Kein Plural

„Kein Plural“, heißt es lapidar im Wörterbuch. Den bräuchte man aber, wollte man jemandem erklären, welche von ihnen an einer Wand hängt. Eigentlich ging es nur darum eine abfällige Bemerkung über völlig nutzlose Orakel abzusondern. Zum Beispiel eines, daß dem glücklosen Abenteurer immer wieder den folgenden wenig hilfreichen Hinweis oder vielmehr Nichthinweis entgegenplappert:

Poor wanderer, don’t give up. Your goals are close, rewards are great. (Venus von Urbino in Zork Nemesis)

In diesem Fall ist das Orakel eine Venus und zwar die von Urbino, die Herr Tizian einst malte. Bekannter ist ein Venusbildnis von Botticelli. Es gibt von ihr aber so viele weitere wie Kieselsteine in der Isar. Eine kreist sogar am Firmament. Umso weniger begreiflich, daß kein Plural für die Schaumgeborenen vorgesehen ist. Venuse hört sich nun wirklich albern an und selbst wenn es zwischen Venus und Venen einen Zusammenhang gäbe, wäre dies als Plural reichlich irreführend.

Bei Aphrodite, ihrem griechischen Namen, sieht es nicht gerade besser aus. Auch wenn Aphroditae trefflich klänge, kann der lateinische Plural kaum dem griechischen Begriff angemessen sein. Vielleicht ist der Singular ihrer Göttlichkeit geschuldet, wogegen allerdings ihr polytheistischer Hintergrund spricht.

Wieder irrt also das Orakel. Das Ziel ist nicht in Sicht und belohnen würde es einem ja sowieso niemand. Vermutlich nicht einmal danken. Mögen die Orakel also künftig so konsultiert werden, als wären sie alle eine Venus. Für freundliche Worte ohne praktischen Nutzen und ihren dekorativen Anblick.

13 Gedanken zu „Kein Plural“

  1. Aber mitnichten, Meister Passenger, was den Plural der Göttin anbelangt! Cäsar, der in seiner pole position doch bestimmt Überblick besaß, sowie nicht nur verbale Zeugungskraft, sondern auch die Macht, sie durchzusetzen, nannte sie, die schönen Göttinen, die Veni. Und prägte sein imperiales Motto, seine persönliche Devise danach: “ Veni, vidi, vici!“

  2. huh, bei solchen wortübungen kriegt man in unserer „wit and clever school: learn to be a clown or just look like one“ schule werden stromschläge verteilt. nun ja, zeusoi klingt ebenfalls eher nach einer chinesichen vorspiese, als der mehrzahl des womanizers der griechischen antike, geschweige den von tartaroi oder herae, was dem klang eines ausrufes des überdrusses ähnelt, was, gäbe es eine mehrzahl der göttin, wahrscheinlich aus zeus des öfteren heraustönen würde.

  3. kubelick, ich fühle mich angesprochen; ich – autsch – gestehe: ein bemühter kalauer, der als ausweichmanöver zu gelten hat.
    passenger, das geheimnis der einzelgöttin sitzt womöglich so tief wie das des orakels selber, das sich immer nur an einzelorakelnehmer richtet … sie auf-, ab-, hin- oder zugrunderichtet (irgend einen nutzen hat das orakel also immer).
    das gehen ist der weg. die multiplen fixierungs- und auf die leinwand- bannungsversuche der künstler hinsichtlich Venus sprechen so gesehen bände (bann, bindung sind vielleicht der wieder singulare plural der Venus).
    die Göttin, das ist es, ist der plural an und für sich. und das orakel ist ihr plappermäulchen.
    dies könnte eine warnung sein, dahingehend, dass, wer versucht, „eine abfällige bemerkung über völlig nutzlose orakel abzusondern“, sich dabei erst recht in dieses labyrinth katapultiert. ernst nahm er es doch vorher, sonst könnte keine frustration bzw. suche draus entstehen. und – war unsere welt nicht immer so? war es nicht das, was Maggie Thatcher, die alte magierin, meinte, als sie sagte, es gäbe „keine alternative“? – „eine andere welt ist möglich“, sagten flugs drauf ihre rivalinnen mit ihren plappermäulchen. magie, wohin das auge blickt, orakel, labyrinthe und computerspiele, alles in der einen Venus – bloß keine buchstäbliche antwort. ziemlich attraktiv und vielgestaltig ist die Kleine, und so mächtig wie magie.
    es gibt nur eines ausser ihr, das so lange zugleich in ihr ist, solange sich die geburt hinzieht, und das ist: die freiheit. (das ist – daher – auch das einzige, was ihr orakel jemals andeutet; denn freiheit ist es, was allein sie liebt, ja, lieben kann, und jeder, jede, jedes besitzt sie, weil jeder, jede, jedes sie „selber“ (ein ’selbst‘, dies, das kein einzelnes ist), direkt und unmittelbar als gegenstand jenes banns, ist und sie zugleich darunter – in der regel – verschwitzt (noch eins: daher kann man menschen auch dazu erziehen, sie zu verschwitzen): Poor wanderer, don’t give up … )
    also, das wäre jetzt meine unumwundene these gewesen. leuchtet das ein?

  4. Oh, es gibt wesentlich irdischere, belanglosere Begriffe, wo man die Mehrzahl vergebens sucht. So habe ich neulich für meinen Sohn, Klasse 4, die Mehrzahl von Finsternis – Finsternisse gefunden, aber Sonnenschein hat keine… Wozu braucht man mehrere Finsternisse oder Dunkelheiten, wenn es auch den Sonnenschein nur im Singular gibt?

  5. Stromstöße werden hier freilich nicht verteilt, meine Herren Pecas und Kubelick. Schon gar nicht für Kalauer, wo sich Scherze über Zeusgungswillen geradezu aufdrängen — wenn Sie mal einen richtig flachen Kalauer lesen möchten.

    Natürlich haben Sie, Herr Pecas, entlarvt, daß der vermisste Plural den Venusbildnissen gebühren würde, sich aber für die Venus als singuläre Göttin verbietet.

    Andererseits, Herr Blogwart, haben Sie ja treffsicher einen Plural vorgeschlagen, der ausweislich der größten Textsammlung der Menschheitsgeschichte ein offenbar üblicher Weg ist.

    Ihrem Einwand, Frau Lissy, vermag ich nicht recht zu folgen. Der Plural von Schein ist Scheine.

    Liebe Frau Britta, in Ihrem Fall würde ich sagen, Krokusse, Globen und Atlanten mögen Sie in der von Ihnen angepriesenen Linkfarm vermissen. Da ich nicht über Wörterbücher postreformatorischer Provinienz verfüge, erscheint mir die Lage eindeutig.

  6. Na da brat‘ mir doch einer einen ….
    Da denkt man, man macht einen harmlosen und allzu offensichtlichen Kalauer. Und dann ist dies die Pluralisierung, mit mehr als 2600 Fundstellen.

    Wenn man da allerdings ein bissel stöbert, findet man dann den völlig langweilig-belanglosen, vorgeblich echten Plural „Veneres“. Kurze Recherche ergibt: Ist wahr.

    Wobei mir dieses Wort irgendwie spanisch vorkommt… Stimmt! Ist der umgangssprachliche präsens singular subjunctivo in der zweiten Person von „venerare“.

    Also auch nix gewonnen.

  7. Mag ja Geschmackssache sein. Trotzdem schmeckt Venüsse genau wie veneres nur nach linguistischer Krampfader.
    Naja, da kann man wohl nichts machen, dagegen ist kein Kraut gewachsen.
    Aber ein attraktives Thema wirds doch abgesehen davon bestimmt auch bleiben.

  8. Im Duden (20. Auflage, also präreformatorisch), bester Herr Blockwart, heißt es:

    1Venus [v…] (röm. Liebesgöttin);2Venus, die; – (ein Planet);

    Online behauptet Wiktionary ausdrücklich „kein Plural“. Taugt offenbar nicht viel das ganze Zeug.

  9. Zum Abschluß, Herr Passagier, muß ich – wenigstens teilweise – zurückrudern:

    In unserer schönen Muttersprache gibt es den Plural für „Venus“ tatsächlich nicht. Dieser existiert nur in der transalpinen Ursprungssprache. Ob Sie die Venus nun als unpluralisierbares cisalpines Lehnwort oder doch als – dann eben pluralisierbares – Fremdwort verstehen und Benutzen, diese Entscheidung überlasse ich Ihnen.

    In diesem Sinne

    BW

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