jahren immer wieder Briefe, in denen ich aufgefordert werde, doch mal wieder bei „mam Limited“ irgendwelche Möbel zu kaufen.

Leider sinke die Zahl Ihrer Kunden jedes Jahr, wie Sie dann im zweiten Absatz jammerten. Das ist sehr bedauerlich und ich möchte Ihnen mein tiefstes Mitgefühl aussprechen. Der Niedergang eines Unternehmens ist immer eine Tragödie, die zu erleben ich niemandem wünsche. Einem persönlichen Brieffreund von mir schon gar nicht.

Herr Reinhardt schreibt einen Brief

Zum Glück haben sie den Ausweg aus der Misere schon gefunden. Jeder dem Sie schreiben, soll einfach allen Freunden, Bekannten und Verwandten empfehlen, doch mal was bei „mam Limited“ zu kaufen. Das ist geradezu Genial!

Sie nennen die Briefempfänger immer wieder „mam-Clubmitglieder“. Das ist lustig, wenn ich daran denke, wie ich Mitglied in diesem Club wurde, damals. Es muß im Jahr 1993 gewesen sein, als ich eine Matratze brauchte. Sie war im Münchner mam-Ladengeschäft in der Schleißheimer Straße nicht vorrätig. Gegen eine Anzahlung von 100 Mark, war man dort aber bereit, sie zu bestellen. Nachdem ich einige Wochen lang meine Nächte auf einer Isomatte verbracht hatte und die Zuversicht über das Eintreffen der Ware auch seitens des Verkaufspersonals am Schwinden war, einigten wir uns auf eine Erstattung der Anzahlung und ich kaufte die Matratze anderswo. Da dachte ich mir schon, „limited“ ist offenbar Programm bei „mam“.

Natürlich ist Ihr Konzept „Mitglieder werben Kunden“ eine wirklich tolle Idee. Immerhin ist es, wie sie schrieben eine „absolute win-win-Situation“ (da kommen wieder Ihre angelosächsischen Wurzeln zutage). Immerhin erwartet den geworbenen Neukunden eine ganze Flasche mit Kohlensäure versetzten Weins, den Sie sogar persönlich überreichen wollen. Was machen Sie eigentlich, wenn gleichzeitig in mehreren Fillialen Neukunden vorstellig werden?

Ich könnte durch eine Empfehlung Einkaufsgutscheine ergattern, ließen Sie mich wissen. Etwas sonderbar erscheint mir allerdings die von Ihnen ersonnene Staffelung. Je weniger Umsatz der Neukunde macht, um so besser für mich, entnehme ich der Tabelle auf Seite 2 Ihres Schreibens. Während Sie für 1000 € Umsatz noch 2 Prozent Provision in Aussicht stellen, müsste ich mich bei 5000 € bereits mit 1,6 Prozent zufrieden geben. Führt meine Empfehlung zu einem Umsatz von 100000 € erhalte ich immerhin einen Einkaufsgutschein zu 100 €, also 0,1 Prozent.

Herr Reinhardt schreibt einen Brief

Spätenstens nach dieser Überlegung muß ich Ihnen abschlägig bescheiden, da ich eher eine loss-loss-Situation befürchte.

Womöglich wäre es sogar für uns beide am Besten, wenn wir künftig getrennter Wege gingen. Nach einem Besuch auf Ihrer Firmenseite, auf der Sie sich in einem Video präsentieren, bin ich mir sogar ganz sicher.

Für den weiteren Werdegang Ihres Unternehmens wünsche ich Ihnen alles Gute und verbleibe

mit final freundlichen Grüßen

Erwin Engerlingdinger

2 Antworten auf „Sehr geehrter Herr Reinhardt,“

  1. Auch wenn Sie, wie viele, vermutlich hier Längen- und Breitengrade durcheinanderbringen haben Sie natürlich recht, daß diese vereinfachte Schreibweise der Ziffern 1 und 7 nicht nur auf den angelosächsischen Raum beschränkt ist.

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