Blog

  • Katze im Sack

    Als „Hardboiled Melodram“ bezeichnet Florian Schwarz seinen Film „Katze im Sack„. Das habe ich aber gerade erst gelesen. Davor habe ich den Film gesehen und dazwischen spontan das Genre „Beischlafgroteske“ erfunden. Ich finde das passt besser.

    Es begegnen sich zwei seltsame Menschen, Doris und Karl, im Zug und entwickeln eine ambivalente Zuneigung. Anstelle gemeinsamer Unternehmungen bestehlen sie sich lieber gegenseitig und trennen sich. Als sie sich in einer trostlosen Karaokebar wiedersehen, finden sie auch nicht zusammen. Dafür haben sie und sämtliche Gäste Sex mit einem Partner, den sie eigentlich nicht wollen. Karl mit dem „Sahneschnittchen“, auf das der schmierige Aufreisser Sandro ein Auge geworfen hatte, Sandro mit Doris, Doris‘ Freund geht ins Bordell und Sahneschnittchens Schwester stürzt sich ebenfalls auf Karl. Der zu Beginn der Geschichte von Karl verprügelte Gelegenheitsschwule Peter schlägt derweilen seine Frau.

    Den Film ist witzig, boßhaft, auch melodramatisch und durchaus irritierend. Gut gespielt, schön gefilmt, schnell geschnitten. Die marode Atmosphäre wird untermalt mit Musik von 2Raumwohnung und Slut. Die Figuren bleiben bis zum Ende unnahbar und voller Rätsel, deren Auflösung stets nur angedeutet wird. Immer kommt es anders als vermutet. „Katze im Sack“ ist kein schöner, aber ein sehenswerter Film. Wenn der Verleih verspricht, es sei „Ein Liebesfilm für alle, die keine Liebesfilme mögen“, verspricht er nicht zuviel.

  • Bei Anruf Nepp

    Für was sind eigentlich diese komischen Telefonnummern, die mit 0180 beginnen? Ursprünglich war die Idee doch, Unternehmen könnten sich so an den Kosten beteiligen, die ihren Kunden bei einer Kontaktaufnahme entstehen. In Wahrheit ist es aber heute so, daß die Unternehmen ihren Kunden damit ohne Not finanziellen Schaden zufügen. Welchen Vorteil hat ein ADAC-Mitglied, seinen Verein unter der Nummer 01805/101112 für 0,12 Euro pro angefangener Minute anzurufen, wenn es selbst unter der Woche tagsüber auch schon für 0,014 Euro möglich ist, ihn unter der Nummer 089/222222 zu erreichen? So ist es nur bei Anruf aus dem Festnetz. Es könnte also für den liegengebliebenen Autofahrer mit dem Mobiltelefon günstiger sein. Könnte es. Ist es aber nicht. Denn da gilt der Tarif des Funknetzbetreibers. Der ist bei 0180er-Nummern gewaltig. Bei O2 kostet ein Anruf beim ADAC tagsüber zum Beispiel 0,60 Euro pro Minute.

    Jetzt könnte man meinen, der ADAC oder jeder andere 0180er-Nummerninhaber möchte etwas an den Anrufen seiner Kunden verdienen. Vielleicht möchten sie das, aber sie tun es nicht. Das Geld bleibt bei der Telefongesellschaft. Im Gegenteil: Wer sich eine 0180er-Nummer schalten lässt muß dafür jeden Monat extra zahlen.

    Nicht alle 0180er-Nummern sind böse. So kostet ein Anruf unter der Vorwahl 01804 nur 0,24 Euro pro Anruf. Bei Gesprächen ab knapp 18 Minuten wäre das ein Schnäppchen. Bei 01802 lohnt es sich sogar schon ab sechseinhalb Minuten. Bei diesen Tarifen zahlt übrigens der Angerufene nicht nur monatlich sondern auch für die Verbindungskosten. Nur aus dem Festnetz natürlich. Vom Handy aus kostet es minutenweise etwa 0,40 Euro. Daß eigentlich schon der Angerufene zahlt, stört die Mobilfunkanbieter dabei keineswegs.

    Wenn Sie, sobald jemand Sie auffordert ihn unter so einer Vorwahl anzurufen, das Gefühl beschleicht, man will Sie über den Tisch ziehen, kann ich Sie in drei Punkten beruhigen:

    1. Ihr Gefühl trügt nicht
    2. Der Nutznießer ist nicht der, den Sie anrufen sollen. Der wird nämlich selber abgezockt.
    3. Praktisch immer haben die Unternehmen auch normale Telefonnummern. Viele davon finden Sie zum Beispiel hier.
  • Keine Meinung

    Mario Sixtus fordert mehr Meinung in Blogs. Ihm fällt auf, „wie frei von Meinung viele Blogger oft sind.“ Das sehe ich anders. Nicht die Blogger sind meinungsfrei, sondern die Blogs. Wenn überhaupt, denn die wenigsten Blogs sind ja frei von eigener Meinung. Wer über sein Gefühlsleben öffentlich Tagebuch führt, schreibt dabei ja auch seine Meinung. Für die dürften sich aber die Leser dieser Kolumne in der Frankfurter Rundschau Online kaum interessieren. Es ist diese Meinungsäußerung ja im Grunde auch nur an einen eher kleinen Kreis gerichtet. Es ist einzusehen, warum Herr Sixtus diese Befindlichkeitsjournale nicht erwähnt.

    Es fehlen eher Blogs, die Meinungen zu politischen Themen und gesellschaftlichen Entwicklungen verbreiten. Solche Blogs also, die in der Presse gerne als unseriös bezeichnet werden, weil sie keine journalistische Qualität bieten. Will man bei dem unsäglichen Vergleich mit der Presse bleiben, kann man ja auch argumentieren, daß eine Zeitung in erster Linie Nachrichten verbreiten soll. Meinungen muß sie natürlich auch, aber erst in zweiter Linie verkünden. Eine eigene Meinung darf eine Zeitung eigentlich nicht haben. Ein Weblog schon.

    Woher kommt es, das die deutschen Blogs so selten Farbe bekennen fragt der Kolumnist: „Woran liegts? Pisa? Formulierungsprobleme? Wortschatz verkifft? Rechtschreibschwäche? Faulheit? Angst? Schüchternheit? Keine Ahnung.“

    Dieser Meinungsmagel in Deutschland ist nicht auf die Blogs beschränkt. Es ist eigentlich auch kein Mangel an Meinung. Es ist ja nicht so, daß der Deutsche grundsätzlich keine Meinung hätte. Aber er ist es gewohnt, sie für sich zu behalten. Das musste er während der Nazizeit. Ein großer Teil musste auch anschließend weiter schweigen, wenn er in der DDR lebte. Die Meinungsfreiheit ist in der Bundesrepublik längst nicht so tief verwurzelt wie etwa in den USA. Das sieht man eben auch an den Blogs.

    Daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Zumal die Signale aus der Politik genau in die entgegengesetzte Richtung weisen. Das Grundgesetz, ein Geschenk das einst Freiheit und Gleichheit garantieren sollte, wird immer weiter aufgeweicht. Der Bundesbürger wird abgehört und videoüberwacht wo immer er steht und geht. Und noch immer ist es nicht genug. Es wird danach gerufen auch Ärzte, Rechtsanwälte und Geistliche belauschen zu dürfen. Scheibchen für Scheibchen wird die Privatsphäre abgeschafft. Gestern wegen der Kinderschänder, heute wegen der Terroristen. Mal wieder Terroristen. Bis heute sind nicht annähernd alle, meiner Meinung nach verfassungwidrigen, Änderungen aus unseren Gesetzbüchern verschwunden, die in aller Hast kurz vor den RAF-Prozessen eingeführt wurden. „Anleitung zu Straftafen“, § 130a, zum Beispiel. Wo gibt es denn sowas? Eine griechische Militärjunta hatte mal so einen Einfall. Dort hat das die nachfolgende demokratische Regierung sofort wieder abgeschafft. Hier mache ich mich bereits strafbar, wenn ich per Link auf ein Computerprogramm verweise, mit dem sich ein Kopierschutz umgehen lässt.

    Die öffentliche Meinung dürfte den gefährlichen Unfug, der unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung getrieben wird, niemals zulassen. Aber der Deutsche meint eben nur im verborgenen. Er jammert jederzeit am Stammtisch, aber er protestiert niemals öffentlich, denn er ahnt, was im eines Tages dafür blühen könnte. Wenn man liest, wie die künftige Bundespolizei schon heute mit Helikoptern und Wärmebildkameras Jagd auf Graffiti-Sprüher macht, wundert das kaum.

    Welche „freien“ Meinungsäußerungen sind denn in der Bundesrepublik legal, und welche nicht? Kann ich hier wirklich meine Meinung sagen, ohne vorher meinen Rechtsbeistand zu fragen? Diese Fragen muß man sich ja leider stellen, bevor man seine Meinung sagt, oder gar schreibt.

    Ich fordere daher mehr Meinungsfreiheit! Dann werden auch die Blogs interessanter.

    [Edit: Name der Zeitung korrigiert]

  • Die taz überfordert mich

    Da schreibt die taz zum Beispiel:

    Raum ohne Volk?

    Weite Teile Deutschlands werden in den kommenden 25 Jahren veröden, denn die Abwanderung in die Ballungsgebiete ist nicht zu stoppen. Der Staat zieht sich dann aus so manchem Landstrich zurück und stellt damit seine Existenz als „Daseinsvorsorger“ in Frage. In den dünn besiedelten Gebieten entstehen aber auch Freiräume für eine experimentelle Politik. Die taz widmet dieser Entwicklung eine neue Serie SEITE 4, 5

    Das klingt interessant. Ich würde gerne auf „SEITE 4, 5“ weiterlesen. Das kann ich aber nicht, weil ich diese Seiten nicht finde. Das liegt sicher daran, daß die Online-Ausgabe gar keine Seitenzahlen hat. Das finde ich doof. Ich möchte jetzt aber auch nicht vorschlagen, Seitennummern einzuführen. Das wäre nämlich auch doof. Aber gerade für Online-Texte gibt eine ganz tolle andere Möglichkeit, von einer Textstelle auf eine andere zu verweisen: Den Hyperlink, oder kurz, Link. Hyperlinks sind so toll, daß das ganze Internet voll davon ist. Ich weiß, daß auch die taz diese Technik kennt. Die schreibt nämlich unter jeden Artikel einen drunter. Es ist aber immer der gleiche: Was ist Ihnen die Internetausgabe der taz wert? Die Antwort mag bitter klingen, aber sie ist logisch. Die Internetausgabe der taz ist nicht viel wert, solange man die Artikel darin nicht findet.

    Das erinnert mich ein bißchen an einen Schildbürgerstreich, den sich der PC-Pannendienst Homejumper mal geleistet hat. Der hat nämlich mal einen Webespot im Fernsehen gezeigt, der besagte, wenn der heimische Computer streikt, soll man Homejumper holen. Am Ende wurde dann die Internetadresse des Unternehmens eingeblendet. Auch doof. Daß diese Seite nichts als Adresse und Telefonnummer der Firma enthielt, fand ich ebenfalls nicht sehr geschickt. Außerdem dachte ich mir, ein Privatanwender kann sich dafür kaum interessieren. Seine Waschmaschine lässt er sicher reparieren, die geht dann ja wieder ein paar Jahre. Aber der PC? Das wird nichts, dachte ich. Das wurde nichts, merkte einige Monate später auch Homejumper, setzte über die Hälfte seiner Belegschaft auf die Straße und wollte nun lieber kleine Unternehmen als Kunden. Kleine Unternehmen wollten aber wohl keinen Dienstleister, der sich Homejumper nennt. Jedenfalls ging Homejumper kurz darauf pleite. Schuld war, so hieß es, die Flaute in der IT-Banche.

    Bei der taz hat die Zeitungsbranche Schuld, schreibt sie. Die taz ist zwar nicht pleite, aber seit Jahren immer kurz davor. Deswegen soll der Leser der Online-Ausgabe bitte spenden. Ich bin sicher, das würden viele gerne tun, wenn sie die taz auch online lesen könnten.

  • Borscht mit B

    Nach dem Genuß ukrainischer Spezialitäten und erklecklicher Mengen passender geistiger Getränke wird Geschichte geschrieben.

    Nach ausgiebiger Prüfung der physischen und psychischen Belastbarkeit des designierten heiligen Vaters durch das wachsame Auge des Kardinalprodiakonates und des Zeremonienmeisters Leon, die wegen Minderjährigkeit von der Vodkaverkostung ausgeschlossen blieben, stieg der geheimisumwobende weiße Rauch auf.

    „Annuntio vobis gaudium magnum, habemus Papam! Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum Fellow Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Passenger qui sibi nomen imposuit Petrus II“, verkündete Kardinalprotodiakonin Tabea.

    Kardinalprotodiakonin Tabea
    In sakraler Stimmung kündigt Kardinalprotodiakonin Tabea das neue Pontifikat an.

    Dank des beispiellosen Einsatzes von Zeremonienmeister Leon, kam es diesmal bei der Deutung der Rauchsignale nicht zu Unsicherheiten.


    Zeremonienmeister Leon sorgt für die nötige Luftzufuhr.

    Papst Petrus II. bei der Anprobe des Ornats
    Papst Petrus II. bei der Anprobe des Ornats

    Nachdem der neue Papst Petrus II der versammelten Menge den apostolischen Segen Urbi et Orbi erteilte, war die Ernennung von Kardinal Jan K. zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre seine erste Amtshandlung.
    Kardinal K. nimmt Schwester R. die Beichte ab
    Kardinal K. nimmt Schwester R. die Beichte ab

    Die Glaubenskongregation müsse sich endlich wieder auf ihre urspünglichen Aufgaben besinnen, begründete er seine Entscheidung. Deshalb sei es ebenfalls nötig, daß die Glaubenskongregation künftig wieder unter ihrem früheren Namen „Die Römische Inquisition“ firmiert, erklärte der Heilige Vater weiter.

    Ferner kündigte er weitreichende Reformen an. So solle beispielsweise die Oblate als Symbol für den Leib Christi schon bald durch herzförmige Schokoladentäfelchen abgelöst werden. Die heilige Messe müsse den Gläubigen endlich in zeitgemäßer Form schmackhaft gemacht werden.

  • Von so viel Ignoranz wird mir ganz schlecht

    Schon wieder ein Rechtschreibthema! Dabei bin ich doch sicher keine Kapazität auf diesem Gebiet. Munter rechtschreibfehlere ich so vor mich hin, schäme mich, wenn ich dabei ertappt werde und huldige stets der präreformatorischen Schreibweise. Die zu erlernen war mir schwierig genug und mein beginnender Altersstarrsin hindert mich daran, davon abzuweichen.

    Stur weigere ich mich, „wohl verdient“ zu schreiben, wenn ich „wohlverdient“ meine, weil ich glaube, daß „vermutlich erarbeitet“ und „angemessen“ nicht dasselbe bedeuten kann.

    Rechtschreibung hin oder her, verstehe ich nicht, warum ich dauernd von „Ignoranz“ lesen muß, wenn der Autor offensichtlich Gleichgültigkeit“ meint. Zum Beispiel bei Telepolis:

    Doch etwa der Widerspruch zum Irak-Krieg 2003, der ihn in Konflikt mit US-Präsident George W. Bush brachte, verstellt den Blick dafür, dass Johannes Paul II. gerade mit diesem weltlichen Führer, mit seinem Sendungsbewusstsein, seiner Ignoranz für Andersdenkende, seinen durch keinen Zweifel und kein Argument zu erschütternden weltanschaulichen Positionen viel verband.

    oder auch in der FAZ.NET:

    Davon unbeschadet verdient das Reformpaket Annans Anerkennung: weil es die Mängel dieser Organisation nicht verschweigt, weil es sich weder scheut, Widersprüche auszusprechen, noch Fehlverhalten (Ignoranz von Völkermord) und Fehlentwicklungen (Menschenrechtsverletzer in der Menschenrechtskommission) anzuprangern.

    Anscheinend sind diese Autoren selbst von Ignoranz befallen. Dabei könnten sie diesen Zustand leicht ändern, wenn sie nur nicht ausgerechnet eines Ihrer wichtigsten Handwerkszeuge, den Duden ignorieren würden. Darin steht nämlich — im alten wie im neuen — was Ignoranz bedeutet: Dummheit, Unwissenheit.

  • Sportlicher Biergartenbesuch

    Das Frühlingswetter und der Vorschlag einer Freundin trieben mich in den Biergarten. Die Kieselsteinchen auf den Straßen hat die Stadtreinigung zusammengefegt. Endlich wieder Inlineskates-Fahren! Genüßlich eine kühle Radlermaß trinken und dazu Obazda mit Breze essen. Vielleicht auch ein indisches Joghurt-Gemüse-Gericht, dessen Namen ich mir nicht merken kann. Wunderbar!

    Doch was ist das? Die Meteorologen kündigen Regen an. Auf nassen Wegen ist nicht gut skaten, weil die Rollen dauernd seitwärts wegrutschen, außerdem muß man danach die Kugellager auseinanderbauen, säubern und neu schmieren, weil sie sonst rosten. Kurzentschlossen verlegen wir unseren Biergartenbesuch in den „Wintergarten“ am Elisabethmarkt. Da ist auch ein Biergarten und es ist näher. Viel näher sogar. Genauer gesagt ist es keine 100 Meter von der Redaktion des Fellow Passenger entfernt. So viel zum Sport.

    Der kleine Biergarten ist nett, der Kellner auch. Er scheut allerdings, meiner Begleitung die schwierige Entscheidung „Apfel- oder Orangenschorle“ abzunehmen. Freie Entfaltung in der Ausübung seines Berufes schade ihm, erklärt er. Schweren Herzens serviert er schließlich Apfelschorle.

    Es wird schnell ziemlich kalt draußen. Also gehen wir rein. Der Kellner serviert, jetzt etwas mutiger, Orangensaftschorle. Der Lärmpegel macht die Unterhaltung schwieriger. Mit schriller Stimme und agressiven Gebärden brüllt ein Äthiopier an der Theke wieder und wieder, „Ich bin ein Bayer!“

    Meine Begleitung berichtet von ihrem Urlaub in Goa. Von idyllischen Plätzen, herzlichen Gastgebern und friedlich kiffenden Gästen erzählt sie. Sie schwärmt, wie angenehm entspannt ihr Lebensgefährte, mein langjähriger Freund, dort war.

    Der äthiopische Bayer präzisiert indessen mehrfach und lautstark, „Ich bin ein Münchner! Ich bin ein Schwabinga!“

    Unser Gespräch geht weiter. Eine Münchner Agentur suche einen Senior Art Director, sagt Sie. Ob sie sich schon beworben habe, fragte ich. Ich sei wie Ihre Mutter, schimpft sie. Ob sie die Stelle denn interessiere, korrigiere ich meine Frage. Ja, sagt sie, als sich Daniel, ein Freund des „Schwabingas“ zu uns gesellt. Der Papst sei gestorben erklärt er auf englisch, und fragt, wer der Nachfolger werden würde. Macht Vorschläge. Der da hinten im Eck mit dem weißen Zwirbelbart? Du, ich? Ich nicht, kontere ich, denn der Papst müsse Katholik sein. Ob ich Protestant sei, will er wissen. Ich sei überhaupt nicht religiös, erkläre ich. Das gefällt ihm. Er fragt meine Begleitung, ob sie englisch verstehe. Sie bejaht, gibt zu erkennen, daß sie Amerikanerin ist.

    Daniel, der zweite Äthiopier im Wintergarten erzählt, er habe in Russland Mikrobiologie studiert. Es sei immer kalt gewesen. Minus 20 Grad Celsius. Dort würden deshalb unglaubliche Mengen an Vodka verzehrt. Mir viel ein, daß Konrad Adenauer deswegen vor einer Verhandlung mit Krustschow Öl getrunken haben soll, um nicht vorzeitig vom Stuhl zu kippen. Daniel kennt diese Geschichte und freut sich. Er will wissen, ob ich Russisch verstehe. Ich weise auf meine Begleitung und sage, sie könne Russisch. Sie unterhalten sich eine Weile. Alles was ich verstehe ist, „Njet, njet, njet!“

    Sie bekommt einen Anruf von Ihrem Freund, er muß aufs Klo. Zu mir gesellt sich der „Schwabinga“. Wortreich erklärt er, daß Schwarze immer wieder diskriminiert werden. Ich verstehe ihn nur schlecht. Er wirkt etwas niedergeschlagen, manchmal kämpferisch provokativ. Vor allem ziemlich betrunken. Man solle lieber an Gott als die Kirche glauben, sagt er. Ich gebe ihm recht. Er glaube nur an was er sehe und an sich selbst. Das sei auch gut so, sage ich ihm.

    Meine russisch-amerikanische Münchnerin kommt wieder an den Tisch und klagt, darüber daß Ihr Freund sie nicht mit dem Auto abholen möchte. Ich hätte zuweilen auch keine Lust, daß Haus zu verlassen sage ich. Zu Fuß bräuchte ich zu ihm 20 Minuten, auf Skates wäre sie leicht in 10 Minuten dort. Sie antwortet, sie wisse nicht ob sie ihn sehen wolle. Er sei nicht mehr so entspannt, wie im Urlaub. Die Alltagsroutine hole einen eben schnell wieder ein, denke ich laut.

    Daniel und sein Freund wollen gehen, verstricken sich aber mit einem älteren Herren an der Theke in ein Gespräch über Begrüßungsrituale. Ich fühle mich bereits durch zwei halbe Radler und ein Helles geschwächt und möchte heim. Sie hat sich entschlossen zu ihrem Freund zu skaten. Wir zahlen und brechen auf.

    Geregnet hat es übrigens nicht.

  • Abgrund Internet

    Das Internetz ist der Hort des absolut Bösen. Dort verabreden sich Terroristen und Kinderschänder. Betrüger aus Nigeria winken per E-Mail mit virtuellen Millionen, um reale Tausender abzukassieren. Unaufhöhrlich schwappt digitaler Werbemüll in die elektronischen Postfächer. Heimtückische Dialer-Programme verursachen horrende Telefonrechnungen. Kriminelle heischen unter falschem Namen nach den Kennwörtern für Bankgeschäfte. Ungeschoren verstoßen zwielichtige Gestalten gegen deutsche Gesetze, indem Sie ihre Machenschaften kurzerhand auf ausländische Server verlegen.

    Diesem Sodom und Gomorrha im Cyperspace muß endlich Einhalt geboten werden! Wir brauchen ein wirksames Internetzgesetz. Der Zugriff auf ausländische Angebote muß unterbunden, oder zumindest über eine amtlich verwaltete Positiv-Liste eingeschränkt werden. Weiterhin müssen Internetzangebote innerhalb Deutschlands vor der Veröffentlichung von amtlicher Seite geprüft werden. Unablässig ist eine Kontrolle durch die Bundesprüfstelle für Jugendgefährdende Schriften und das Bundesamt für Verfassungsschutz. Zu empfehlen wäre, wegen der Gefahr von Verstößen gegen bestehende Softwarepatente, ebenfalls eine Genehmigungspflicht gegenüber dem Europäischen Patentamt.

    Während China ein ähnliches Modell längst umgesetzt hat, zeigt die Bundesrepublik praktisch keine Handlungsbereitschaft. Selbst Tunesien darf hier als Vorreiter gelten. Dabei steht nicht weniger auf dem Spiel als die innere Sicherheit.

  • Big Papa Show

    Der Pope-Contest 2005 findet in der total chilligen Sixtinischen Kapelle statt. Die liegt in der Vatikanstadt. Das ist ein eigenes Miniland und liegt in Rom, der Hauptstadt von Italien. Ein bißchen so wie Monaco in Frankreich.

    117 Kandidaten werden zwischen dem 17. und 22. April antreten, und alle ihr Bestes geben. Katholisch sind sie alle, aber wer von den sympathischen Boys wird die Herzen der anderen erobern? Girls dürfen übrigens leider nicht mitmachen.

    Italiens Liebling ist eigentlich Camillo (74), der gerne mal was neues ausprobiert. Angelo aus aus Venedig mit den wuscheligen Haaren ist auch super süß. Er ist aber erst 63 Jahre alt und kann darum nur Papst werden, wenn seine Eltern es erlauben. Ganz weit vorne im Rennen ist auch Giovanni (71), dessen Urgroßvater Re mal Gott in Ägypten war. Genauso alt ist Dionigi aus Mailand, den alle auf den Arm nehmen, weil er so abstehende Ohren hat.

    José (69) aus Portugal, der gerne Anzugjacken zum Stehkragenhemd trägt, möchte in der Kirche gerne vieles ganz anders machen. Joseph (77) aus Deutschland würde lieber alles so lassen wie es ist. Manche finden ihn komisch, weil er immer so dicke Augenringe hat. Aber er feiert die Feste eben wie sie fallen.

    Juan Luis (61) aus Peru will sich, wenn er gewinnt, erst mal eine neue Brille mit entspiegelten Gläsern kaufen. Die beiden Brasilianer Cláudio (70) und Geraldo (71) streiten sich immer beim Monopoly. In Wirklichkeit sind sie aber dicke Freunde.

    Ivan (68) kommt gar nicht aus Russland, sondern aus Indien. Im katholischen Fernsehen ist er aber Profi. Er arbeitet schon seit 36 Jahren für den Vatikan und kennt Gott und die Welt.

    Das Nesthäkchen ist Peter Kodwo aus Ghana. Er ist erst 56. Er findet, es ist Zeit für einen schwarzen Papst. Wenn es diesmal nicht klappt, will er Basketball-Profi werden. Francis (72) ist auch schwarz und rechnet sich bessere Chancen aus, schließlich ist er immerhin seit zwei Jahren volljährig und hat schon einen Führerschein der Klasse 3 (Anm. d. Red.: Entspricht heute B, BE, C1, C1E).

    Es wird eine echt spannende Wahl, weil wirklich alle Kandidaten das Zeug zu einem Star haben. Aber Papst darf eben nur einer werden. Die Kirchenprofis nennen dieses Casting Konklave. Gemein: Während des Konklaves haben alle Kandidaten absolutes Handy- und Fernsehverbot. Die haben voll altmodische Spielregeln. Darum darf dabei auch niemand zuschauen. Obwohl alles so geheim ist, könnt ihr aber hier voten, wer als erster rausfliegen soll.