Textanalyse

In einem Artikel über Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Verlagsgruppe Axel Springer, schrieb Klaus Boldt im Manager Magazin:

Ein Zweifel lief wie ein Zaun durch seine Seele: Er hatte etwas gewollt und nicht bekommen – und fühlte sich als Verlierer. Aber er hatte auch keinen Fehler begangen, außer vielleicht den, ganz fest ans Gelingen zu glauben – und so konnte er das Scheitern auch nicht als Niederlage empfinden. Und doch war es unbestreitbar: Hier war etwas vorübergegangen. Und während es vorüberging, hatte es etwas mitgenommen.

Der Autor erklärt stimmungsvoll, daß es keine Niederlage sei, zu verlieren. Kühn erklärt er ganz nach Managerart das Scheitern zum Sieg.

Methaphorisch vergleicht er Zweifel mit einer befestigten Trennlinie zwischen Grundstücken. In Boldts Text wird Döpfners Seele in einzelne Besitztümer aufgeteilt. Der Autor zeigt, wie die gescheiterte Übernahme von Pro7Sat1 en passant Parzellen von Döpfners Innerstem verzehrt, gleichsam zur feindlichen Übernahme gerät.
Eine besondere Bedeutung kommt dem „Etwas“ zu. Wie ein gespenstisches Säugetier hatte es „etwas mitgenommen“. Dabei unterstreicht Herr Boldt den Zwiespalt des Springer-Chefs dadurch, indem er zwei Etwase in die Geschichte einfließen lässt. Das Etwas nimmt nicht sich selbst mit, sondern ein anderes metaphysisches Etwas, daß Döpfners Seele entstammt, ihr aber dennoch nicht mehr angehört, sondern durch den Zaun abgegrenzt ist.

Durch den fast völligen Verzicht auf Adjektive erhält der Text den Nimbus einer Nachricht, obwohl er praktisch ohne Informationsgehalt auskommt.

Im Kontext einer Fachzeitschrift für Führungspersönlichkeiten zeigt die Freiheit von Inhalt und Aussage selbstironisch, daß Management heute im Wesentlichen die Umwälzung von heißer Luft bedeutet und man als Zeitschrift sogar lauwarme Darmwinde verkaufen kann, wenn man sich nur an die richtige Zielgruppe wendet.

7 Antworten auf „Textanalyse“

  1. das pathos ist skuril in diesem kontext. ich habe den text gelesen und finde er klingt wie ein edgar wallace film aussieht. drama, suspense…ed wood…bela lugosi. schrecklich.
    schön, dass sie sich die mühe gemacht hatten, mister jolly good. dieser journalist scheint seine gescheiterte schriftstellerische karriere mit solchen reportagen kompensieren zu wollen. vielleicht ist es francoise sagan, die hinter einem pseudonym steckt?

    der zweifel, wie ein zaun…gröl. eine gruselige »reihenhaus«-analogie des vorort-journalismus.

  2. Wer ganz fest glaubt, kann gar nicht „endgültig“ verlieren. Nur „vorübergehend“ und am Ende zahlt sich das mit dem „Glauben“ schon aus. Die Textpassage scheint direkt von der Kirche abgeschrieben zu sein. Allerdings zu einem Zweck der dies nicht mal wert ist….

  3. Vielleicht schreibt Herr Boldt sonst für den Bastei-Lübbe-Verlag, verehrter Herr Kubelick.

    Oder er ist, wie Sie andeuten, geschätzer Herr Michael, ein Geistlicher. Das könnte ich mir auch gut vorstellen. Glaube versetzt Berge, heißt es ja. Nur mit der Übernahme von Fernsehkonglomeraten klappt es nicht immer. Die sind wahrscheinlich zu glitschig.

    Genau, mein lieber Herr Ad, wer gewinnt ist doch ein Looser.

  4. Alles eine Frage der Haltung. Mein bewundertes Vorbild F. N. meint dazu:

    Eine gute Haltung zu Pferd stiehlt dem Gegner den Mut, dem Zuschauer das Herz – wozu erst noch angreifen? Sitze wie einer, der gesiegt hat.

    Ob er das wohl heute auch noch so sagen würde, zu einem Hartz Vierer zum Beispiel?

  5. mister bazi,

    naomi »mutterallerzicken«* campbell, eine persönlichkeit der gegenwart mit charisma und haltung, hat was ähnliches von sich gegeben:

    »it’s not the clothes, it’s the pose!«

    *zitat in style

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