Blumen und Schilder

Wenn Leute zwischen zwei Orten hin und her laufen müssen, die durch eine Wiese getrennt sind, wird alsbald ein Trampelpfad entstehen, der eine direkte Linie zwischen beiden Orten bildet, auch wenn um die Wiese herum bereits ein Weg angelegt ist.

Man kann nun ein Schild in die Wiese rammen, das besagt, es sei verboten, den Rasen zu betreten. Vielleicht eher zwei, nämlich eines an jedem Ende des Trampelpfades. Schöner wird die Wiese dadurch nicht, aber es geht ja ums Prinzip.

Weil auf dem Pfad längst kein Rasen mehr wächst, der sich schonen ließe, werden viele den Pfad weiterhin nutzen. Also braucht es als nächstes einen Zaun, der den ihn absperrt.

Dann aber werden sich bald weitere Trampelpfade zu beiden Seiten des Zauns bilden. So muß schließlich die ganze Wiese umzäunt werden.

Allerdings werden viele Menschen über den Zaun klettern, um ihren gewohnten Weg zum Ziel zurückzulegen. Um das zu verhindern wird ein Wächter nötig, der den Zaun beobachtet.

Damit alle den Wächter ernst nehmen, muß er mit Macht ausgestattet werden und es müssen Strafen verhängt werden.

So geht das immer weiter, bis die ganze Wiese ein mit Stacheldaht bewehrtes Schlammloch ist und niemand mehr von der einen auf die jeweils andere Seite möchte. Die beiden Orte werden überflüssig, weil jene die sie einst belebten und brauchten längst vertrieben und hinter Gittern sind.

Man hätte den ersten Trampelpfad auch befestigen können, damit niemand durch knöchelhohen Matsch waten muß. Man hätte ihn mit Blumenbeeten säumen können, damit er hübsch anzusehen ist. Es hätte weniger gekostet, als einen Zaun zu errichten und die Wiese wäre noch da. Aber wer braucht schon Blumen, wenn es auch Schilder gibt?

6 Antworten auf „Blumen und Schilder“

  1. Wenn der „vorgeschriebene“ Weg mehr als +/- 27° von der kürzesten Route abweicht, tendiert der Mensch an und für sich dazu, Wege zu ignorieren und sich einen eigenen Weg zu bahnen.
    27° empfinde ich als eine feine Schwelle, um ausgetretene Pfade zu verlassen und eigene Wege zu gehen… 🙂

  2. Aber von technischen Details und Studien abgesehen, ist es einfach eine wunderschön in Sprache umgesetzte Assoziationskette, die uns vom Bild ausgehend ein Stück mitgehen lässt auf den Gehirnpfaden des Verfassers. Danke.

    Ich assoziiere weiter, allerdings ohne sächlichen Zusammenhang, rein von den Worten verursacht:
    Vermeide nicht den Weg, den alle anderen gehen. Versuche, dort Blumen zu pflanzen.

  3. Ich sehe, Herr oder Frau McO, das Entstehen von Trampelpfaden wird als solcherart elementare Bedrohung unserer Gesellschaft betrachtet, daß sie bereits wissenschaftlich ergründet wurde.

    Noch interessanter scheinen mir die deutlich ältern Erkenntnisse von Gustave le Bon, werter Herr Zeichensatz. Der warf nämlich bereits 1930 die Frage auf, ob ein parlamentarisches System aufgrund der massenpsychologischen Zwänge Gegebenheiten nicht zwangsläufig scheitern muß.

    Ihnen, verehrte Frau Etosha, danke ich für die Blumen.

    Auf welchen Ursprungsort beziehen Sie das, mein lieber Herr Poodle, wenn Sie den Gegenstand meiner Untersuchung als erratisch bezeichnen? Ein wenig Erholung tut Ihnen aber sicher gut, nachdem Sie in Ihrem Kommentarwesen zur Zeit so anstrengende Gäste haben.

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