Keine Meinung

Mario Sixtus fordert mehr Meinung in Blogs. Ihm fällt auf, „wie frei von Meinung viele Blogger oft sind.“ Das sehe ich anders. Nicht die Blogger sind meinungsfrei, sondern die Blogs. Wenn überhaupt, denn die wenigsten Blogs sind ja frei von eigener Meinung. Wer über sein Gefühlsleben öffentlich Tagebuch führt, schreibt dabei ja auch seine Meinung. Für die dürften sich aber die Leser dieser Kolumne in der Frankfurter Rundschau Online kaum interessieren. Es ist diese Meinungsäußerung ja im Grunde auch nur an einen eher kleinen Kreis gerichtet. Es ist einzusehen, warum Herr Sixtus diese Befindlichkeitsjournale nicht erwähnt.

Es fehlen eher Blogs, die Meinungen zu politischen Themen und gesellschaftlichen Entwicklungen verbreiten. Solche Blogs also, die in der Presse gerne als unseriös bezeichnet werden, weil sie keine journalistische Qualität bieten. Will man bei dem unsäglichen Vergleich mit der Presse bleiben, kann man ja auch argumentieren, daß eine Zeitung in erster Linie Nachrichten verbreiten soll. Meinungen muß sie natürlich auch, aber erst in zweiter Linie verkünden. Eine eigene Meinung darf eine Zeitung eigentlich nicht haben. Ein Weblog schon.

Woher kommt es, das die deutschen Blogs so selten Farbe bekennen fragt der Kolumnist: „Woran liegts? Pisa? Formulierungsprobleme? Wortschatz verkifft? Rechtschreibschwäche? Faulheit? Angst? Schüchternheit? Keine Ahnung.“

Dieser Meinungsmagel in Deutschland ist nicht auf die Blogs beschränkt. Es ist eigentlich auch kein Mangel an Meinung. Es ist ja nicht so, daß der Deutsche grundsätzlich keine Meinung hätte. Aber er ist es gewohnt, sie für sich zu behalten. Das musste er während der Nazizeit. Ein großer Teil musste auch anschließend weiter schweigen, wenn er in der DDR lebte. Die Meinungsfreiheit ist in der Bundesrepublik längst nicht so tief verwurzelt wie etwa in den USA. Das sieht man eben auch an den Blogs.

Daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Zumal die Signale aus der Politik genau in die entgegengesetzte Richtung weisen. Das Grundgesetz, ein Geschenk das einst Freiheit und Gleichheit garantieren sollte, wird immer weiter aufgeweicht. Der Bundesbürger wird abgehört und videoüberwacht wo immer er steht und geht. Und noch immer ist es nicht genug. Es wird danach gerufen auch Ärzte, Rechtsanwälte und Geistliche belauschen zu dürfen. Scheibchen für Scheibchen wird die Privatsphäre abgeschafft. Gestern wegen der Kinderschänder, heute wegen der Terroristen. Mal wieder Terroristen. Bis heute sind nicht annähernd alle, meiner Meinung nach verfassungwidrigen, Änderungen aus unseren Gesetzbüchern verschwunden, die in aller Hast kurz vor den RAF-Prozessen eingeführt wurden. „Anleitung zu Straftafen“, § 130a, zum Beispiel. Wo gibt es denn sowas? Eine griechische Militärjunta hatte mal so einen Einfall. Dort hat das die nachfolgende demokratische Regierung sofort wieder abgeschafft. Hier mache ich mich bereits strafbar, wenn ich per Link auf ein Computerprogramm verweise, mit dem sich ein Kopierschutz umgehen lässt.

Die öffentliche Meinung dürfte den gefährlichen Unfug, der unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung getrieben wird, niemals zulassen. Aber der Deutsche meint eben nur im verborgenen. Er jammert jederzeit am Stammtisch, aber er protestiert niemals öffentlich, denn er ahnt, was im eines Tages dafür blühen könnte. Wenn man liest, wie die künftige Bundespolizei schon heute mit Helikoptern und Wärmebildkameras Jagd auf Graffiti-Sprüher macht, wundert das kaum.

Welche „freien“ Meinungsäußerungen sind denn in der Bundesrepublik legal, und welche nicht? Kann ich hier wirklich meine Meinung sagen, ohne vorher meinen Rechtsbeistand zu fragen? Diese Fragen muß man sich ja leider stellen, bevor man seine Meinung sagt, oder gar schreibt.

Ich fordere daher mehr Meinungsfreiheit! Dann werden auch die Blogs interessanter.

[Edit: Name der Zeitung korrigiert]

7 Antworten auf „Keine Meinung“

  1. Seitdem ich von einem Handwerker und seinem Anwalt einen Schadensersatzforderung bekam, weil ich anstelle von „drei Rügen durch den Werberat bis 2001“ von „drei Rügen durch den Werberat seit 2001“ bekommen habe, schreibe ich keine Namen mehr von Unternehmen, nehme den Beitrag nach einiger Zeit raus oder ersetze die Namen durch ein Zensurzeichen.

    Meinungsfreiheit gilt vielleicht gegenübern Politiker aber nicht gegenüber Unternehmen. Da kommen die plötzlich mit Einschränkung der Gewerbefreiheit, Ausbeutung des Markennamens etc. Wobei ich vermute, dass kleine und mittelständische Unternehmen das pissiger reagieren als Großunternehmen.

  2. Du hast Recht, unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung geschieht ein ganzer Haufen Mist. Und Deine Gedanken zu § 130a StGB haben auch was für sich.

    Kann man ruhig mal sagen. Trotzdem bin ich im Großen und Ganzen ganz zufrieden mit der Meinungsäußerungsfreiheit, die man uns hier in Deutschland zugesteht.

    (schleim an) Gut, dass Du einen eigenen Beitrag zu diesem kürzlich von Mario Sixtus aufgeworfenen Thema publiziert hast. Sonst wäre ich wahrscheinlich erst später auf dieses schöne Blog gestoßen. (schleim aus)

  3. ah ja.
    die gefahr lauert nicht in der meinungseinschränkung, sondern in der suggerierung, dass diese freiheit je existiert hat.
    der allgemeiner tenor scheint zu sein, es herrsche keine eindeutig formulierten parameter zu meinungsäusserung (s. comment marcc). nicht so in diktaturen: da weiß das volk, was es öffentlich sagen darf und was nicht. in demokratien ist es anders: das volk „glaubt“ alles sagen zu dürfen. die realität ist anders.
    diktaturen sind nicht besonders toll. doch eins spricht für sie: ihre represalien sind unmissverständlich formuliert. da weiß man, was man hat.
    hierzulande darf man seine meinung brav auf seite 3 veröffentlichen (sz) oder in verrauchten, muffigen hinterhof theatern, im rahmen eines cabaretauftrittes.

  4. @radhakrishna: Das mit der Seite 3 ist auch mein Eindruck. Spätestens seit bei dem Bush-Besuch in Mainz kritische Transparente von Balkons genommen wurden und bei Renitenz mit der Anti-Terror-Einheit gedroht wurde, ist klar, dass es Meinungfreiheit nur in hübsch kompartimentierten kontrollierbaren Räumen wie Büchern, Zeitungen „verrauchten, muffigen hinterhof theatern“ und am Stamm- oder Caféhaustisch mit seinen Kumpels gibt.

  5. darf ich ausholen?
    mit meiner meinung bezüglich totalitäre regimes stehe ich offensichtlich alleine. vielleicht sitzt meine soviet propaganda aus der brezshnev era (eisige kalte krieg zeit) zu tief (kapitalistischer aggressor usw.) doch kenne ich zu viele deutsche, die dem staat unbequem waren (wackersdorf etc.) aber hierbei handele es sich wohl um verbrechen oder gesetzesüberschreitungen.

    gesetzesüberschreitungen ist sowieso ein schönes wort. die gesetzte werden auch heutzutage inflationär verabschiedet. da ist man schon ein verbrecher, wenn man zu viel oder zu wenig weisst.

    „sei still, heinz-rüdiger. du ärgerst die anderen mit deinem lärm.“ sagt die mutter auf dem spielplatz. tja. da ist bereits hopfen und malz verloren.

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