Größenleinwahnd

Kein Lichtspielhaus würde es wagen, seine Projektionsfläche mit solch einer infamen Bezeichnung wie „Großleinwand“ anzupreisen. Selbst Multiplex-Kinos, die sich jederzeit gerne mit dem Nimbus von Größenwahn umgeben, ist derlei noch nicht in den Sinn gekommen.

Dieser Tage brüstet sich allerdings schon fast jeder Stehausschank der es auch nur geschafft hat, einen x-beliebigen Putzlumpen an die Wand zu nageln damit, die derzeit grassierende Sportveranstaltung auf einer Großleinwand zu präsentieren.

Mit an Schwachsinn grenzender Naivität weisen die Wirte eifrig darauf hin, daß die Aufnahmen der Rasenflächen sogar live zu bestaunen wären. Dabei sind Lokale die Videoaufzeichnungen vom Vortag darbieten doch eher selten. Erstaunlicherweise fehlt der Hinweis darauf, daß das Ereignis in Farbe und mit Ton wiedergegeben wird.

Schwarz-weiß mit Klavieruntermalung wäre ja ebenfalls denkbar. Das hätte zudem den Vorteil, daß Biergartenbesuche auch in diesem Sommer erträglich wären.

7 Antworten auf „Größenleinwahnd“

  1. Erstaunlicherweise schafft man es aber mit derlei, zudem zumeist lichtschwachen, Darbietungen selbst die defizitärsten Einkaufspassagen zu füllen. Wie mich ein Gewerbetreibender versicherte, sorgen die Fußballbegeisterten, in den bis weit in die Nacht geöffneten Geschäften, aber nicht für vermehrten Umsatz, wie es der Plan der Gastgeber vorsah, sondern beschränken sich darauf, das Freibier auszutrinken und ein wenig zu lärmen zum Dank.

  2. also in der ungerer bad ist auch ein badetuch aufgespannt und da wird jeden montag ein jim jarmusch film gezeit. der projektorman hat die vorstellung so angekündigt:

    »liebe gäste, leider fehlt stranger than paradise heute aus, stattdessen zeigen wir das spiel italien gegen kroatien.« es ging ein raunen durch die wiese. alle 5 besucher, die sich in polar overalls (kein witz) dahingeflackt hatten, die hardcore fans des »verwirr mich, aber bitte spiele dazu geile muke«-films waren entsetzt und zitterten vor entäuschung.
    doch dann kamm er. in schwarz/weiss mit pause zum rolle wechsel um sich weiter hin zu frieren (ich hatte keine socken). es war verwirrend, lustig und auf jedenfall mit geiler muke.

    dann wurde ich von italienischen fans überfahren.

    screaming jay kubelick

  3. mister quint,

    schalten sie die farbe bei ihrem fernseh-gerät aus, dazu schalten sie ihren musikvorspielgerät ihrer wahl ein, schieben sie die ungarische rhapsodie nr. 6 von werten mister liszt rein, und fertig ist die inszenierung: wmmitnivea.

    so sollten es aussehen dann.

    bitte sehr. bei fragen zur musikuntermahlung stehe ich jederzeit gern mit alternativvorschlägen zur verfügung.
    kubelick

  4. Mein lieber Herr Passenger, Sie sollten sich dazu mal das Public Gequatsche der Anwesenden anhören, während das Fußballspiel läuft, dann würden Sie augenblicklich das gute alte Transistorradio zurückwünschen, das Sie ans Ohr pressen, in der Hoffnung, dass es alles andere überdeckt.

  5. Lachen und kleinere Schreckensschreie, wie sie im Kino geduldet werden, würde auch auch den Stummfußballzusehern zugestehen, verehrter Herr Zeichensatz.

    Das, geschätzter Herr Dr. No, hat mich bereits im Vorfeld dieser Veranstaltung gewundert. Es ist kaum anzunehmen, daß plötzlich mehr Quarktaschen, Schreibmaschinen und Damenbinden verkauft werden, nur weil einige Wochen besonders viel Fernsehen geschaut wird.

    Die Filmvorführer von Freilichtkinos sind sogar allgemein als Humoristen bekannt, bester Herr Kubelick. Im Westpark musste im Chor „Footmassage“ gerufen werden, ehe Pulp Fiction gezeigt wurde.

    Wozu jemand schildert, was auf der Mattscheibe zu sehen ist, habe ich ohnehin noch nie verstanden, verehrter Herr Quint.

    Das hystherische Geplärr was bei solchen Veranstaltungen aus dem Transistor quillt, ist doch schon aus der Entfernung nicht zu ertragen, bester Herr Poodle. Wie können sich das direkt ans Ohr halten?

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