War es das wert, Herr Sonneborn?

Mit erstaunlich einfachen Mitteln (per Fax avisiertes Angebot von Schwarzwälder Schinken und Kuckucksuhr) ist es Ihnen, damals Chefredakteur der Titanic, gelungen, dafür zu sorgen, daß Deutschland die Fußballweltmeisterschaft 2006 ausrichtet.

Wenngleich Kaiser Franz (Beckenbauer) sich zunächst wenig begeistert zeigte, fühlte ich mich trefflich amüsiert. Erheiternd empfand ich auch die wertvollen Aufnahmen der Kommentare der Leser des weit verbreiteten Satireblattes „Bild“.

Aus welchem Grund Charles Dempsey, der wirre Rentner aus Glasgow, sich im Namen Neuseelands tatsächlich der Stimme enthielt, weiß wohl nur er selbst (falls er sich noch daran erinnert).

Wenn nun aber unter meinem Fenster trunkene junge Damen aus voller Kehle „Deutschland! Deutschland! Deutschland!“ brüllen und an jeder Ecke mit dem Adenauer gewedelt wird, ja sogar schwarz-rot-goldene Klebebilder im Gesicht getragen werden, wird mir doch etwas seltsam zumute. Wenn den ganzen sonnigen Tag (es muß wohl der fünfte in diesem Jahr sein) und in der Nacht Helikopter über der Stadt knattern und Menschen sich zu Tausenden am Nachmittag in abgedunkelten Hallen zum Fernsehen zusammenrotten, statt endlich die Sonne zu genießen, wird mir ganz zweierlei.

Erwachsene Menschen keilen sich schon seit Wochen um Panini-Sammelbilder. (Warum eigentlich Panini? Brot und Spiele?) Das erschien mir bereits im Kindergarten suspekt.

Für die Satire ertrage ich das, für mein Land sicher nicht.

9 Antworten auf „War es das wert, Herr Sonneborn?“

  1. Lieber Herr Fellowpassenger, waren Sie etwa auch bei einer Multimedia-Lesung des Herrn Sonneborn?
    Langweilige TV-Kommentatoren finde ich meist ärgerlicher als ein paar alkoholisierte „Deutschland, Deutschland“-Rufer auf dem Heimweg.

  2. Burkina Faso! Bhutan! Republik China! San Marino! Belize! Suchen Sie sich einfach einen Alternativstaat aus und brüllen Sie dessen Namen den Deutschland-Rufern entgegen!

  3. Das mag natürlich sein, verehrter Herr Zeichensatz. Vielleicht verhindert so ein ein punktueller Ausbruch von eigentlich abtrainiertem Patriotismus ja Schlimmeres.

    Wohler wäre mir aber doch, bester Herr Rationalstürmer, solcherlei ohne Anlass zu formulieren.

    Einer Lesung von Herrn Sonneborn beizuwohnen, zumal einer multimedialen, war mir bislang noch nicht vergönnt, mein lieber Herr Christoph. Langweilige TV-Kommentatoren haben den Vorzug, daß ihr
    Wirkungsbereich aufs Fernseh beschränkt ist. Auf diese Weise bleibe ich davon verschont.

    Das nenne ich Einsatz, mein teuerster Herr Ole! Schrill wie die Kombination schwarz-rot-blau ist, passt das sehr gut zu dieser Veranstaltung.

    Auch wenn Ihre Idee durchaus reizvoll ist, höchst geschätzter Herr Zaf, gebe ich zu Bedenken, daß mir das Brüllen wenig liegt. Allenfalls deftige Flüche erlaube ich mir manchmal mit erhobener Stimme auszurufen.

  4. Lieber nicht, Herr Zaf. Wenn mich beispielsweise ein aufrechter Mitbürger darauf hinweist, daß ein Weg, den ich mit meinem Fahrad befahre als Fußweg gekennzeichnet ist, genügt es völlig, wenn ich dieser schleimverschmierten Nachgeburt einer stinkenden Schmeißfliege ein aufgeschlossenes „wie interessant“ zurufe. Zum Einen liegt es mir fern, für so einen personifizerten Hundehaufen zwecks näherer Ausführung zu bremsen, zum Anderen bin ich stets bemüht, auch gegenüber restlos schwachsinnigen Möchtegernblockwarten, die es nicht einmal zu Fahrkartenkontrolleur geschafft haben, höflich aufzutreten. Deswegen erwähne ich gar nicht erst, daß ein quer über die A9 verteilter Nacktmull mehr Charisma hätte als dieses fleischgewordene Latrinensediment.

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